Es gäbe vielerlei dramatische Aspekte: die nie frei gelebte Homosexualität Tschaikowskis; der frühe Tod der geliebten Schwester; das seltsam vielschichtige Verhältnis zum homosexuellen Bruder Modest; die befremdliche Distanzbeziehung zur Mäzenin Nadeschda von Meck; das Verhältnis zu Iosif Kotek; das obskure Todesurteil eines „Ehrengerichts“; der frühe Tod durch ein Glas Cholera-Wasser. Doch Christof Loy hat einen inneren Kern gefunden, von dem die vertonte und jetzt als Titel gewählte Goethe-Zeile „Nur wer die Sehnsucht kennt“ kündet – und den Tschaikowski selbst in einem Brief formuliert hat: „Ich kenne die Macht der Liebe schon, aber das Glück darin nicht.“ Das inspirierte Loy, 24 Lieder und drei kleine Instrumentaleinlagen zu einem intimen musikalischen Kammerdrama zusammenzubinden.

In einem edel blau tapezierten Salon sitzt Mariusz Kłubczuk am Flügel und intoniert zur Einstimmung einige Takte aus Tschaikowskis „Dumka“. An einem Tischchen sitzt versunken der männlich reife Vladislav Sulimsky, singt sich selbst mit bassbaritonaler Wucht „Schlaf ein, mein Herz … was vorbei ist, ist vorbei“ versöhnlich Ruhe zu. Der jugendlich agile Bariton Mikołaj Trąbka versinkt in seligem Überschwang und erster Pein – wozu der reife Mann wissend lächelt. Tenor Andrea Carè als „Mann im besten Alter“ besingt derweil das „schnelle Vergessen“. Wie die drei einander betrachten, sich abwenden, dann wieder zuhören: Da tut sich bereits eine Bandbreite von menschlicher Diversität und Ähnlichkeit auf, die in Bann schlägt. Das vertieft Mezzosopranistin Kelsey Lauritano im Hosenanzug, denn nicht das weibliche Element kommt hinzu, auch eine andere Art von Trauer. Zum kleinen Klaviertriller erscheint Sopranistin Olesya Golovneva im weißen Tüll-Glockenrock und singt mit ihrer dunklen Partnerin von schmerzlich erbetener Ruhe; als der junge Bariton (Mikołaj Trąbka) voller Emphase von der Nachtigall und ihrem Zauberwort „Liebe“ schwärmt, erhebt sie sich auf Spitzen und beschwört mit wenigen Tanzfiguren die träumerische Aura all jener Schwanenwesen. Es gehört zum Besonderen, dass sich zwischen allen fünf Menschen ein feingesponnenes Beziehungsgeflecht mal andeutet, mal auftut, mal zerfällt. Doch auch hochdramatische Züge fehlen in Tschaikowskis Romanzen nicht: die volltönende Erinnerung an „Trunkene Nächte“ oder auch der Kosak, der seiner Hanna eine Korallenkette aus dem Krieg bringen soll und als er endlich heimkehrt, ist sie schon verstorben …

Die knapp zwei Stunden breiten in Körperhaltungen, Blicken, im schmerzlich ringenden, aber auch dumpfen Brüten einen zunächst kostbar feinen Kosmos an Zwischenmenschlichem aus. Das wird so dicht, fesselnd und bedrängend, dass es wie eine entspannende Wohltat wirkt, als der eingerahmte Teil der Rückwand hochfährt, eine gemalte ländliche Ideallandschaft sichtbar wird, das Adagio cantabile aus „Souvenir de Florence“ von Mitgliedern des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters erklingt – und wie eine Mahnung an derzeit nicht erlaubte Auftritte sechs Notenpulte und Streichinstrumente verlassen dastehen …

„Stumme Gespräche sind beredsamer als manches Wort“ singt Olesya Golovneva fast am Ende. In Herbert Murauers sonst leerem Salon, in Olaf Winters mal mildem, mal kaltem Licht war aller innenweltlicher Reichtum anwesend. Was Loy mit seinen fünf Solisten der Extraklasse entwickelt hat, ist tief berührend, erhebt sich wie ein hell blitzender Solitär sich über den dumpf-grellen Müll unserer Tage. Was Kunst doch kann!

Wolf-Dieter Peter

„Nur wer die Sehnsucht kennt“ // Tschaikowski-Lieder inszeniert von Christof Loy

Die Inszenierung ist als kostenfreier Stream bis 20. Juni 2021 über die Website des Theaters abrufbar.