Michel Friedman: Gedenkrede anlässlich 150 Jahre Bayreuther Festspiele
Festspielhaus Bayreuth, 26. Juli 2026 (Skript aus dem Tondokument)
Ich musste gerade an meinen Vater denken, der mir immer gesagt hat: „Ein Mensch kann die Welt verändern, wenn’s auch nur seine ist und die kleine.“ Ich möchte ausdrücklich sagen, dass Katharina Wagner gerade die Erinnerungskultur von Bayreuth verändert und dafür möchte ich mich bedanken. Ich möchte mich auch bedanken, dass Sie so zahlreich erschienen sind. Ich gehe davon aus, aus Neugier, aber vielleicht auch aus Sympathie. Ich muss Ihnen ehrlich gestehen, dass ich heute Nacht sehr schlecht geschlafen habe, denn die Erwartungshaltung, die aufgrund der Ausladung, Einladung, Ausladung, Einladung entstanden ist, kann von einem Menschen, der ich nun mal bin, wahrscheinlich nicht erfüllt werden. Ich bitte im Voraus um Entschuldigung, wenn ich Sie enttäusche.
Katharina Wagner war eben, bevor wir uns hier begegnen, offiziell und öffentlich und besichtigte die Ausstellung „Verstummte Stimmen“. Ein Kantor der jüdischen Gemeinde sprach Gebete in hebräischer Sprache aus. Ich, ein jüdischer Mensch, stehe heute im Festspielhaus. Das alles haben wir unter den Augen von Richard Wagner getan. Ich weiß nicht, ob er sich geärgert hat. Ich weiß nicht, ob er sich gewundert hat. Ich möchte gern noch mal meinen Vater zitieren, der mir gesagt hat: „Michel, gib nie auf. Es ist nie das letzte Wort gesprochen und Du bist nicht hilflos.“ Die Tatsache, dass ich heute hier stehe, zeigt, dass mein Vater Recht hat. Auch ich werde jetzt nicht das letzte Wort haben, aber heute habe ich das Wort und der Antisemit Richard Wagner muss zuhören.
Der Judenhass ist keine deutsche Erfindung. Sie ist die Erfindung der ersten globalen Macht, die Fake News in die Welt gesetzt hat. Sie brauchte keine Bots, sie hatte Missionare. Die katholische Kirche erzählte fast 2000 Jahre, Juden haben Jesus umgebracht. Aus dieser Grundgeschichte, die in die ganze Welt erzählt wurde, eine Lüge, wird eine Tatsache, die nie eine Tatsache wird, sondern eine Lüge bleibt, wie auch heute, wenn man uns Lügen erzählt, diese Lügen immer Lügen bleiben, auch wenn Millionen Menschen sie als Tatsache empfinden, weiterplappern, bleibt es eine Lüge. Nein, der Antisemitismus ist keine deutsche Erfindung, aber Auschwitz ist eine deutsche Erfindung. Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, was Auschwitz und Adolf Hitler für mich persönlich bedeuten. Und es wird Sie vielleicht verwundern, dass ich Ihnen sage, ich weiß, was das für nicht-jüdische Menschen, für deutsche Menschen bedeutet, die Kinder einer Nazi-Generation oder die Enkelkinder einer Nazi-Generation zu sein. Aber die Antwort wird nicht sein, wie zum Beispiel Martin Walser, der in der Paulskirche schrie: „Ich kann es nicht mehr ertragen, diese Moralkeule Auschwitz.“ Wahrscheinlich würde er sie ertragen, wenn er sich ihr anders gestellt hätte. Wenn er nicht, wie ein Psychoanalytiker aus Jerusalem mal gesagt hat, denken würde, dass die Juden den Deutschen nie verzeihen werden, dass sie Auschwitz bauen mussten. Ich kann nichts für Auschwitz und meine Eltern konnten nichts für Auschwitz. Die, die hier sitzen, haben keine Schuld und so gesehen können sie auch nichts für Auschwitz.
Aber was uns verbindet, ist, dass nur wenn wir uns der Geschichte stellen, auch der eigenen, wir eine Chance haben, dass es nie mehr zu so etwas wie Auschwitz kommt. Ich war und bin das erste Mal hier auf diesem Hügel. Richard Wagner war ein Antisemit, ein brutaler, leidenschaftlicher Antisemit, aber ob er ein Anhänger von Adolf Hitler geworden wäre, wissen wir nicht. Er ist davor gestorben.
Was wir aber wissen ist, dass die Familie Wagner in Leidenschaft, in Überzeugung, im Rassenwahn, im Judenhasswahn Adolf Hitler hier nicht nur empfangen, nicht nur umarmt hat, sondern dass sie voller Überzeugung dieser Überzeugung gefolgt sind und damit Mittäter und mitverantwortlich geworden sind, dass sie die Musik und diesen Ort gebrauchen und missbrauchen ließen, damit er die musikalische Propaganda des SS-Regimes wurde. Das menschliche Gedächtnis ist gnädig. Unsere Erinnerungen verändern sich dauernd und während wir jetzt uns wieder erinnern, verändert sich wieder die Erinnerung. Und unser Gehirn muss das alles so regulieren, dass es zu unseren Gunsten ist. Wie sonst sollten wir aushalten zu leben? Wir verdrängen, wir vergessen, wir spalten ab, wir schieben das Unangenehme nach hinten, das Angenehme nach vorne.
Das meiste passiert unbewusst. Aber es ist da. Es ist da. Und dann passiert irgendetwas und das Unbewusste schiebt das, was wir verdrängen wollen, wieder nach vorne. Und wir sind wütend. Wir sind sauer. Wir sind … Nein. Aber, liebe Freunde, meine Damen und Herren, nicht diejenigen, die an etwas erinnern, sind das Problem, sondern diejenigen, die sich nicht erinnern wollen.
1951, sechs Jahre nach der Befreiung von Hitler und von Auschwitz, sechs Jahre danach eröffnet sich hier wieder das Leben, die Festspiele. Wolfgang und Wieland Wagner schreiben den Gästen, die hier kommen und der Musik zuhören wollen. Ich zitiere: „Im Interesse einer reibungslosen Durchführung der Festspiele bitten wir, von Gesprächen und Debatten politischer Art auf dem Festspielhügel freundlichst absehen zu wollen. Hier gilt die Kunst. Die Festspielleitung, gezeichnet Wieland Wagner, Wolfgang Wagner.“ Das wünschten sich nicht nur die Wagners. Darf ich es noch mal herausziehen? „Bitten wir von Gesprächen und Debatten politischer Art in der Bundesrepublik Deutschland freundlich absehen zu wollen.“ Die Regisseurinnen der Oper „Rienzi“, die Sie heute Abend sehen werden, haben anlässlich des 150. Jubiläums gesagt: „Die Legendenstimmung ist egal. Die Assoziationen zum Nationalsozialismus ergeben sich von alleine. Sie sind stückimmanent.“ Magdolna Parditka sagt: „Das Stück ist eine Wunde der europäischen Kulturgeschichte, an der bis heute alles schmerzt.“ Und ihre Kollegin Alexandra Szemerédy ergänzt: „Es ist ein sehr schmerzhafter Prozess, der aber notwendig ist, um auf die Gefahren der Zukunft hinzuweisen.“ Darum sind wir hier. Wir sind verantwortlich für unsere Gegenwart. Wir können die Welt nicht gestalten, wenn wir von der Vergangenheit nicht wissen. Wenn wir aber nicht wissen, können wir nicht nachdenken und fühlen und können nichts daraus lernen. Die Bedingung der Zukunft ist, zu lernen.
Und so gesehen ist dieses Stück, so interpretiert, hochaktuell. Ich habe mich nie dafür ausgesprochen, dass die Musik von Wagner nicht aufgeführt werden kann. Selbst in Israel wird sie aufgeführt, sie wird überall aufgeführt. Ich habe das auch nicht getan, weil ich grundsätzlich jemand bin, der Kultur liebt – und lassen Sie mich das noch mal jetzt hier ausdrücklich sagen: Kultur, Kunst ist der Sauerstoff des Menschen, meine Damen und Herren. Und ja, die Musik ist genial. Nicht jeder kann sie mögen. Einige mögen sie überhaupt nicht. Aber auch das ist völlig normal in der Kunst.
Aber man kann Wagner, denke ich, hören ohne schlechtes Gewissen, aber nur mit Wissen, damit sich ein Gewissen entwickelt und indem man dann weiß, wer und wessen Geistes Kind trotzdem ein genialer Komponist werden kann. Und natürlich kann man die Festspiele besuchen, auch ohne schlechtes Gewissen, aber nur mit Wissen. Und das wurde zu lange von der Familie unterdrückt und nicht offensiv geöffnet. Ich war gestern zum ersten Mal an diesem roten Teppich und ich dachte an die vielen Jahre, wo ich die Berichterstattung gesehen habe und ich habe fröhliche, glückliche, erwartungsfrohe Menschen erlebt, die sich auf Kunst freuen. Aber seit 1951, die 50er Jahre, 60er Jahre, 70er Jahre – noch die Generation der Nazis und dann ihre Kinder. Natürlich ist es gut, sich darauf zu freuen, aber dass niemals, auch von Journalisten nicht offensiv gefragt wurde: „Wie fühlen Sie sich denn aber hier auf diesem Grundstück?“, das finde ich ein bemerkenswertes Verdrängen. Ich jedenfalls muss Ihnen gestehen – und ich hatte die Freude, bei meiner Freundin Katharina Wagner zu stehen – dass ich trotzdem ein sehr ambivalentes Gefühl hatte, ein störendes Gefühl, ein Gefühl, irgendetwas ist hier noch nicht in Ordnung.
An diesem Wochenende beginnt es, das neue Bayreuth, die neue Ordnung des Aufarbeitens, des Ausgrabens, des Redens, des Sprechens über den Komponisten und die Familiengeschichte, den Missbrauch von Musik in aller Klarheit öffentlich zu machen. Dafür herzlichen Dank. Aber danken will ich auch Guido Hackhausen. Das Vertrauen, das wir drei in kürzester Zeit aufgebaut haben, ist auch Ihnen zu verdanken. Wir alle wissen, was war. Und ich will jetzt nicht darüber mehr reden. Wissen Sie, als Katharina Wagner mich anrief, sich entschuldigte und sagte: „Herr Friedman, ich mach’s,“ also mir die Hand gereicht hat, da habe ich ihr selbstverständlich auch die Hand gereicht. Und wir tun das nicht nur des Anlasses wegen, sondern ich glaube, wir beide wollen damit demonstrieren in einer Zeit, in der die Aggressivität, die Vulgarität des Miteinanders, der Hass, diese Aggression, wenn Du nicht meiner Meinung bist, bist Du mein Feind, dass wir demonstrieren wollen und aus Überzeugung und vom vollen Herzen: Es gibt Konflikte im Leben, es gibt Streit, es gibt eine Aufarbeitung und dann reicht man sich die Hand und macht weiter als Mensch und Freund. Ja, was hatten Sie sich gewünscht? Einen reibungslosen Ablauf, ein Nichtsprechen. Es kann ein spätpubertierender Akt sein, aber muss es nicht sein, dass Sie, liebe Frau Wagner, dem Wunsch Ihres Vaters und Onkels etwas entgegensetzen.
Sie wünschen keinen reibungslosen Verlauf und Sie wollen, dass wir neben der Musik auch über Politik und Geschichte sprechen. Das haben Sie schon begonnen mit dem Symposium „Diskurs Bayreuth: Wagner und der Nationalsozialismus“. Mein Freund Barrie Kosky spielte hier „Die Meistersinger von Nürnberg“ und brachte sie in den Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse. Und auch Sie, Frau Wagner, widmeten sich in Ihrer Debütinszenierung der Geschichte Ihrer Familie. Wie großartig.
Tja, und wie Wieland und Wolfgang Wagner wünschte sich doch auch der Makrokosmos, die Bundesrepublik Deutschland, im Interesse einer reibungslosen Entnazifizierung der eigenen Lebensfestspiele und Biografien von Millionen Menschen, Gespräche und Debatten politischer Art zu verbannen. Die Lebenslegenden, der Selbstbetrug waren mit vielen Ausnahmen Alltag geworden. Bis in die 1980er Jahre gab es einen Beruf mit Zukunft: der Malermeister. Die Deutschen brauchten weiße Farbe, um die braunen, immer wiederkehrenden Flecken auf ihrer Tapete wieder weiß zu tünchen. Tja, und auf dem Hügel gab es auch einen Beruf mit Zukunft: der Gärtner. Wie liebevoll vom „Grünen Hügel“ gesprochen wird, in der Hoffnung, dass man die braune Erde darunter nicht sieht.
Mein Name ist Michel Friedman. Meine Eltern sind in Polen geboren. Polnische Juden. Ich bin in Paris geboren. Französische Juden. Mit zehn Jahren bin ich im Jahre 1966 in Frankfurt am Main angekommen. Naziland.
Nach-Naziland. Ich hatte einen Chemielehrer, sein Finger war abgeschossen. Jedes Mal, wenn er die Stunde eröffnete, sagte er: „Ich bin stolz, meinen Finger für den Führer verloren zu haben.“ Er blieb Lehrer bis zur Pensionierung. Wie viele? Wie viele Anwälte, Staatsanwälte, Politiker, Richter, Verwaltungsbeamte, Menschen, die ein prosperierendes Geschäft hatten? Und wenn man ein bisschen nachfragte, war Schweigen. Jüdische Geschäfte billig erworben. Bis zu meinem 18. Lebensjahr war ich ein staatenloser Mensch. Meine Eltern hatten kein Vertrauen mehr zu einem nationalen Pass und sie waren sicher, dass ein UN-Staatenloser Pass der richtigere gewesen ist. Ein Irrtum.
Er führte uns über fast zwei Jahrzehnte von Ausländerbehörde zu Ausländerbehörde, Abwehrbehörde, Kränkungsbehörde. In vielen Teilen bis heute. Wenn Menschen zu uns kommen, selbst legal zu uns kommen, entscheiden die ersten Signale diesen Menschen, dass sie willkommen sind, dass wir sie übrigens auch brauchen, dass wir keine Angst haben vor ihrer Religion oder von ihrer Art zu leben, sondern wenn wir klug wären, es als Chance betrachten, Menschen zu begegnen, die anders leben als wir.
Wir müssen ja nicht so leben wie sie, aber wir können lernen von Menschen, wie sie anders leben. Wir sollten aber aufhören, den Menschen, die hierher kommen, zu sagen: „Ihr müsst leben wie wir.“ Es ist die Vielfalt, diese Gemeinschaft und mein Land besteht nicht aus Grenzen, sondern aus der Gemeinschaft der Menschen, die sich dazu bekennen. Wir wollen in Deutschland als Deutsche eine Gesellschaft sein. Diese Gemeinschaft in Vielfalt. Und Vielfalt ist mittlerweile auch wieder ein Begriff, der sehr angegriffen wird. Diese Gemeinschaft in Vielfalt ist die einzige Zukunft.
Ich habe noch nie Angst vor der Vielfalt des Menschen gehabt. Wenn ich vor etwas Angst habe, dann vor seiner Einfalt.
In meinem Buch „Fremd“ habe ich geschrieben: „Ich bin auf einem Friedhof geboren.“ Meine Eltern waren die Friedhofswärter, ich ihr jüngster Lehrling. 50 Menschen aus meiner Familie sind ermordet worden. Von Deutschen. Deutschen Nazis. Meine Mutter, mein Vater und meine Großmutter sind aber von einem Deutschen gerettet worden, Oskar Schindler. Nicht nur dafür bin ich ihm dankbar. Ich bin auch dankbar, dass, weil er als Deutscher meine Eltern gerettet hat, ich nie mehr von „den Deutschen“ sprechen kann.
Und ich kann jedem nur raten, „die Deutschen“, „die Juden“, die, die, die reflektiert aus dem Wortschatz herauszunehmen und zu begreifen: Die gibt es nicht. Es gibt jeden einzelnen Menschen. Was ich von Oskar Schindler auch gelernt habe – und manchmal denke ich mir, ach, schweig doch einen Augenblick, Oskar Schindler – war, dass mir, als ich hierherkam, Millionen Menschen öffentlich oder privat gesagt haben: „Aber Michel, was hätte denn ein Einzelner damals tun können? Was kann man denn gegen die da oben tun?“ Was für ein Selbstbetrug, was für eine falsche Selbstrechtfertigung, wenn Oskar Schindler 1944/45 in Polen tausend Menschen retten konnte. Und ja, das war Mut, das war Lebensgefahr. Was können wir, die wir heute hier sind, in Freiheit, in Frieden, in einem Rechtsstaat mit einer Verfassung alles tun, wenn wir es doch nur tun würden?
Aber wir haben uns doch mal was versprochen. Wir, die Generation jetzt zwischen 60 und 75, die Enkel, 30 bis 40. Wir haben uns doch versprochen, dass wir es anders machen. Wir haben uns versprochen: Nie wieder. Man hat mir versprochen: Wehret den Anfängen. Wer ist eigentlich verantwortlich für den gesellschaftspolitischen Zustand heute? Ja, wir haben’s geklärt. In Bayreuth ist es die Familie gewesen, die abgewehrt hat, in großen Teilen über Jahrzehnte sogar verschleiert hat. Das ändert sich.
Aber in unserem Land, in der Bundesrepublik, im Makrokosmos, wer ist eigentlich verantwortlich für den Zustand der Gesellschaft heute, wo schwule Menschen, schwarze Menschen, Frau-Menschen, muslimische Menschen, jüdische Menschen … Nehmen Sie doch alles weg. Am Ende sind wir Menschen. Wer ist eigentlich dafür verantwortlich, dass wir Menschen, die ich gerade nur beispielsweise genannt habe, Angst haben müssen im eigenen Land?
Wir hatten doch etwas versprochen. Bei uns zu Hause herrschte Trauer, Depression, Angst. Meine Mutter war 16 Jahre alt, als sie ins Ghetto musste. Ich wagte es nicht, bis zu ihrem Tode zu fragen: „Mama, bist Du vergewaltigt worden? Vater, Mutter, seid ihr gefoltert worden? Musstet ihr zusehen, wie Eure Verwandten ermordet wurden? Wie viele Tote habt ihr gesehen?“ Was vom ersten Tag erfahrbar war, war die Einsamkeit, die Verzweiflung, der Verlust von Urvertrauen, der Verlust von Weltvertrauen, der andere Blick an und auf den Menschen an sich. Und ja, ich bin jetzt 70 Jahre alt und ich glaube, ich habe sehr, sehr viele Stunden auch in Therapien verbracht. Diese Gefühle haben sich auf mich übertragen. Ich bin traurig. Ich habe Angst.
Aber eins habe ich gelernt: Andere Menschen werden nie mehr bestimmen, wie ich bin, wer ich bin, was ich bin, wo ich bin. Die Emanzipation gegen diese Angst, das Selbstbewusstsein, ein Mensch zu sein, der, wie Hannah Arendt sagte, das Recht hat, Rechte zu haben und damit nicht nur von einem Parlament, einer Gruppe, einer Partei abhängig ist, ob sie mich als Juden, ob sie mich als Schwulen, ob sie mich als Frau, Mann, was auch immer leben lassen wollen oder nicht.
Diese Menschenrechte, die vor 300 Jahren als Emanzipationsbewegung der Aufklärung begonnen haben. Man muss sich das mal vorstellen. 200.000 Jahre gibt es uns. Und vor 300 Jahren beginnt etwas Revolutionäres. Da denken Menschen zum ersten Mal, wir sind frei, aber wir sind auch gleich. Und sie entwickeln zum ersten Mal etwas gegen das autoritäre Ausführungszeichen, das Anführungszeichen, ein wunderbares Schriftzeichen, das Fragezeichen. Das Wort „Warum“ ist die größte Gefahr für jeden Autokraten, Diktator und Machtmensch. Und damit wir uns richtig verstehen, in diesem Augenblick beginnt der Krieg, die Auseinandersetzung, denn sie wissen, dass sie die Macht verlieren, wenn der Mensch aufgeklärt ist, wenn der Mensch lernt, wenn der Mensch weiß und mit seinem Wissen denkt und reflektiert und immer wieder fragen muss: Warum hast Du Macht? Warum bestimmst Du, wer ein Mensch ist oder nicht? Warum bestimmst Du überhaupt? Es hat nie aufgehört. Kann es sein, dass wir Demokraten und Demokratinnen müde gewesen sind in den letzten Jahrzehnten? Kann es sein, dass wir gelangweilte Demokraten sind, dass wir dekadente Demokraten sind, die gerne genommen, aber wenig gegeben haben? Kann es sein, dass die meisten von uns nie ins Grundgesetz geschaut haben? Mein Gott, was für ein Buch in deutscher Sprache. Kann es sein, dass wir ein Problem haben mit denen, die wieder die Autokratie wollen? Ja. Aber dass das größte Problem vielleicht an uns liegt, dass wir nicht wie sie mit strahlenden Augen und Selbstbewusstsein das bessere Produkt in der Hand bewerben, besprechen, anbieten, mit Menschen darüber reden, dass die schlechteste Diktatur besser ist als die beste Demokratie, meine Damen und Herren.
Nur die Demokratie ist Zukunft. Nur die Demokratie hat das Synonym Mensch. Die Diktatur verachtet den Menschen. Nein, das ist schon zu viel gesagt. Sie sieht ihn nicht mal. Bei einem Gespräch mit Jassir Arafat, dem PLO-Terroristen, hat er mir mal gesagt: „Ihr werdet verlieren. Ihr liebt.“ Ich habe ihn angeschaut und habe ihm geantwortet: „Sie haben jetzt schon verloren. Sie lieben nicht.“ Als ich in das Goethe-Gymnasium nach Frankfurt am Main kam und meine nicht-jüdischen Schulfreunde kennenlernte, hatte ich eine tiefe Sehnsucht, mich mit ihnen, den Kindern der Täter, auszutauschen. Wie geht es Euch? Wie geht es in Eurer Familie mit Hitler? Wie ging es Euren Eltern? Was erzählen sie Euch? Was macht das mit Euch? Die damaligen Kinder sind heute zwischen 60 und Ende 70. Die meisten konnten mit mir nicht reden. In den meisten Familien wurde und wird geschwiegen, abgewehrt, Antworten verwehrt und sie fragten nicht intensiv und fordernd genug nach.
Das ist keine Bewertung. Es ist aber eine traurige Feststellung. Denn bis heute wissen die meisten viel zu wenig von ihrer Familiengeschichte. Und auch heute frage ich Menschen: „Wie war es bei Euch? Sprich mit mir. Ich erzähle Dir, wie es bei mir war, aber ich brauche auch Deine Erzählung.“ Und ich stelle fest, dass selbst unter Partnern, unter besten Freunden die Frage „Sag mal, was war denn damals bei Euch los?“ in der Regel nie gefragt wurde.
Auch die Nazi-Enkelkinder, also die Kinder dieser Kinder, sind durch eine innere und äußere Sprachlosigkeit und damit Weltisolation traurig. Fragen stellen in unserem Land: gefährlich. Streiten: sehr gefährlich. Über die Nazizeit sprechen: gefährlich. Über Auschwitz sprechen: gefährlich. Mit der Familie sprechen: gefährlich. Und darf ich Ihnen eine kurze kulturelle Intervention nennen. In unserem Land gilt als Erziehungsprinzip, beim Essen spricht man nicht. In keinem anderen Land der Welt gilt das. Gehen Sie doch mal in Restaurants nach Frankreich, Italien. Da wird nur gesprochen, mit vollem Mund übrigens.
Woher kommt diese Anweisung? In den 50er, 60er, 70er, 80er Jahren bei Tisch zu reden – ja, was tut eine Familie denn sonst? – war gefährlich. Das Wort „Warum“ ist und bleibt gefährlich. Und wer als Kind nicht lernt – und wo lernt man es, wenn nicht in der Familie – dass Fragenstellen belohnt wird, dass das Streiten Freude macht, sinnlich ist …
Also ich kann Ihnen nur sagen, ich streite mich mein ganzes Leben und ganz ehrlich gesagt, Sie sehen einen glücklichen Menschen vor sich. Dass nur so Tabus aufgebrochen werden können, dass man am Ende sich nur versöhnen kann, wenn man sich davor ernsthaft gestritten hat. Aber ohne die Erfahrung des Emotionalen mit dem Wissen haben wir bis heute ein Problem mit der Empathie. Ich lebe mit einem tiefen Schmerz, mit vernarbten Wunden, die aufbrechen, wenn in meiner Gegenwart der Judenhass immer wieder hörbar und sichtbar wurde und wird. So gesehen können Sie sich vorstellen, dass meine Wunden nie wirklich vernarbt sind, seit ich hier lebe. Ich blute.
Meine Vorstellung, dass die Kinder der Tätergeneration auch mit ihren Schmerzen leben und eigentlich den gegenwärtigen Judenhass genauso wie ich fühlen, als würden sie selbst angegriffen werden, sich daran erinnern, dass genau das nicht stattfinden kann, sich wehren, sich distanzieren, nicht für mich, weil ich Jude bin, sondern für mich, weil ich Mensch bin, erwarte ich das. Dass der Vater, die Mutter, die Großeltern, die Onkeln, die Tanten, die Mitläufer, die Opportunisten, die Kleinkriminellen, die sich jüdisches Vermögen aneigneten, Lehrer, Professoren, Polizeibeamte, Verwaltungsbeamte, Nachbarinnen und Nachbarn, die ihre jüdischen Freunde und Freundinnen denunzierten, Familien, die offen und aktiv mit dem Nationalsozialismus, dem Judenhass Adolf Hitlers sympathisiert haben, die Schreibtischtänzer, die Künstler und Künstlerinnen dem Dritten Reich, den Kriegsherren und dem System mit all dem, was sie taten, dem Endpunkt der Gewalt, nämlich Auschwitz, verhalfen.
Dass wir heute feststellen müssen, dass wir den Anfängen nicht genug gewehrt haben, sondern mittendrin sind. Wir sind die Zeitzeugen unserer Zeit. Wir tragen Verantwortung. Und hoffentlich werden uns Menschen in 20 Jahren nicht fragen: Warum habt ihr die Demokratie so einfach denen übergeben, die sie zerstören?
Und lassen Sie mich ein Wort, nur eins, über die ehemalige DDR sagen. Auch sie hatte ihre Methode, ihre Hände in Unschuld zu waschen und zu vergessen und zu verdrängen. Als ob am 9. November 1938 in Ostberlin nicht genauso wie in Westberlin die Synagogen gebrannt haben. Das antifaschistische Deutschland ist eine Lüge gewesen, wie nach 1948 die meisten behaupteten, über Nacht Demokraten geworden zu sein. Und noch ein Wort: Wir reden so viel von Erinnerungskultur. Darf ich daran erinnern, dass das ein wissenschaftlich fundierter Begriff ist? Drei Generationen erzählen sich im kommunikativen Erzählen ihre Familiengeschichte. Wenn also alle über Erinnerungskultur reden in einem Land, wo die meisten Familien in drei Generationen geschwiegen haben, also die Erinnerungsgeschichte ein schwarzes Loch ist, dann finde ich, dass das nicht ein Beweis ist, dass eine Erinnerungskultur so entstanden ist, dass statt des schwarzen Lochs ein Wissen, ein Verstehen, ein Reflektieren und damit eine andere Haltung entwickeln werden konnte, sondern es bleibt dabei: Diese Erinnerungskultur ist ein schwarzes Loch.

Aber es gibt eine Kultur der Erinnerung. Millionen Menschen haben sich bemüht, bemühen sich in der Kultur, in den Schulen, zu Hause vor allen Dingen, eine Kultur des Erinnerns aufzubauen. Millionen Menschen tun das. Und diese Millionen Menschen warten auf uns, die noch nicht so viel tun. Sie brauchen uns und wir sollten nicht nur dankbar sein, dass sie es für uns bisher getan haben, sondern wir sollten endlich aktiv an dieser Seite und in der Sache unsere Gesichter zeigen.
Ja, und das schwarze Loch, von dem ich spreche, das gab es auch in Bayreuth bis vor wenigen Jahren. Noch mal: 1951 reibungslose Durchführung? Hallo? Aber eins will ich heute ausdrücklich sagen, weil es Mode geworden ist, die Apokalypse anzusprechen. Weil es Mode geworden ist und ein sehr erfolgreicher neuer Beruf, Nörgler und Nörglerin zu sein. Allen Nörglern und Nörglerinnen in diesem Land, die heute wieder nörgeln, wünsche ich, morgen in Bayreuth aufzuwachen und dann werden sie entspannt die Berge und die Sonne genießen. Wenn Sie in Teheran, wenn Sie in Moskau, wenn Sie in Peking aufwachen, sind Sie nicht sicher, ob Sie schon im Gefängnis sind. Und deswegen muss ich den Nörglern und Nörglerinnen einen guten Rat geben: Sie müssen demokratisch wählen, damit Sie morgen noch entspannt nörgeln können.
Die Bundesrepublik Deutschland, mein Land, in dem wir heute leben, hat sich trotz alldem in acht Jahrzehnten zu einer funktionierenden Demokratie entwickelt. Auch das ist das Ergebnis von Menschen, die sich eingesetzt haben.
Auch das ist der Beweis, dass mein Vater Recht hatte, als er mir gesagt hat: „Wir sind nicht hilflos und das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.“ Das letzte Wort, das jetzt gesprochen wurde und ist, ist: Wir sind eine funktionierende, systemisch funktionierende Demokratie und die wollen und werden wir uns nicht abnehmen lassen, oder? Aber allen, allen, die jetzt applaudiert haben, muss ich leider sagen: Wenn wir das nicht wollen, dann müssen wir in die Fußgängerzonen gehen und wieder so ein Schildchen tragen: „Ich bin gerne frei, Du nicht, wir müssen streiten.“
Dann müssen wir bei unseren Nachbarn und Nachbarinnen klingeln und sagen: „Ich habe das Grundgesetz. Wollen wir mal die ersten Artikel zusammen lesen?“ Dann müssen wir nach Sachsen-Anhalt gehen. Meine Damen und Herren, in wenigen Wochen könnte, was ich eben gesagt habe, das System in einem der ersten Bundesländer nicht mehr funktionieren. Und die Gelassenheit, die Gelassenheit, dass das passiert und wie es von Millionen gelassenen Deutschen angenommen wird, macht mir Angst und Sorge.
Ich gehe nach Sachsen-Anhalt und alle, die jetzt applaudiert haben, darauf freue ich mich jetzt schon, werden also mitkommen. Und noch etwas: Sachsen-Anhalt ist nicht irgendwo im Niemandsland. Sachsen-Anhalt ist Deutschland. Und was dort passiert, passiert mit uns allen.
Wir haben uns verändert, so scheint es. 81 Jahre nach der Befreiung sind wir ein rechtsstaatliches Land. Mehrheitlich sind wir gegen den Nationalismus und für die europäische Idee. Das demokratische System funktioniert so gut, dass selbst Demokraten ertragen, dass diejenigen, die es zerstören wollen, reden können. Meinungsfreiheit? Bitte schön? Wenn Leute sagen, sie können nicht alles sagen, was sie sagen wollen, dann sage ich: Ihr könnt alles sagen, was ihr sagen wollt, aber wenn ihr sagen wollt, was ihr sagen wollt, müsst ihr auch ertragen, dass ich sagen kann, was ich sagen will und das nennt man in der Demokratie Widerspruch und Streitkultur. Und doch will ich deutlich sagen: Hass ist keine Meinung, sondern ein gefährliches Gefühl, das strafbar verarbeitet sein muss, wenn es Menschen bedroht.
Die geistige Brandstiftung ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Anfang durch Sprache, aus dem schnell die Taten werden. Der Theaterregisseur George Tabori hat das Wunder der Menschenrechte, von denen ich vorhin sprach, und auch den Artikel eins „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ literarisch in einen ganz kurzen Satz zusammengefasst: „Jeder Mensch ist ein Jemand.“ Jede und jeder Mensch ist ein Jemand. Wir leben in einem Land und ich kann’s nicht mehr hören, dass das Protestwähler sind. Unser Grundgesetz hat Respekt vor jedem Wähler und jeder Wählerin und sagt, sie wissen, was sie tun. Und es interessiert mich auch nicht das Motiv, warum sie’s tun. Aber jeder Wähler und jede Wählerin, die eine antidemokratische Hasspartei wählen, geben dieser Partei mit ihrer Stimme Macht und wir müssen mit ihnen und uns streiten. Denn diese Partei sagt, einige sind niemand. Diese Partei reemigriert Menschen.
Liebe Freunde, was muss eigentlich noch passieren? Was muss eigentlich noch passieren, dass wir unsere Demokratie persönlich, jeder und jede für sich, verteidigen? Ich bin besorgt. Ich lebe seit 50 Jahren in Deutschland. Sie sind meine dritte Generation. Noch nie, selbst in der Zeit, als Konrad Adenauer regierte, ein Demokrat, aber sein Kanzleramtsminister Hans Globke, der Mitverfasser der Rassengesetze, Kanzleramtsminister war … Ich habe mich immer wieder gefragt: Hätte Konrad Adenauer Kanzler werden können und bleiben ohne Globke? Oder konnte Globke mit dieser Vergangenheit, die eigentlich vor den Nürnberger Prozessen hätte verhandelt werden müssen, nur Kanzleramtschef werden wegen Adenauer? Wahrscheinlich ist die Wahrheit: Die Demokratie konnte nur eingeführt werden, weil die, die sie nicht wollten, wussten, dass sie einen Vertreter im Kanzleramt hatten. Wie lange haben wir? Sind Sie sicher, dass wir in fünf Jahren noch in Freiheit und Demokratie leben werden? Sind Sie sicher? Wenn sie schon nicht sicher sind, sind wir am Anfangspunkt des Endpunktes und nicht mehr an einem Anfangspunkt der Anfangspunkte. Und wenn das so ist, wenn es so ist, dass wir bei Endpunkten der Gewalt angekommen sind, müssen wir, und zwar nicht im Interesse der Minderheiten, sondern im Interesse unserer selbst reagieren.
Denn es geht um Menschenhass. Menschenhass. Judenhass ist Menschenhass. Schwulenhass ist Menschenhass. Frauenhass ist Menschenhass. Der Hass ist hungrig und wird nie satt. Und ja, das nennt man Zivilisation, den Menschen zivilisieren, auch mich, jeden von uns. Die Kruste der Zivilisation ist nicht besonders stark. Jüdisches Leben in Deutschland ist seit dem 7. Oktober 2023 so schlimm gefährdet wie noch nie. Kinder werden von ihren Eltern gebeten, ihren Davidstern auszuziehen. Ich kenne keine Fälle in Deutschland, dass man Kinder bittet, das Kreuz auszuziehen. Noch in der Nacht vom Gemetzel, noch in der Nacht, da hat überhaupt kein israelisches Militär reagiert, schreit man in Berlin: „Tot den Juden“, „Tot den Israelis“. In Deutschland, in Berlin. Ich, Michel Friedman, der ein deutscher Staatsbürger ist, meine Religion ist jüdisch, werde von linksextremistischen Gruppierungen, auch Teile der etablierten Linken, als Israeli plötzlich betrachtet. Eines der ältesten antisemitischen Narrative wird wieder instrumentalisiert. Das Gerücht über die Juden, wie Adorno es nannte oder wie Wagner, der Jude bleibt immer Ausländer. Die Boykottbewegung BDS, die verlangt, kein israelischer Künstler oder Künstlerin darf irgendwo mehr auftreten in Deutschland, hat Erfolg. Jüdische, israelische Künstler werden ausgeladen. Einladungen werden nicht mehr verschickt vor Angst vor dieser Demonstration. Das ist ein stiller, eiskalter und alltäglicher Boykott. Selbst Israelis, die sich gegen ihre Regierung stellen, werden als Mittäter diffamiert. An deutschen Universitäten werden israelische Studierende, aber auch deutsche jüdische Studierende beleidigt, bedroht, geschlagen von linksextremistischen Gruppen und man muss es leider auch sagen, von einem Teil der radikalisierten Muslime in diesem Land.
Die Studentenparlamente der HU Berlin jetzt, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf jetzt, der Universität Hamburg und der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz jetzt fordern das Aufkündigen der Verträge und der gemeinsamen Verbundforschung mit israelischen Universitäten. Fassungslos macht mich die Hilflosigkeit einiger Professoren oder Dekane, die diese antisemitischen Vorfälle nicht im Keim ersticken, auf dem Schulhof die Kinder an die Hand nehmen.
Denn darum geht es, dass es Menschen gibt, und zwar in allen Religionen, in allen Nationen, in allen Kulturen, die dem Hass folgen, die den Vorurteilen folgen. Wir alle sind vorurteilend, aber wir Menschen können lernen, davon bin ich überzeugt, und wir können aus Vorurteilen rationale Urteile machen. Aber das ist die eine Seite. Aber wenn die, die zugucken, nichts tun, dann stellt sich für mich immer wieder die Frage: Wovor habe ich mehr Angst? Vor denen, die gerade etwas tun, oder der Tatsache, dass mir niemand helfen wird? Jüdische Jugendliche in diesem Land erleben sich nicht mehr als „Wir“, sondern werden zum „Ihr“ gemacht. Erleben, dass sie kaum mehr Deutsche sein können. Jüdische Menschen müssen sich, bevor sie einen Raum betreten, von der Politik Netanyahus distanzieren. Also ganz ehrlich gesagt, wenn ich mich zu distanzieren hätte, ist es nicht Netanyahu, sondern ich müsste mich ja von meiner Regierung distanzieren. Friedrich Merz war gestern da. Ein täglicher Gesinnungstest, die Eintrittskarte in den Raum. Und es ist gut, ich sage es ausdrücklich, dass meine muslimischen Freunde in meinem Land sich nicht automatisch, bevor sie den Raum betreten, von der Hamas distanzieren müssen. Aber fällt dieser Widerspruch niemandem auf: Die Juden müssen sich distanzieren für Israel, aber die Araber und Muslime nicht für die Hamas. Da stimmt doch was nicht, oder? Und noch etwas: Es wird die Vernichtung des Staates Israels gefordert. Ja, diese Regierung Netanyahu, ich will es für mich persönlich sagen, ist eine Katastrophe. Ich finde sie auch katastrophal und vor allen Dingen, weil sie so wie Trump, so wie Orbán es wollte, den Rechtsstaat, die Menschenrechte mit Füßen treten will und damit die Demokratie zu einem autoritären Staat machen möchte. Aber es wird die Vernichtung des Staates Israels gefordert, nicht der Ersatz einer Regierung. Wurde jemals die Vernichtung Russlands gefordert, obwohl Putin seine eigenen Menschen wie Ware in den Tod schickt und die Ukraine angreift? Wurde jemals die Löschung des Staates Iran von der Landkarte gefordert, diesen islamistischen Mullahs, die die eigene Bevölkerung abschlachten? Fällt eigentlich niemandem auf, dass die Aufforderung in einem berechtigten politischen Streitraum, dass man die Regierungen, die Mehrheiten in einem Land für nicht großartig hält, in keinem anderen Land dazu führt, dass man die Auflösung und die Vernichtung des Landes verlangt, außer im Staate Israel, wo mit dieser Vernichtungsfantasie auch einhergeht, dass acht Millionen Juden vernichtet werden? Meine Damen und Herren, das nenne ich Antisemitismus.
Tatsache ist, dass wir es mit all dem oder trotz all dem einige Jahrzehnte geschafft haben, in Frieden und Freiheit im besten Deutschland zu leben, das es je gab. Ist diese Tatsache nicht der Beweis, dass, wenn Menschen es wollen, sie die Welt verändern können? Am besten, wir würden sie täglich verändern.
Dafür brauchen wir keine Handlungsanleitung. Wir sind im Verein, wir sind in der Familie, wir sind im Konzert, wir sind im Beruf. Und ja, jeder und jede von Ihnen muss es gehört haben, dass der eine oder andere gesagt hat, den man kennt: „Ich wähle die AfD“, oder gesagt hat, „Die sind mmh, mmh, mmh“. Wissen Sie, wo die Demokratie beginnt? Jetzt Stopp zu sagen. Millionen Mal jeden Tag Stopp zu sagen. Wenn man dann aus dem individuellen, gestärkten, trainierten Rückgrat in die Öffentlichkeit geht, die hart ist, auch in der digitalen, die sehr hart ist, dann ist man trainiert.
Wenn man nicht im Ich trainiert hat, dann ist der öffentliche Auftritt eher eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Orthopäden, die Muskelkater behandeln müssen, weil man nicht gelernt hat, sich zu integrieren und vor allen Dingen, sich zu integrieren durch Aktivität. Es geht nicht nur ums Demonstrieren. Es geht um dieses Land. Wollen Sie frei leben oder unfrei? Wollen Sie in einer Welt leben, die den Konflikt, die den Hass, die Gewalt, also die Konfrontation lebt? Oder wollen wir in einer Welt leben, in der der Kompromiss lebt?
Wollen wir in einer Welt des Hasses leben oder in einer Welt des Respekts? Vergessen wir die Moral. Seien wir egoistisch. Wenn ich morgen zum Bäcker gehe, möchte ich französische Croissants kaufen und nicht nur Graubrot von Herrn Höcke. Wollen wir Demokratie? Sie ist schwach, sie scheitert. Aber die Tatsache, dass wir unseren Ansprüchen nicht als Menschen gerecht werden, darf doch nicht dazu führen, dass die Werte und die Ziele, die wir haben, abgelegt werden, sondern dass wir wie Sisyphos wieder aufstehen und versuchen, unsere Werte zu leben. Und wir wissen, wir werden scheitern.
Und wir sollten gut miteinander umgehen, wenn wir scheitern, denn auch wir könnten scheitern. Aber die Werte, die wir wie Sisyphos jeden Tag immer noch vor uns tragen, sie sind es doch wert. Oder nicht? Mir ist es das wert. Und Sie sehen einen sehr fröhlichen, einen sehr lustvollen, einen Menschen, der voller Überzeugung ist, sich dafür einzusetzen. Das ist wunderbar, denn wir haben das bessere Produkt.
Der Mensch als Mittelpunkt, der Mensch, der Mensch ist und von niemandem mehr sein Menschsein abgesprochen bekommt. Die Kulturfreiheit. Das hier ist Freiheit. Die Wissenschaftsfreiheit, die Bedingung des mündigen, selbstdenkenden Menschen, die von der Lügenpropaganda angegriffen wird, damit die junge Generation nicht mehr weiß, was Tatsache oder Lüge ist. Ich sag’s noch einmal: Auch in fünf Jahren, wenn Millionen Menschen die Lüge weitertragen, bleibt sie eine Lüge. Die Tatsache, das Wissen, das Reflektieren, das Denken und Fühlen, das ist Fortschritt. Alles andere ist Rückschritt. Ist sich eigentlich jedermann und jede Frau, jeder Mensch hier wirklich bewusst, in was für einem Land wir leben?
Wenn Sie hier in Bayreuth falsch geparkt haben und einen Strafzettel bekommen haben, können Sie vor ein Verwaltungsgericht gehen und das anfechten. Geht’s noch? Was will man mehr in einem Rechtsstaat, meine Damen und Herren?
Wenn Sie lesen und hören, was die Antidemokraten schreiben und sagen, und verdammt noch mal, warum nehmen wir sie nicht endlich ernst? Warum nehmen wir sie nicht beim Wort? Sie tun, was sie androhen, wenn sie die Macht bekommen. Deswegen dürfen sie nicht die Macht haben. Wenn Sie das alles lesen, ich sag’s noch einmal: Wann, wenn nicht jetzt? Mein Vater hat mir gesagt: „Werde nicht misstrauisch. Hab Vertrauen in Menschen.“ Mein Vater hat gesagt: „Du bist nicht hilflos.“ Mein Vater hat gesagt: „Niemand hat das letzte Wort.“ Wir stehen, wir sitzen und wir erleben ein Wochenende, das sowohl im Mikrokosmos Bayreuth als auch im Makrokosmos uns deutlich macht: Die größte Vergiftung eines Menschen sind seine Geheimnisse, sind seine Lügen, sind seine Legenden. Sie vergiften selbst ein schönes Leben. Ist das einer der Gründe, warum Menschen, denen es so gut geht, so bösartig gegen andere Menschen werden? Man muss diese Wunden aufmachen. Diese Operation ist am offenen Herzen gefährlich. Aber der Patient stirbt garantiert, wenn wir dieses Herz nicht behandeln, meine Damen und Herren.
Wir sind nicht hilflos. Das letzte Wort ist nicht gesprochen. Es geht, wenn wir wollen. Also, liebe Damen und Herren, ich gestehe hier vor Ihnen allen: Ich will. Wollen Sie auch? Danke schön.

Ein Interview mit Michel Friedman finden Sie in unserer aktuellen Ausgabe 03/2026.