Det Kongelige Teater (Kopenhagen) • L’incoronazione di Poppea Monteverdis „Poppea“ im faschistischen Italien
In der Domus Aurea herrscht reges Treiben. Kaiser Neros goldenes Haus ist am Königlichen Theater zwar nicht golden, sondern skandinavisch stilvoller Trockenbau, doch „hyggelig“ geht es nicht gerade zu: Da werden Leichen durch den kühl anmutenden Innenraum gezogen, Exekutionslisten hängen aus, Kisten voller Maschinenpistolen und Handgranaten werden gestapelt. Die Verwaltung verwaltet und an zwei Bauhaus-Schreibtischen wird Neros Herrschaft vollzogen.
Derweil ist dieser bei seiner Geliebten Poppea. Seine Ehefrau Ottavia will er loswerden, lässt den mahnenden Seneca sterben, verbannt Ottone und Drusilla und krönt am Ende Poppea. Christoph Marthaler zeigt Claudio Monteverdis fast 400 Jahre altes Meisterwerk nicht als barockes Sittenbild, sondern als überraschend schlüssige Versuchsanordnung über Macht: Der Prolog zwischen den allegorischen Instanzen Fortuna, Virtù und Amore fällt weg; aus dem antiken Rom wird das faschistische Italien. Immer wieder hört man Textfragmente Gabriele D’Annunzios, Dichter, Nationalist und Stichwortgeber des italienischen Faschismus – dass diese Sätze aus dem 20. Jahrhundert stammen, verrät allenfalls das Wort „Italia“.
Sängerisch ist diese Produktion dabei bis in die kleinsten Rollen perfekt besetzt. Kerstin Avemo ist eine Poppea von leuchtender Präsenz: stimmlich geschmeidig, gefährlich, mit funkelnder Linie. Kangmin Justin Kim singt Nero, hier ein wenig Dr.-No-Verschnitt, mit ungeheuer schönem Countertenor, silbrig, biegsam, fast schwerelos. Der glücklosen Ottavia gibt Anne Sofie von Otter eine noble Herbheit; Morten Grove Frandsen ist ein verletzlicher Ottone. Als Seneca ist Kyungil Ko ein Ereignis: dunkel, weise, grundiert wie aus altem Stein. Und Annika Beinnes lässt Drusilla mit hellem Sopran aufblühen.
Im Graben setzt Lars Ulrik Mortensen Monteverdis Partitur mit klarer Hand und sparsamer Exzentrik. Schon der eröffnende a-Moll-Akkord wird nicht wie so oft zur Improvisationsleinwand aufgespannt, sondern bündig klar gesetzt. Das Concerto Copenhagen spielt schlank, federnd, transparent, mit sprechendem Continuo. „Hor che’l ciel e la terra“, eine Ergänzung aus Monteverdis spätem, achtem Madrigalbuch wird zum magischen Moment kurz vor der Pause, ein Piano höchster Spannung. Andere musikalische Einfügungen bleiben befremdlicher: So hört man Arnold Schönbergs „Herzgewächse“ mal auf Zinken und Darmsaiten.
Höhepunkt ist aber natürlich das Ende – vielleicht Monteverdis größter Geniestreich überhaupt: „Pur ti miro“, eines der frühesten und bis heute wirkungsmächtigsten Liebesduette der Operngeschichte. Zu „più non moro“ („Nie mehr sterbe ich“) fällt dann freilich Nero tot um. Seltsam, gewiss. Aber der eigentlich süße Schluss ist ohnehin eine unverhohlene Lüge. Das damalige Publikum wusste, wie es weitergeht: Nero wird die schwangere Poppea später durch einen Tritt in den Unterleib töten. Marthalers Poppea zielt genau dahin, wo es weh tut.
Willi Patzelt
„L’incoronazione di Poppea“ („Die Krönung der Poppea“) (1642) // Opera musicale von Claudio Monteverdi
