Voller Anmut und Glück sitzt Isaure auf einem blauen Stein – ihre paradiesische Stimmung vollendet der Liebesschwur des tugendhaften Ritters Vergi. Wären da nicht die Brüder, die sie zur Rettung des Familienwohlstands dem reichen Sire Raoul überantworten. Dessen köstliche Geschenke sind letztlich zu verlockend und so scheint die Zeit in Form der Sanduhr gekommen, um den Countdown ins Ungewisse einzuläuten. Als sie dem smarten Verführer als Ehefrau ins Schloss folgt, tappt Isaure bald in die tödliche Falle, die „Blaubart“ seinen Frauen stellt, deren Neugier laut Prophezeiung sein eigenes Leben bedroht.

Das Libretto zu Andre-Modeste Grétrys im Revolutionsjahr 1789 in Paris uraufgeführter, betörend elegant komponierter Opéra-comique stammt aus der Feder von Michel-Jean Sedaine. Raffiniert verzahnt es Perraults Version des Blaubart-Märchens mit der Legende von „La Dame de Fayel“. So triumphieren in diesem mit psychologischem Hintersinn garnierten „Schlüssel“-Werk am Ende doch Treue und Liebe über das monströse Grauen, das hinter der verbotenen Kammer lauert.

Parbleu! Was für ein poetisch inszenierter, vokal und orchestral beglückender „Barbe-Bleue“ lockt im Jubiläumsjahr „300 Jahre Heinrich von Preußen“ als Open-Air-Produktion in den Rheinsberger Schlosshof. Insbesondere den Rheinsberg-Neuling überwältigt die Magie der royalen Naturkulisse, die den Blick von der kleinen Bühne durch die Kolonnaden über den See auf den wundervollen Landschaftsgarten schweifen lässt.

All dies hat Maja Jantar harmonisch in ihr schlüssiges Regie- und Bühnenkonzept integriert. Sie ist es gewohnt, spartenübergreifend zu arbeiten, und macht auch diese Opern-Wiederentdeckung zum bezaubernden Gesamtkunstwerk – nicht zuletzt dank des sensationellen, optimal geführten jungen Solisten-Ensembles. Mühelos parliert es in den gesprochenen Partien auf Französisch, agiert filmreif – wie Tenor William Diggle, der seinen Osman zum heimlichen Drahtzieher macht – und gestaltet die Arien, Duette und Ensembles ebenso natürlich wie virtuos. Atemberaubend, mit welcher Intensität Bariton Vladyslav Fedoriaka den Furor, die Passion und die Widersprüche seiner Titelpartie sängerisch ausformt. Reichlich Esprit bringt Tenor Michael Dimovski auch als verkleidete „Schwester Anne“ ins Spiel, zu dem die emphatische Gärtnerin (Anna Schwaighofer) ihre kostbare Arie beiträgt. Èlia Farreras-Cabero setzt ihren pur leuchtenden Sopran gekonnt ein, um die emotionale Tiefe ihrer lebenslustigen Isaure zu spiegeln. Sie ist stark und einsichtig, aber auch verletzlich und verführbar.

Als sie sich an einer Stelle über ihre (innere) Stimme wundert: „Wer hätte gedacht, dass sie so prachtvoll strahlen kann?“, blitzt die Abendsonne aus den Wolken hervor. Das gibt es wohl wirklich nur in der Kammeroper Schloss Rheinsberg, wo in diesem Festivalsommer die Akademie für Alte Musik Berlin unter Leitung von Bernhard Forck beweist, wie gut sich orchestrale Präsenz und Unaufdringlichkeit vereinbaren lassen und zur Strahlkraft eines außergewöhnlichen Opernabends beitragen.

Renate Baumiller-Guggenberger

„Raoul Barbe-Bleue“ („Blaubart“) (1789) // Opéra-comique von André-Modeste Grétry

Infos und Termine auf der Website der Kammeroper Schloss Rheinsberg