Mainfranken Theater Würzburg • Rosse / Pagliacci Zwei Kurzopern um Mechanisierung und Untreue
Der Versuch, am Mainfranken Theater Würzburg zwei musikalisch wie inhaltlich ganz verschiedene Werke miteinander zu kombinieren, misslingt. Im Vordergrund steht das Bemühen, Winfried Zilligs mittlerweile vergessene kurze Oper in drei Bildern „Rosse“ aus dem Jahr 1933 wieder aus der Versenkung zu holen. Der Komponist verfasste sie nach einem Libretto von Richard Billinger über den Rossknecht Franz, dessen Arbeit mit Pferden durch die Mechanisierung der Landwirtschaft überflüssig geworden ist. Im Streit mit dem Maschinenhändler Alois ersticht er erst diesen, bevor er sich selbst – verfolgt von Visionen – erhängt. Eine Tragödie über den Konflikt zwischen natürlicher Lebensweise und Industrialisierung. Der Komponist Zillig (1905-1963), gebürtiger Würzburger, war Schüler von Arnold Schönberg und Bewunderer von Alban Berg. Sein Stück bewegt sich zwischen Zwölfton-Musik und Tonalität, auch mit Zitaten aus der Volksmusik.
Die Würzburger Theaterleitung verknüpft dieses 40-minütige Werk mit einer weiteren Kurzoper in zwei Akten, Ruggiero Leoncavallos „I Pagliacci“ von 1892. Doch hier, zur Musik des Verismo, spielt sich ein allgemein menschliches Drama ab um Liebe und Eifersucht, vorgeführt auf dem Theater. Vor der Oper „Rosse“ tritt der Bajazzo als eine Art Ansager in glitzerndem Kostüm auf – das Ziel: eine Verbindung zu schaffen zwischen dem Bruch einer Lebensweise, der Tiefgreifendes berührt, und dem gefährlichen Spiel mit ausufernden Gefühlen.
Doch ob beide Opern komödiantische Unterhaltung sind fürs Landvolk? Schon das Bühnenbild von Pascal Seibicke zeigt optisch den Unterschied: Bei „Rosse“ ist alles dumpf-düster, die Bauern erscheinen in Braun- und Beigetönen vor einer Landschaftskulisse, die Vertreter der reichen Bürger im Gasthaus in Schwarz und Grau; in der Mitte ein Würfel, der auf einen Stall hindeutet. Ganz anders das Bild bei „Pagliacci“: Da öffnet sich der Würfel, die Schauspieler der Commedia dell’arte kommen bunt und bewegt daher. Dann aber, als sich die Eheprobleme von Nedda und Canio verschärfen, blickt man in eine hell erleuchtete, bürgerlich-konservative Zirbenholzstube, und Nedda erscheint im Dirndl. Das Landvolk, die Zuschauer des Theaterstücks, Chor und Kinderchor, sind als Clowns verkleidet. Regisseur Roman Hovenbitzer schafft hier viel Trubel und Bewegung, während bei „Rosse“ alles geordneter, ruhiger abläuft.
Das Philharmonische Orchester Würzburg unter Mark Rohde gibt der innerlich sehr zerrissenen Musik Zilligs zwischen Atonalität, hochexpressiven Kantilenen, gläsernen Klängen, Sprechgesang und ruhigeren Momenten viel Prägnanz und Spannung; bei Leoncavallos Verismo-Oper betont es Packendes, Ausuferndes, aber auch gelegentlich lyrische Züge. Beide Opern aber werden getragen von den sängerischen Leistungen: Brad Cooper als eifersüchtiger, unbeherrschter Egoist und Theaterleiter Canio kann seinen kräftigen, oft etwas fahl klingenden Tenor stark einsetzen, verkörpert als rücksichtsloser Händler die neue Zeit. Besonders ausdrucksvoll gestaltet Federico Longhi mit seinem großen, facettenreichen, warmen Bariton die tragische Figur des Franz und wird dann bei Leoncavallo zu einem verzweifelten Intriganten Tonio. Die Oper über den Bajazzo aber wird darstellerisch wie sängerisch dominiert von Sophie Gordeladze als attraktive, lebenslustige Nedda: ein klarer, farbiger Sopran, stets in Bewegung mit dramatischen, variabel gestalteten, glänzenden Höhen.
Renate Freyeisen
„Rosse“ (1933) // Oper von Winfried Zillig
„Pagliacci“ („Der Bajazzo“) (1892) // Dramma von Ruggero Leoncavallo
Infos und Termine auf der Website des Mainfranken Theaters Würzburg
