St. Pauli Theater (Varieté im Hansa Theater) • Im Weißen Rössl Wittenbrinks Neufassung begeistert mit großartigen Arrangements und einem wundervollen Ensemble
Mit leichter Hand gelingt es Franz Wittenbrink in seiner Produktion von „Im Weißen Rössl“ im Hamburger Hansa-Theatersaal, der gesellschaftskritischen Urfassung des Singspiels von 1930 gerecht zu werden. Denn auch wenn das Werk über die Jahrzehnte häufig verkitscht wurde (u.a. durch die 1960er-Verfilmung mit Peter Alexander), geht es keineswegs um unbeschwerte Landidylle, sondern vielmehr um die Spannungen, Widersprüche und Sehnsüchte zwischen Stadt- und Landbevölkerung, um Massentourismus, das Frauenbild und die Liebe.
Wortwitzig und augenzwinkernd ausgelotet wird all das vor der bekannten Handlung um den Zahlkellner Leopold, der sich in seine Chefin Josepha, die Wirtin des „Weißen Rössls“, verliebt, die ihn jedoch abblitzen lässt, weil sie sich in einen Stammgast verguckt hat. Es folgen die operettentypischen Irrungen und Wirrungen, bis Kaiser Franz Joseph I. zu einem Happy End verhilft. Wittenbrink spickt das Geschehen mit dezenten, aber dennoch unübersehbaren aktuellen Seitenhieben, wenn zum Beispiel Klärchen mit Tasche von den Azoren, T-Shirt aus Positano und leuchtendem Eiffelturm einige der von Massentourismus überlaufenen Orte, die das pseudoindividuelle Tourismusglück versprechen, karikiert.
Durch grandiose Arrangements entlockt Wittenbrink seinem siebenköpfigen White Horse Orchestra (er selbst am Klavier) einen unglaublich vollen Klang und zelebriert die temporeiche Stil-Melange von Benatzky, Granichstaedten, Gilbert und Stolz: Da trifft Wienerlied auf Latin, Marschmusik auf Foxtrott – Walzer und eine gehörige Portion Humptata dürfen auch nicht fehlen.
Kaum zu hoch loben kann man die ansteckende Spielfreude des gesamten Ensembles, das auch aus den kleineren Rollen alles herausholt und gesanglich mit wundervollen Harmonien verzaubert. Michael Rotschopf gibt den Leopold mit einer köstlichen Portion Wiener Schmäh und wunderbarem Operettenschmelz äußerst charmant. Susanne Jansen changiert als Josepha in einer Mischung aus österreichischer Dorfwirtin, Berliner Tresenkraft und Hamburger Kiezgröße zwischen hemdsärmelig, liebevoll und resolut. Victoria Fleer zündet als Ottilie ein fulminantes Mimik-Feuerwerk, Michael Prelle grantelt charismatisch als Fabrikant Giesecke mit Berliner Schnauze, Anneke Schwabe zeigt sich vielseitig als laszives Stubenmädchen und schüchtern lispelndes Klärchen, Eva Mayer reißt als witzig-gewiefter Kellnerlehrling mit und Sabrina Ascacibar lotst als Postbotin und Kuhmagd prächtig jodelnd durch den Abend.
Für die folkloristisch zeitlosen Kostüme von Nini von Selzam und Susann Günther sind Dirndl und Lederhosen genauso unerlässlich wie die ikonischen Anzüge der österreichischen Kellner, pardon Ober. Miriam Busch sorgt mit einer schlichten Rössl-Fassade in Gelb und Bergkulisse drumherum für eine gleichsam zweckdienliche wie stimmungsvolle Bühne – garniert mit Bierbänken und bunter Lichterkette. Susanne Hayos schwungvolle Choreografien, die teilweise herrlich spontan entstehen, sind das i-Tüpfelchen eines wundervollen Abends, der eindrucksvoll zeigt, dass – richtig umgesetzt – ein Werk auch fast hundert Jahre nach seiner Uraufführung topaktuell sein kann.
Christoph Oscar Hofbauer
„Im Weißen Rössl“ (1930/2026) // Singspiel von Ralph Benatzky in einer Neufassung von Franz Wittenbrink
