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Nicht jammern – machen!

Endlich wieder ein Sommer unter normalen Bedingungen, möchte man ­meinen. Schön wär’s. Denn kaum zu glauben, was uns da alles umtreibt, ­während die Theater noch immer um vorpandemische Besucherzahlen ­kämpfen und sich schwertun, das Publikum von den heimischen Sofas zurückzuholen. Munter diskutiert unser Feuilleton über politisch-korrektes Kunstsponsoring und ob man als Milliardär ein Opernhaus verschenken darf. Verstehen Sie das jetzt nicht falsch: Natürlich muss auf veränderte politische Situationen reagiert werden, natürlich haben russische Gaslieferanten nichts mehr bei den Salzburger Festspielen verloren und selbstverständlich macht ein Milliardär wie Klaus-Michael Kühne sein „Geschenk“ an Hamburg möglicherweise nicht nur uneigennützig. Das weiß sicher auch Kent Nagano – und führt richtigerweise trotzdem Gespräche. Was bringt proaktives ­Lamentieren? ­Zurecht schielt man seit vielen Jahren neidisch auf den Sport, der den Ruf ­genießt, das lukrativere Ziel größerer Zuwendungen zu sein. Denn wer hat schon Lust, sich in ein Haifischbecken voll intellektueller Besserwisser zu ­begeben, wenn man stattdessen beim FC Soundso oder an diversen Renn­strecken gefeiert werden kann? Übertrieben? Vielleicht, aber dass die ehemalige Präsidentin der ­Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, 2019 einen schon damals umstrittenen Sponsorenvertrag mit Gazprom positiv wertete, kann man drei Jahre später unmöglich rückwirkend neu diskutieren.

Unsere Gesellschaft braucht dringender denn je viele und gute bezahlbare Kulturangebote. Staatliche Zuschüsse allein werden zukünftig nicht mehr ausreichen. Ganz aktuell versucht der bayerische Ministerpräsident Markus Söder das größte Kulturbau-Projekt des Freistaats per Zeitungsinterview vom Tisch zu wischen – und fordert unverhohlen eine „Denkpause“ mitten in der laufenden Planung.

Und wie passt das jetzt alles zusammen? Gar nicht, würde ich meinen. Außer, dass man dringend alte Gewohnheiten überdenken und neue Visionen entwickeln sollte. Beispiele gibt es genug: Unser Autor Tobias Hell berichtet von einem Netzwerkprojekt mit Nachahm-Effekt aus Tel Aviv, Köln und München setzen erfolgreich modernes Musiktheater neu in Szene und Salzburg stellt sich seiner Nazi-Vergangenheit. „Nicht jammern – machen!“, lautet meine persönliche Devise. Und Ermonela Jaho ergänzt: „I have a dream.“ Sie wissen ja: Träume sind der Anfang von allem.

Einen schönen, wachen Sommer voller Freude wünscht


Ihre

Iris Steiner
Chefredakteurin

(Fast) 50 Jahre Leidenschaft …

Der „orpheus“ versteht sich als „Stimme“ der Musiktheaterwelt – als Medium für Opern-, Operetten- und Musicalfans und nicht zuletzt als hochwertiges Magazin mit einer eigenen Meinung, das mit spannenden und gut lesbaren Inhalten unterhält und informiert.


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