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Medien 2021/02

Zweimal „Belcantissimo“

Gioachino Rossini: „Matilde di Shabran“ & Gaetano Donizetti: „Il Paria“

Gioachino Rossini: „Matilde di Shabran“ & Gaetano Donizetti: „Il Paria“

„Die Frauen sind geboren, um zu siegen und zu herrschen.“ So die utopische und nicht ganz ernst zu nehmende Quintessenz der Titelheldin am Ende von Gioachino Rossinis 1821 für Rom komponierter Semiseria „Matilde di Shabran“. Sie hat den Fürsten Corradino mit Witz und Charme und unter Überwindung von mancherlei Gefahren von seinem Hass auf alles Weibliche bekehrt. Verzweigt ist die Handlung und mit abstruser Dramatik überfrachtet, doch die Musik dazu ist köstlich. Vor allem die Ketten-Ensembles funkeln und sprudeln, gerade auch im Mitschnitt vom Wildbader Belcanto-Festival 2019. Die Gesangscrew bietet überschäumende Vokalakrobatik und Zungenfertigkeit in den irrwitzig schnellen Passagen und was Dirigent José Miguel Pérez-Sierra aus dem Krakauer Passionart Orchestra an Drive, klug aufgebauter Dynamik und Feinabstimmung herausholt, ist einfach mitreißend. Als Corradino tritt Michele Angelini in die Fußstapfen von Juan Diego Flórez, der mit dieser Rolle 1996 in Pesaro den Grundstein für seine Karriere legte. Angelini singt die monströse Partie mit ähnlich verblüffender Agilität, Tonschönheit und müheloser Attacke der Spitzennoten. Die Matilde von Sara Blanch sprüht vor Keckheit und bezaubert mit makellosem Ziergesang, der das Fürstenherz ohne Zweifel erweichen muss. Victoria Yarovaya in der Hosenrolle des Ritters Edoardo beglückt mit Mezzosamt, das tiefstimmige Männerquartett bietet eine wohldosierte Mischung aus Buffokomik und kantablem Gesang. Ein dreistündiges Rossini-Fest!

Während in Wildbad die Rossini-Pflege im Zentrum steht, ist Gaetano Donizetti einer der Hausgötter beim Label Opera Rara. Für die jüngste Ausgrabung hat man sich dessen Melodram „Il Paria“ vorgenommen und kritisch ediert auf CD gebannt. Es erzählt von der verbotenen Liebe der indischen Priesterin Neala zum gesellschaftlich ausgegrenzten „Paria“ („Unberührbaren“) Idamore. Als man dessen Herkunft entdeckt, wird er mit seinem Vater, der ihn zur Flucht bewegen wollte, zum Tode verurteilt. Neala bleibt gebrochen zurück. „Il Paria“ war bei der Uraufführung 1829 kein Erfolg, trotz Mitwirkung dreier Gesangsstars dieser Zeit. Allerdings sind demzufolge die Vokalpartien sehr anspruchsvoll geraten. Besonders der Tenor Idamore muss ständig höchste Lagen erklimmen und dort auch noch dynamische Finessen und Ornamente aller Art bewältigen. Wie René Barbera diese Anforderungen meistert, ist staunenswert. Er phrasiert stilgerecht, durchmisst die halsbrecherischen Fiorituren gewandt und peilt die oberen Töne sicher an. Auch Albina Shagimuratova als Neala zeigt alle Vorzüge ihres Koloratursoprans. Gesponnene Kantilenen, virtuose Verzierungen und überstrahlende Topnoten machen sie zu einer überzeugenden Interpretin. Als Zarete punktet Misha Kiria nicht nur mit gewichtigem Bariton, sondern auch mit psychologischer Differenziertheit, insbesondere im großen Solo des zweiten Akts. Dirigent Sir Mark Elder spornt die Britten Sinfonia zu einem stilistisch gelungenen Opernromantik-Debüt und den Opera Rara Chor zur schon gewohnten Klangkultur an.

Karin Coper

INFOS ZU DEN CDs

Gioachino Rossini: „Matilde di Shabran“ (1821)
Angelini, Blanch, Yarovaya u.a.
Passionart Orchestra, Górecki Chamber Choir – José Miguel Pérez-Sierra
3 CDs, Naxos


Gaetano Donizetti: „Il Paria“ (1829)
Shagimuratova, Barbera, Kiria u.a.
Britten Sonfonia, Opera Rara Chor – Sir Mark Elder
2 CDs, Opera Rara

„Im Anfang war der Klang“

Leopoldo Siano: „Musica Cosmogonica. Von der Barockzeit bis heute“

Leopoldo Siano: „Musica Cosmogonica. Von der Barockzeit bis heute“

Ausgehend vom tönenden Schweigen, der Antwort auf die müßige Frage nach dem Anfang der Welt in Charles Ives’ visionärem Stück „The Unanswered Question“ und vom Schweigen des Buddha, wagt der italienische Musikphilo­soph Leopoldo Siano (*1982), der seit 2012 am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität zu Köln lehrt, die These „Im Anfang war der Klang“.

Der Klang spielt in zahlreichen Schöpfungsmythen unterschiedlicher Kulturen eine entscheidende Rolle. Dem Johannesevangelium zum Trotz, in dem es heißt „Im Anfang war das Wort“, haben sich seit jeher Dichter, Philo­sophen, Theologen, Wissenschaftler, Künstler aller Art, nicht zuletzt Musiker mit der Frage der Weltentstehung auseinandergesetzt, der „philosophischen Frage schlechthin“, wie der Autor zurecht schreibt: „Was ist die Welt? Und wie entstand sie? Und warum?“ Da der Verstand der Menschen da nicht weiter­hilft, haben philosophische und religiöse kosmogonische Mythen wie auch musikalische Schöpfungsmythen seit jeher Hochkonjunktur. Der Klang als „die erste wahrnehm­bare Manifestation des Unsichtbaren“ ist in vielen Kulturen Grundüberzeugung. Man mag das kosmischen Urklang nennen. Und denkt an Richard Wagners Es-Dur-Dreiklang im „Rheingold“, dem Vorabend seines „Rings des Nibelungen“, auch eine jener „Welterschaffungsmythen“, die Gegen­stand der Betrachtung sind. Jedenfalls sei die „Quelle, aus der die Welt ent­springt, … eine akustische“, so Leopoldo Siano nach Meinung vieler Autoren und Kulturen. „Das Wort als klingendes Ereignis wird als Ursprung aller Erscheinungen betrachtet.“ Der Klang sei „die erste Bewegung des Unbewegten, und das sei der Beginn der Schöpfung“. Die wichtigsten Philosophen werden als Kronzeugen bemüht.

Auf respekteinflößender philosophischer, literarischer, historischer und musi­kali­scher Grundlage widmet sich der Autor aus der Perspektive der Kom­ponisten der Frage: Wie klingt der Anfang der Welt? In zehn Kapiteln unter­nimmt das Buch eine „nicht-chronologische Reise durch die jüngere Musik­geschichte des Abendlandes“. Es ist eine Geschichte musikalischer Utopien als „Annäherung an das Unmögliche“, die Siano geschrieben hat.

Anhand von Werken, die zwischen dem 18. und dem 21. Jahrhundert entstanden sind, wird gezeigt, mit welchen musikalischen Mitteln die verschiedensten Komponisten (von Jean-Féry Rebel bis zu Joseph Haydn, von Gustav Mahler zu Charles Ives, von Richard Wagner zu Karlheinz Stockhausen und John Cage) es unternommen haben, die Weltschöpfung zu evozieren und auf welche Klangarchetypen sie zurückgriffen, um den Anfang aller Dinge akustisch darzustellen. Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ mit seiner „kosmogonischen Geste“ am Beginn des Werks steht gewissermaßen Pate, ist wohl bekanntestes Paradebeispiel. Es wird – wie bei allen ausgewählten Musiken – mit profunder musikwissenschaftlicher Werkkenntnis und Präzision der Analyse genau beschrieben: „Eine allmähliche und majestätische Exposition von zehn Tönen der D-Dur-Tonleiter, die verschiedenartig harmonisiert werden, … die sich in Terzen auflösen, mit jedem neuen Ton an Dichte und Lautstärke anwachsen“, markieren den Aufstieg der Sonne aus dem Chaos, sie münde schließlich „in eine strahlende D-Dur-Kadenz“. So ist es.

Mit der gleichen Akribie widmet sich der Autor den Urgewässern, musikali­schen Visionen der Weltentstehung aus dem Geist des alten Indien, aber auch den Komponisten als Schöpfern des Kosmos in der Sinfonie (Gustav Mahler steht am Anfang der nicht mehr an ein strenges Formschema gebundenen modernen Sinfonie, die „alles Mögliche“ sein will, nämlich „die ganze Welt“). Es geht aber auch um den Mythos des Urknalls, um Naturer­wachen (mit Klang und Opfer) – bestes Beispiel Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ – bis hin zu Kosmogonien aus Afrika und Amerika. Die „Ewige Wiederkehr des Gleichen“ (Friedrich Nietzsche) inspirierte den Autor zum vorletzten Kapitel „Weder Anfang noch Ende“. Das letzte „Im Anfang ist die Stille“ schlägt den Bogen zurück zum Anfang des Buches, der Kreis schließt sich. Präzise Werkanalysen, gewissenhafte Anmerkungen, viele Grafiken und Notenbeispiele sowie ein Literaturverzeichnis bereichern das interessante Buch, das an seine Leser zwar einige Bildungsansprüche stellt, dessen Lektüre sich aber lohnt. Es ist ein faszinierendes Panorama musikalischer Welterschaffungsmythen mit philosophischem Tiefgang.

Dieter David Scholz

INFOS ZUM BUCH

Leopoldo Siano: „Musica Cosmogonica. Von der Barockzeit bis heute“
430 Seiten, Königshausen & Neumann



Kompendium der neu(er)en Musik

Oswald Panagl: „Im Zeichen der Moderne. Musiktheater zwischen Fin de Siècle und Avantgarde“

Oswald Panagl: „Im Zeichen der Moderne. Musiktheater zwischen Fin de Siècle und Avantgarde“

Der Österreicher Oswald Panagl, Jahrgang 1939, großer Opernfreund mit abgeschlossener Gesangsausbildung und Linguist, ist seit Jahrzehnten eine sichere Adresse für ultimative Kenntnis und profunde Einsichten zum Thema Musiktheater. Als emeritierter Professor für allgemeine und vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Salzburg ist er auch Essayist und Präsident der Internationalen Richard-Strauss-Gesellschaft. Er blickt auf einen umfangreichen Schatz von Monografien und Essays zurück.

Diejenigen, die sich mit der jüngeren Geschichte des Musiktheaters befassen, hat er zu einem hochinteressanten Kompendium zusammengestellt und in ebenso relevante wie aufhellende musikgeschichtliche Zusammenhänge gebracht. Er wollte sich mit einer „Epoche der neu(er)en Musik mit ihren Strömungen, nationalen Varietäten und wichtigen Repräsentanten der einzelnen Sektoren und Stilrichtungen“ befassen und geht dabei von einer „langen“ ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus, die von einem großzügig definierten Fin de Siècle bis zur Avantgarde der frühen 1950er Jahre reicht.

Zunächst geht Panagl auf die Definitionsproblematik dessen ein, was man unter „Moderne“ verstehen kann. Von einfachen Termini und Begriffen mit neuer Referenz und „moderner“ Konnotation stößt er schließlich auf die Erkenntnis, dass letzte Klarheit unmöglich ist. So möge man sich mit einem bekannten Spruch von Jürgen Habermas begnügen: „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt.“

Zum Thema „Traum in der Oper“ stellt er mit Werken von Debussy, Korngold und Martinů ein kunstkritisches Szenario der Jahrhundertwende vor, das sich den Themen Symbolismus, Dekadenz, Nervenkunst, Traum und Wirklichkeit widmet – eine für jene Zeit bedeutsame Tendenz im „modernen“ Musiktheater. Auf der Suche nach einer griffigen Formel für diese disparaten Momente kommt er auf einen Dramentitel aus dem 19. Jahrhundert: „Der Traum ein Leben“. Genau mit diesem Titel hat Walter Braunfels 1937 eine Oper komponiert.

Vor dem zentralen Block mit Werken deutsch(sprachig)er Tondichter beginnt Panagl mit Giacomo Puccini wegen des innovativen Moments seiner Opern. „La bohème“ ist mittlerweile vom „Leitfossil des Nachmittagsabonnements“ zu einer Herausforderung für Regisseure geworden. „Tosca“ liegt im Spannungsfeld musikdramatischer Gattungen, und in „Turandot“ sieht er ein neues Verhältnis der zwei Säulen der „conditio humana“: Der emotionale Weg von erlittenem Tod führt zu neu erwachter Liebe! Für den ohnehin von Natur aus Getriebenen und Avantgardisten Ferruccio Busoni war das realistische Theater ein ästhetisches Ärgernis. Er gab in seinem „Doktor Faust“ entsprechende Antworten.

Natürlich ist bei Oswald Panagl der Richard-Strauss-Teil der größte. Das Geheimnis der Liebe und des Todes in „Salome“ ist ein weiteres Beispiel der „Décadence“ um die Jahrhundertwende. Die „Modernität“ der Musiksprache der „Elektra“ zeichnet sich durch „psychische Polyphonie“ aus. In „Ariadne auf Naxos“ erscheinen die so gegensätzlichen Ariadne und Zerbinetta als in Wahrheit unterschiedliche Facetten des weiblichen Wesens („Zerbiadne“ bzw. „Arietta“), damit in eine neue Wahrnehmungsrichtung weisend. Diese ungewöhnliche Oper ergibt auch quasi ein neues Genre! Bei der „Ägyptischen Helena“ fragt er, ob es sich um ein unterschätztes Meisterwerk oder ein missratenes Sorgenkind handelt. Im „Rosenkavalier“ stehen Beziehungsmuster und Sprachspiele im Gesamtkunstwerk im Vordergrund. Zu „Intermezzo“, bei dem die Liebe zur Autobiographie überwiegt, stellt Panagl die Frage, ob das Werk ein Nachfahre bürgerlicher Musikkultur oder Vorhut der Avantgarde sei. Bei „Arabella“ steht im Raum, ob es ein „Sklerosenkavalier“ oder szenische Realutopie ist …

In Hans Pfitzner sieht der Autor einen spätromantischen Grübler, einen Unzeitgemäßen an der Epochenschwelle, was auch in der Rolle des Palestrina zum Ausdruck kommt. Auch bei Pfitzner ist der Traum ein zentrales Element seines Œuvres. In einem großen „erratischen Block“ aus Mähren zu Leoš Janáček sieht der Autor besonders auf „Menschliches, Allzumenschliches“ und die großen Frauenrollen, die das Schaffen dieses Komponisten kennzeichnen, sowie auf den für ihn so typischen Sprachmelos.

Es folgt Interessantes zum modernen Musiktheater aus „Ost-Europa“ und zum literarischen Symbolismus sowie der impressionistischen Tonsprache von Claude Debussy. Kurt Weill und Benjamin Britten folgen mit einer Analyse zum „Lied der Straße und den Farben des Meeres“ als imaginäre Orte und zeitkritische Chiffre.

Das Buch ist ein kaum enden wollender Fundus an oft unbekannten und interessanten Fakten und Einsichten. Gleichzeitig ist es ein umfassendes Nachschlagewerk zu einer bis in die Praxis des heutigen Musiktheaters wirkenden Epoche.

Klaus Billand

INFOS ZUM BUCH

Oswald Panagl: „Im Zeichen der Moderne. Musiktheater zwischen Fin de Siècle und Avantgarde“
422 Seiten, Hollitzer

Musikalische Blumensträuße

Melody Louledjian (Sopran) und Antoine Palloc (Piano): „Fleurs“

Melody Louledjian (Sopran) und Antoine Palloc (Piano): „Fleurs“

Mit gleich zwei Rezensionen zur Neuerscheinung „Fleurs“ sehnen wir uns den Frühling im wahrsten Sinne des Wortes „doppelt“ herbei …

Bis die ersten Blumen wachsen, kann es noch ein bisschen dauern. Doch es gibt Vorboten, die man sich ins Haus holen kann: beispielsweise das musikalische Bouquet aus Blüten und Pflanzen, das die Sopranistin Melody Louledjian und der Pianist Antoine Palloc auf ihrer gerade erschienenen CD „Fleurs“ zusammengestellt haben. Im Zentrum steht der Zyklus „Les Chantefleurs“ von Jean Wiener (1896-1982), einem der bekanntesten französischen Filmkomponisten mit Ausflügen ins klassische Fach. „Les Chantefleurs“ umfasst 50 Miniaturen, die alle nur etwa eine Minute lang dauern. Doch welchen Charme und vielfältigen Duft versprühen diese Petitessen! Da ist der jazzige Klatschmohn oder die in eine sanfte Melodie gehüllte Rose; die Pfingstrose hat den Blues, die Butterblume kommt direkt aus dem Cabaret, der Jasmin aus Spanien und die Tulpe präsentiert sich pfiffig als Operetten-Couplet. Als Ergänzung gibt es Darius Milhauds siebenteilige Blumenbeschreibungen „Catalogue de fleurs“ und einige Einzellieder mit dem populären Chanson „L’Âme des roses“ zum Abschluss. Melody Louledjian singt alle Nummern ganz exquisit, mit quellklarer Stimme, feinsten Abstufungen und einer gewissen Nonchalance. Die Klavierbegleitung quer durch den Garten der Formen und Stile steuert Antoine Palloc kongenial bei. Wie liebevoll das Album gestaltet ist, zeigt sich auch am Booklet, das zahlreiche farbige Pflanzenzeichnungen schmücken. Insofern ist „Fleurs“ ein vokal-visueller Genuss, der die Wartezeit auf den Frühling wohltuend überbrückt.

Karin Coper


Melody – gibt es einen schöneren Namen für eine Sängerin? Er bewirkt mit seiner Assoziation zur Musik und der sich aus ihr entwickelnden emotionalen Harmonie unmittelbar positive Gefühle. Passend dazu scheint der Titel ihrer CD gewählt, die sie – einfühlsam begleitet von Antoine Palloc – im vergangenen Jahr veröffentlichte.

Der Rezensent erlebte Melody erstmals bei ihren Auftritten als Charlotte in Kreneks „Der Diktator“ und in Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis“, die im Dezember 2019 im Auditorio Adán Martín von Santa Cruz de Tenerife aufgeführt wurden. Schon damals beeindruckte die junge Künstlerin mit einem feinen Sopran bei hervorragender Diktion, technisch perfekt geführt und vielfältig in seiner emotionalen Facettierung. Rollen wie die Violetta in „La traviata“ und die Titelpartie in „Lucia di Lammermoor“ verkörperte sie ebenfalls bereits erfolgreich.

Louledjian beweist auf „Fleurs“ ihre stimmliche Vielseitigkeit mit lyrischer Leichtigkeit und Verspieltheit. Zunächst hören wir ein wahres Bouquet von allen möglichen Blumen – über 50 an der Zahl der Komposition von Jean Wiener mit dem Titel „Les Chantefleurs“. Es geht von der Begonie über die Geranie, Rose, Iris, Hyazinthe, Hortensie, den Lavendel und viele mehr bis zum Ruf des Kuckucks, dem Melody mit betörenden Tönen eine menschliche Stimme verleiht. Manchmal meint man die Zartheit oder Farbenpracht der jeweiligen Blume stimmlich zu vernehmen. Mit offenbarer Freude an vokaler Nuancierung setzt Melody – nomen est omen – mit perfektem Tonansatz, beeindruckender Intonation und Klangschönheit, bisweilen auch Sinnlichkeit diesen großen Blumenstrauß mit all seinen Facetten in lebendige Tonsprache um.

Es folgen diesem Hauptblock noch sieben Nummern aus dem „Catalogue de Fleurs“ von Darius Milhaud, der Titel „Les Fleurs“ von Erik Satie, die „Nature morte“ von Arthur Honegger sowie „Deux Ancolies“ von Lili Boulanger und „L’Âme des roses“ von René de Buxeuil. Auch hier zeigt Melody bei etwas anderen musikalischen Ansprüchen ihre stimmliche Charakterisierungskunst. Eine CD wie für den Frühling aufgenommen!

Klaus Billand

INFOS ZUR CD

Melody Louledjian (Sopran) und Antoine Palloc (Piano): „Fleurs“
1 CD, Aparté

Emanzipation der Dienstmädchen

Stephen Dodgson: „Margaret Catchpole“ & Louis Karchin: „Jane Eyre“

Stephen Dodgson: „Margaret Catchpole“ & Louis Karchin: „Jane Eyre“

Jane Eyre und Margaret Catchpole waren mutige Frauen mit ähnlichem Hintergrund, die sich aus Liebe über Konventionen hinwegsetzten. Wobei nur die zweite der Damen wirklich existierte. Aber Stoff für eine Oper bieten sie allemal beide, wie die Komponisten Stephen Dodgson und Louis Karchin in ihren sehr unterschiedlichen Vertonungen bewiesen haben.

Der Roman „Jane Eyre“, den die Schriftstellerin Charlotte Brontë 1847 unter männlichem Pseudonym veröffentlichte, trägt autobiographische Züge. Er erzählt von einer Gouvernante, die sich in den Hausherrn verliebt und ihn trotz gesellschaftlicher Konflikte heiratet. Fast zeitgleich erschien die Novelle „The History of Margaret Catchpole“ von Richard Cobbold. Auch sie handelt vom Schicksal eines Dienstmädchens, beruht aber auf deren historischen Wahrheiten – der Autor war der Sohn ihrer Arbeitgeberin. Die junge Frau stahl ein Pferd, wurde deshalb inhaftiert, floh aus dem Gefängnis, wurde aufgegriffen und nach Australien verbannt. Dort baute sie sich ein neues, geachtetes Leben auf. Beide Bücher waren im Viktorianischen Zeitalter ungemein populär. Doch während „Jane Eyre“ zum internationalen Klassiker wurde, erlangte Margaret Catchpole lediglich regionale Berühmtheit in ihrer Heimat Suffolk. Anlässlich ihres 200. Todestages 1979 kreierte der 2013 verstorbene Komponist Stephen Dodgson im Auftrag eines lokalen Kunstvereins die biographische Kammeroper „Margaret Catchpole: Two Worlds Apart“. Dodgson, dessen Musik sich generell durch ungewöhnliche Orchesterbesetzungen auszeichnet, benutzt diesmal elf Instrumente für aparte, filigrane Klangkombinationen, die den meist rezitativischen Gesang grundieren. Die Oper lebt vom Atmosphärischen, speziell durch die Integration von englischen Folksongs sowie von tonmalerischen Natur- und Landschaftsstimmungen. Nur: Mit drei Stunden ist sie deutlich zu lang geraten. Glücklicherweise kompensiert das große Ensemble um Kate Howden in der Titelpartie zusammen mit der von Julian Perkins geleiteten Instrumentalgruppe Perpetuo dieses Manko durch nicht nachlassende Intensität.

Im Gegensatz zu „Margaret Catchpole“ fand „Jane Eyre“ nicht nur mehrfach den Weg auf die Leinwand, sondern auch auf die Musiktheaterbühne. Die jüngste Vertonung – sie wurde 2016 in New York uraufgeführt – stammt vom amerikanischen Komponisten Louis Karchin, Jahrgang 1951. Seine Oper hält sich nahe an die Vorlage und transformiert sie geschickt in effektvolle Theatermusik. Die Tonsprache ist gemäßigt modern, es gibt traditionelle Arien und Duette, dazu Gesellschaftsbilder im Parlando. Höhepunkte sind die leidenschaftlichen Liebesszenen, insbesondere das Finale, das sich in üppigen Harmonien steigert, als seien Spätromantiker wie Korngold zurückgekehrt. Jennifer Zetlan singt die Jane Eyre anrührend und mit unerschöpflichen Sopranreserven, dabei vorbildlich artikulierend. Auch Ryan MacPherson ist ein Rochester von Format. Mit Inbrunst und ohne Forcieren setzt er seinen heldischen Tenor ein. Hinzu kommen sieben Solistinnen und Solisten, die sich in jeweils mehreren Partien bewähren. Am Pult des auf zeitgenössische Musik spezialisierten Orchestra of the League of Composers steht der Komponist selbst. Er ist naturgemäß der beste Anwalt für seine Partitur, deren Vorzüge er mit merklichem Engagement zur Geltung bringt.

Karin Coper

INFOS ZU DEN CDs

Stephen Dodgson: „Margaret Catchpole“ (1979)
Howden, Wallace, Morris, Ollerenshaw u.a.
Perpetuo – Julian Perkins
3 CDs, Naxos


Louis Karchin: „Jane Eyre“ (2016)
Zetlan, MacPherson, Meglioranza, Thompson u.a.
Orchestra of the League of Composers – Louis Karchin
2 CDs, Naxos

Eine bezaubernde Musikstunde

Camille Saint-Saëns’ „Karneval der Tiere“ in neuer Filmfassung

Camille Saint-Saëns’ „Karneval der Tiere“ in neuer Filmfassung

Diese beiden Sichtweisen möchten wir Ihnen nicht vorenthalten: Unsere Kinderredakteurin Carla Bastuck und Dr. Wolf-Dieter Peter haben sich unabhängig voneinander den „Karneval der Tiere“ in der BR Mediathek angesehen – und kamen zu recht unterschiedlichen Einschätzungen …

„Der Karneval der Tiere“ ist ein berühmtes Werk des französischen Komponisten Camille Saint-Saëns, in dem verschiedene Tiere, angefangen vom Löwen über Hühner, Schildkröten, Esel, Elefant, Fische, Vögel bis hin zum Schwan musikalisch dargestellt werden. Dieses Stück wurde jetzt, wo es ja keine Konzerte gibt, von Musikern des Münchner Rundfunkorchesters in einem Studio aufgeführt. Den Film dieser Aufführung kann man sich auf der Website des Bayerischen Rundfunks ansehen.

Das Besondere an dieser Aufführung ist, dass ein Papiertheater mitwirkt und jedes einzelne Tierstück sozusagen auf der Bühne dieses Theaters erklärt wird. Dabei schneiden die Theaterspieler vor jedem Stück aus einem großen weißen Papierbogen Formen aus, die etwas mit dem jeweiligen Tier zu tun haben. Manchmal ist es die Form des Tieres selbst, manchmal aber auch eine Bühne, auf der sich Papiertiere bewegen. In vielen Stücken haben die Musiker die Tiere des jeweiligen Stücks auch in Papierform auf dem Kopf oder an ihrem Notenpult. Die meisten Erklärungen spricht die französische Dirigentin Marie Jacquot. Sie spricht sehr deutlich und mit einer vollen Stimme und einem lustigen französischen Akzent, so dass man ihr sehr gerne zuhört.

Diese Darstellung von Musikern mit Papiertheater ist sehr kunstvoll, und ich finde es auch gut, dass man dabei seine Fantasie anstrengen muss. Die ganze Vorführung ist aber auch sehr streng und mit der Zeit etwas eintönig. Für Kinder könnte die Darstellung fröhlicher und vor allem bunter sein, kurz: etwas mehr Pepp haben. Deshalb könnte es sein, dass Kinder nach einer Weile müde werden und das Interesse verlieren.

Ich würde diese Darstellung eher für Kinder ab vielleicht acht Jahren empfehlen, die schon viel über Musik wissen und auch selbst ein Instrument spielen – und die natürlich Tiere lieben. Mir hat besonders das Stück über die Schildkröten gefallen, weil ich in diesem Sommer eine Schildkröte bekommen werde.

Carla Bastuck, 11 Jahre

Dr. Wolf-Dieter Peter

Die Nachrichten sind voll von Problemen mit dem Digitalunterricht und überfordert abstürzenden Videosystemen. Doch es gibt auch animierend Funktionierendes. Denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat nicht nur jahrzehntelange Erfahrung mit Telekollegs aller Art, er zeichnet ja seit Langem auf und überträgt schon immer. So zeigt die BR Mediathek ab jetzt eine neue, kurze „Musikstunde“ der besonderen Art.

Musikredakteurin Meret Forster und Hannah Gröschl vom Rundfunkorchester haben den Titel „Klassik zum Staunen“ fröhlich ernst genommen. So wurde zu den elf Musikern des Münchner Rundfunkorchesters auch das Nürnberger Papiertheater mit Uta Sailer und Johannes Volkmann eingeladen. Alle zusammen animierten Dirigentin Marie Jacquot, die erste Kapellmeisterin der Deutschen Oper am Rhein, an die Isar zu kommen und „mitzuspielen“. So taucht sie schon mit einer kleinen Papierkrone im weißen Papierleinwand-Ausschnitt auf und ihr „Frahnsösisch“-Akzent verzaubert gleich alles lehrreich Erklärende ins Amüsante: den Dirigierstab, die einzelnen Instrumente, dann mal Marsch, Galopp, Cancan und Tonleiter-Auf-und-Ab. Johannes Volkmann führt zwischen den einzelnen Tierauftritten die vielfältigen Reize des Papiertheaters vor. Da gibt es verschiedene Bühnenformate im wechselnden Ausschnitt aus einer weißen Fläche; da ergibt ein gefaltetes Papier schnipp-schnapp gleich drei Pferde, die zwar langsam sind im Vergleich mit Wanderfalken oder Gepard, aber im kleinen Orchester-Tutti doch losgaloppieren – ganz im Kontrast zur gelassenen Langsamkeit der Schildkröten. Die diskutieren dann darüber, ob Saint-Saëns die Melodie von Jacques Offenbachs Cancan „ausleihen“ und dessen Rasanz in „Lento“ verändern durfte, was die Musiker hörbar machen. Die Gangart des Kängurus führt ganz nebenbei zur Hör-Erklärung von „staccato“ neben „legato“. Zum klanglich exakten „I-Ah“ des „Esels“ tragen die Musiker auch alle papierne Eselsohren. Eine Überraschung bieten dann die nass gestrichenen Glasränder, die akustisch die eingeblendeten blauen Aquarell-Wirbel von Saint-Saëns „Aquarium“ beschwören – und kurze Einblicke in das seltene Instrument der „Glasharmonika“ bieten. Da wird auch noch kurz über Üben und Spielen gestritten und mit dem Stethoskop werden schwarze „Fossilien“-Flecken auf dem weißen Papier zum Klingen gebracht. Dann bezaubert die Cellistin Rabia Aydin mit dem Gleiten und Beinahe-Schweben des „Schwans“, ehe im Triller-Tutti-Taumel alles zum Finale zusammenfindet. Was, die vierzig Minuten sind schon um? Kompliment an alle und Filmautor Hans Hadulla – das ist die hoch amüsante, ein paar Mal zauberhafte, in jedem Fall kurzweiligste Musikstunde, die derzeit zu finden ist.

Dr. Wolf-Dieter Peter

INFOS ZUM FILM

Camille Saint-Saëns: „Der Karneval der Tiere“ (Suite für Kammerorchester)
Ani und Nia Sulkhanishvili, Klavier-Duo
Uta Sailer und Johannes Volkmann, Darsteller/Sprecher
Münchner Rundfunkorchester
Leitung: Marie Jacquot
Der Film ist in der BR Mediathek zeitlich unbegrenzt verfügbar.

Dänische Wiederentdeckung von europäischem Rang

August Enna: „Kleopatra“

August Enna: „Kleopatra“

Diese Oper hat es nun wirklich nicht verdient, im Dunkel der Vergangenheit zu versinken. Fast hundert Jahre war die „Kleopatra“-Partitur des dänischen Komponisten August Enna (1859-1939) in den Archiven verschwunden. Jetzt hat sie Philipp Kochheim zu neuem Leben erweckt. Der deutsche Theatermann ist zurzeit Intendant der dänischen Tourneebühne „Den Jyske Opera“ mit Sitz in Aarhus. Mit seinem ambitionierten Projekt, unbekannte oder vergessene dänische Opernwerke wieder auf die Bühne zu bringen, erfuhr auch die hochromantische Oper „Kleopatra“ ihr Comeback. Das dänische Label DaCapo, hier vertreten durch Naxos, brachte nun ein Jahr nach der Bühnenpremiere eine CD als Welt-Ersteinspielung auf den Markt.

Schon nach den ersten Takten der Ouvertüre wird klar, dass hier ein Komponist von europäischem Rang am Werk ist. An den Klangbildern von Richard Wagner und Richard Strauss geschult, entfaltet Enna eine eigene Meisterschaft an Melodiefluss und Instrumentierung. In diesem Werk geht es nicht wie in vielen anderen Kleopatra-Opern um das Drama zwischen ihr und Antonius oder die Liebesgeschichte mit Caesar. Vorlage für das Libretto ist der 1889 erschienene Roman des Engländers Henry Rider Haggard. Darin ist Kleopatra einer lebensgefährlichen Intrige der von ihr unterdrückten Pharaonen-Dynastie ausgesetzt. Aber prompt verliebt sich der als Attentäter ausgewählte junge legitime Pharao Harmaki in die raffiniert verführerische Königin. Dies wiederum entzündet bei ihrer Lieblingsdienerin Charmion – der von den Verschwörern eingeschleusten Tochter des Hohepriesters Sepa – wilde Eifersuchtsanfälle, denn sie liebt Harmaki, was dieser nicht unerwidert lässt. Blind vor Wut verrät sie ihren Geliebten der Königin. Konfrontiert mit seinem Verrat, muss Harmaki erleben, wie seine Mitverschwörer einschließlich des Hohepriesters Sepa in Fesseln abgeführt werden. Mit dem Dolch, der für Kleopatras Mord gedacht war, ersticht er sich selbst. Das wiederum gibt Charmion, über der Leiche zusammensinkend, Gelegenheit für eine große Schlussarie, die leise und zart mit den Worten endet: „All das vollbrachte Liebe, eine zärtliche Liebe, die niemals Ruhe finden wird.“

Diese klassische Opernmischung aus Leidenschaft, Liebe, Intrige, Eifersucht und Verrat inspirierte August Enna zu einer dramaturgisch geschickt angeordneten Mischung aus großen lyrischen Melodiebögen, leidenschaftlichen Gefühlsausbrüchen und harmonisch kühnen Ensembles. Enna versteht viel von effektvollen Instrumentierungen und den Möglichkeiten der vokalen Register. Die klangliche Führung der Solopartien und ein oft dichter und kräftiger Orchestersatz erfordern für eine überzeugende Darstellung Belcanto-geschulte Stimmen. Das kann diese Produktion mit einem international renommierten Ensemble vorweisen. Elsebeth Dreisig gestaltet die Rolle der Kleopatra mit Kraft, dramatischem Zugriff und wo geboten auch mit lyrischen Bögen. Magnus Vigilius geht mit heldischer Stringenz zu Werk und stattet den inneren Konflikt des Verschwörers Harmaki mit den entsprechenden starken Affekten aus. Mit einer wunderbar gesund geführten und ausdrucksstarken Stimme erfüllt der Bariton Lars Møller die Darstellung des Hohepriesters Sepa mit Leben. Vokale Höhepunkte der Oper sind die Melodien der liebenden Charmion. Die Sopranistin Ruslana Koval ist dafür eine sehr glückliche Wahl. Sie kann ihre Stimme vom leisen, zart schwingenden Piano hochfahren zu großer leidenschaftlicher Ausdrucksstärke. Das berührt immer wieder in den leisen Tönen, bis zu den letzten Takten der Oper.

Eine Sonderklasse ist der Chor, dem Enna die Gestaltung gewaltiger Klangsäulen abverlangt, denen der Chor der Dänischen Nationaloper durchgängig gewachsen ist. Das Odense Symphonierchester begleitet unter dem Dirigat des Schweden Joachim Gustafsson souverän.

Das dänisch-englische Booklet informiert ausführlich über das Werk, seinen Komponisten, das Ensemble und bietet außerdem den gesamten Text. Nach ihrer Premiere im Jahr 1894 wurde die Oper immer wieder in ganz Europa gespielt. Allein in Amsterdam gab es 1897 über 50 Vorstellungen. Ab den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aber hatte sich Enna selbst überlebt. Seine Werke verschwanden von den Spielplänen. Vergessen, verbittert und verarmt starb der einst Gefeierte im Alter von 80 Jahren in Kopenhagen. Es ist an der Zeit, sich seiner wieder zu erinnern und dieser Oper auf den Spielplänen wieder einen gebührenden Platz zu geben. Und das gilt auch für seine symphonischen Werke. Die vorliegende CD ist dazu ein überzeugender Start. Sie wurde übrigens zum Preis der Deutschen Schallplattenkritik nominiert. Die Jury entschied sich dann anders. Aber immerhin.  

Claus-Ulrich Heinke

INFOS ZUR CD

August Enna: „Kleopatra“ (1893)
Dreisig, Vigilius, Møller, Koval u.a.
Odense Symphonierchester, Chor der Dänischen Nationaloper – Joachim Gustafsson
2 CDs, DaCapo

Musikalische Träume in Tahiti

Reynaldo Hahn: „L'île du rêve“

Reynaldo Hahn: „L'île du rêve“

Der 1874 in Caracas geborene Reynaldo Hahn war ein vielfach begabtes Wunderkind. Er hatte eine schöne Tenorstimme, spielte gewandt Klavier und komponierte bereits mit 14 Jahren „Si mes vers avaient des ailes“, das bis heute bekannteste von seinen über 100 Liedern. Als eigener Interpret dieser Melodien avancierte er zum gern gesehenen Gast in den Pariser Salons der Belle Époque – im größeren Rahmen populär machten ihn seine sechs Operetten. Hahns Bühnenerstling „L’île du rêve“, der dank der Forschungsarbeit des Palazzetto Bru Zane erstmals auf CD vorliegt, entstand während des Studiums bei Massenet, durch dessen Protektion der nur einstündige Dreiakter 1898 sogar an der Pariser Opéra Comique herauskam. Tahiti, jene „Insel der Träume“, ist Schauplatz einer Romanze zwischen einem französischen Marineoffizier und einer jungen Einheimischen. Dass die Liebe nicht ewig währt, ist absehbar, doch endet sie im Gegensatz zu den berühmteren Opern „Madame Butterfly“ oder „Lakmé“ – ebenfalls nach autobiographisch gefärbter Vorlage des schriftstellernden französischen Marineoffiziers Pierre Loti – nicht tödlich. „Eine polynesische Idylle“, so der Untertitel, beschreibt auch den Charakter der Musik. Nichts Auftrumpfendes hat sie an sich, der Gesang ist niemals dramatisch aufwallend. Ihr Reiz liegt in der Subtilität der Harmonien, dem ruhigen Fluss der Melodien und ihren zarten Exotismen. Dass Hervé Niquet ein Pultmagier ist, hat er schon oft bewiesen und so entlockt er auch diesmal dem Münchner Rundfunkorchester die allerfeinsten Klänge. Die erlesene Besetzung wird von Hélène Guilmette und Cyrille Dubois angeführt. Betörend sind die Vokalgirlanden der Sopranistin, exquisit ist die lyrische Eleganz des Tenors. Mithin: ein musikalischer Traum!

Karin Coper

INFOS ZUR CD

Reynaldo Hahn: „L’île du rêve“ (1898)
Guilmette, Dubois, Morel, Sargsyan, Gombert, Dolié
Münchner Rundfunkorchester, Chœur du Concert Spirituel – Hervé Niquet
1 CD, Bru Zane

Musiktheatralisches Kleinod

Johann Wolfgang von Goethe, Philipp Christoph Kayser: „Scherz, List und Rache“

Johann Wolfgang von Goethe, Philipp Christoph Kayser: „Scherz, List und Rache“

Johann Wolfgang von Goethe war nicht nur der geniale Sturm- und Drang-Dichter, sondern hatte – was weniger bekannt ist – auch ein Faible für gefällige Opernkunst. Diverse Singspiel-Libretti stammen aus seiner Feder, eines von ihnen das mehrfach vertonte „Scherz, List und Rache“. Entstanden um 1785 in Kooperation mit seinem Jugendfreund, dem heute vergessenen Komponisten Philipp Christoph Kayser, kam eine Aufführung des Stücks allerdings zunächst nicht zustande. Erst 1993 erblickte das Werk in Weimar „das Licht der Welt“ – gekürzt und in einer Fassung für Kammerorchester. Am ursprünglichen Original orientierte sich hingegen Dirigent Werner Ehrhardt, der die ursprünglich fast vierstündige Oper 2019 in einer kompatiblen Form in Leverkusen halbszenisch herausbrachte. Nun ist sie auch auf CD erhältlich und entpuppt sich als musiktheatralisches Vergnügen. Der Plot in Kürze: Das Ehepaar Scapine und Scapin wird von einem Doktor um das Erbe einer Tante gebracht und holt es sich mit drastischen Mitteln – ein vorgetäuschter Tod, Geisterspuk und Erpressung – wieder zurück. Diese Typenkomödie steckt nicht nur voller Witz, sie verblüfft auch durch die Qualität von Kaysers Musik. Sämtliche Arien und Ensembles – mal großformatig durchkomponiert, mal liedhaft schlicht – sind durch formal vielfältige Rezitative verbunden, die Instrumentation mit vielen solistischen Passagen besticht durch Originalität. Werner Ehrhardts spürbare Begeisterung für diese Oper überträgt sich auf das zupackend und dynamisch spielende Orchester „l’arte del mondo“. Hinzu gesellt sich ein Vokaltrio von singschauspielerischer Klasse: Annika Boos als Scapine, Cornel Frey als Scapin und Florian Götz als Doktor vereinen stimmliche Frische und gestalterische Lebendigkeit mit vorbildlicher Artikulation.

Karin Coper

INFOS ZUR CD

Johann Wolfgang von Goethe, Philipp Christoph Kayser: „Scherz, List und Rache“ (um 1785)
Boos, Frey, Götz
l’arte del mondo – Werner Ehrhardt
2 CDs, deutsche harmonia mundi