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Medien 2021/01 Buch

Originelle Geschichte für musikbegeisterte Kinder

Loretta Stern und Bela Brauckmann (Autoren), Ulf Keyenburg (Illustrator): „Der kleine Ton“

Loretta Stern und Bela Brauckmann (Autoren), Ulf Keyenburg (Illustrator): „Der kleine Ton“

Im Mittelpunkt dieses Buches steht ein kleiner Ton, der in der zweiten Zeile eines Klavierstücks wohnt. Die Noten dieses Klavierstücks stehen auf einem Klavier, auf dem das Mädchen Antonia eigentlich üben sollte. Doch sie spielt immer nur die erste Zeile, sodass der kleine Ton gar nicht erklingen kann. Irgendwann reicht es dem kleinen Ton, und er schwingt sich von seiner Notenlinie hinein in die Stadt und in die Welt der Musik und der Geräusche. Er und seine Freundin Penny Pause, die er unterwegs kennenlernt, treffen auf einen Presslufthammer, einen plätschernden Brunnen, vor dem ein Mädchen auf einer Gitarre spielt, in der U-Bahn hören sie Rapper, und später kommen sie bei einem Popkonzert und einer Jazzband vorbei. Am Ende bekommt der kleine Ton noch einen ganz großen Auftritt – aber mehr will ich nicht verraten.

Ich finde das Buch sehr gut und sehr witzig geschrieben. Die Idee mit dem kleinen Ton, der klingen möchte, ist sehr originell. Wenn man einmal mit dem Lesen anfängt, möchte man gar nicht mehr aufhören, weil immer wieder neue Musikarten hinzukommen. Es ist ein gutes Buch für Kinder, die Noten lesen können und auch ein Instrument spielen.

Ich finde allerdings, dass die Illustration etwas zu wünschen übriglässt. Im Text ist vieles sehr bunt und farbenfroh beschrieben, die Abbildungen sind aber nur in den Farben Rot, Weiß, Schwarz und Grau gehalten. Das passt nicht zusammen und ist ein bisschen eintönig. Ich finde auch die Altersempfehlung mit vier Jahren etwas zu früh. Es werden oft schwierige englische Wörter verwendet, die die meisten Kinder mit vier Jahren nicht verstehen.

Insgesamt ist es aber ein sehr interessantes und spannendes Buch für musikbegeisterte Kinder, das ich sehr empfehlen kann.

Carla Bastuck, 11 Jahre

INFOS ZUM BUCH

Loretta Stern und Bela Brauckmann (Autoren), Ulf Keyenburg (Illustrator): „Der kleine Ton“
72 Seiten, Migo Verlag
auch als ungekürzte inszenierte Lesung und Lieder-CD erhältlich

Wagners weltweite Wirkung

Alex Ross: „Die Welt nach Wagner. Ein deutscher Künstler und sein Einfluss auf die Moderne“

Alex Ross: „Die Welt nach Wagner. Ein deutscher Künstler und sein Einfluss auf die Moderne“

Ein Perspektivwechsel tut fast immer gut. Noch dazu bietet die angloamerikanische Musikschriftstellerei meist einen bestens lesbaren, analytisch klaren Stil, fern aller ästhetischen Schwurbelei – so auch der arrivierte US-Musikkritiker Alex Ross. Deshalb also: kein Zurückschrecken vor 750 reinen Textseiten, vertieft durch 100 Seiten Anmerkungen und einem breit angelegten Register. Auch weil Gloria Buschor und Günter Kotzor gekonnt die nötige Fachsprache mit den ästhetischen Beschreibungen und Urteilen des versierten Autors übersetzen und mischen konnten.

Ross hat nicht die x-te Wagner-Interpretation verfasst, sondern den Horizont von Wagners Lebensende bis circa ins Jahr 2000 gespannt: Was hat der Komponist geschaffen und wie haben seine Werke, seine Schriftstellerei und seine oft ausufernden Äußerungen dann die Kunstwelt der Moderne beeinflusst? Also untersucht Ross den schon zu Lebzeiten einsetzenden „Wagnerismus“ in Lyrik, Prosa, Malerei, Theater, Tanz, Architektur und Film bis in unsere Zeit. Selbst musikalisch ausgebildet, wollte Ross wohl ein auch künstlerisch geformtes Buch schreiben. Folglich hat er seine 15 Kapitel „werk-nahe“ benannt, vom eröffnenden „Rheingold“ etwa über „Nibelheim“ zu „Venusberg“, „Nothung“ und „Siegfrieds Tod“ bis zu „Walkürenritt“. Dass am Ende „Parsifal“-nahe „Die Wunde“ steht, signalisiert auch, dass Ross kein Problem der vielfältigen Wirkungsgeschichte ausspart, vor allem nicht den für ihn klar zu Tage liegenden Antisemitismus Wagners samt breit belegter Nachwirkung: Da bleibt Ross ganz auf der Linie des ihn beratenden Hans Rudolf Vaget, britischer Kollegen wie Barry Millington und hierzulande Jens Malte Fischer. Hier und bei der vielfach umrissenen politischen Nachwirkung Wagners, seiner Instrumentalisierung und des Missbrauchs zeigt sich eine Leerstelle der Analyse: Der seit 1989 neue Werk-Horizonte eröffnende, mit „Richard Wagner in Deutschland“ die gesellschaftspolitische Wirkungsgeschichte grundlegend beleuchtende Udo Bermbach ist nur einmal kurz genannt, seine „Erdung“ Wagners in der Politikgeschichte zu wenig verarbeitet. Erfreulicherweise aber hebt Ross die Bedeutung und Stellung von George Bernard Shaws kleinem Wagner-Brevier von 1896 hervor. Nur wurde Shaws 1906 dann im Kaiserreich erscheinendes Büchlein kaum rezipiert: Auch nicht in Neu-Bayreuth ab 1951, sehr wohl in der DDR und im „Leipziger Ring“ von 1974-76 – und 1976 dann im Bayreuther „Jahrhundert-Ring“ von Chéreau zunächst als „linker Skandal“.

Doch weit darüber hinaus eröffnet Ross tiefe Einblicke in den schon zu Lebzeiten Wagners in Frankreich entstehenden „Wagnerisme“ mit Mallarmés „le dieu Wagner“ hin zu W.H. Audens „absolute shit“ inmitten der englischen Wagner-Verehrung. Siegfrieds Trauermarsch wird bei Lenins Beerdigung gespielt und Zionist Theodor Herzl erholt sich bei „Tannhäuser“. Neu ist der – wenn auch etwas breit geratene – Blick auf Wagners Wirkung in Amerika. Speziell den auf dort blühende Sängerromane Willa Cather oder Sidney Lanier, auf Owen Wisters Wagnerianische Cowboys und Walt Whitman: Die farbige Literaturgröße W.E.B. du Bois versteht „Lohengrin als Utopie eines rassefreien Gemeinwesens“. Ross zeigt die nahezu weltweite literarische Breitenwirkung des Tristan-Akkords und der Liebeshandlung. Weit über Seiten zu Nietzsche, Oscar Wilde und Thomas Mann hinaus verfolgt der Autor Wagners heimatsuchenden „Holländer“ in Joyces „Ulysses“, in T.S. Eliots „The Waste Land“ und Virginia Woolfs „The Waves“ und zeigt Dutzende anderer Spuren auf. Differenziert wird die Problematik „Wagner-Hitler-Nationalsozialismus“ erörtert, etwa, dass Wagner in dieser Phase in Angloamerika zum „guten Deutschland“ gerechnet wurde – bis hin zu dem Faktum, dass Filmsequenzen der US-Bomberflotte der „Walkürenritt“ unterlegt ist – lange vor „Apocalyse Now“, in dem dann der „deutsche Wille zur Macht durch einen God-bless-America-Imperialismus ersetzt wurde“. Insgesamt bringt das Kapitel „Wagner im Film“ von Stummfilm-Musik bis zu Stanley Kubrick, Ken Russell und Coppalas Opus viel Informatives.

In der abschließenden „Wunde“ zum „Wagnerismus nach 1945“ bestätigt Ross die von Udo Bermbach schon ausgeführte Kontinuität von Neu-Bayreuth auf etlichen alten Schienen, ehe dann mit dem Engagement von DDR-Regisseuren und Chéreau wirklich die Neu-Interpretation begann. Das aus US-Sicht oft als „German Trash“ abqualifizierte „Regietheater“ würdigt Ross mit den Namen Herzog-Syberberg-Melchinger-Berghaus-Schlingensief-Alden-Konwitschny-Herheim etwas zu pauschal, doch dann mit Schluss-Urteil „die Mühe wert, weil es zu außergewöhnlichen Einsichten führen kann“. Das gelingt auch Alex Ross mit erhellenden Seiten zu „Wagner in der Bildenden Kunst“: von Henri Fantin-Latour, Odilon Redon, über Kandinsky, Franz Marc, die endlich entdeckte Hilma af Klint bis zu Anselm Kiefer. Passagen über Loïe Fuller und den Ausdruckstanz, über Isodora Duncan und d’Annunzio – all das rundet sich zu einer lohnenden Tour d’Horizon mit den „Besten und schlimmsten Eigenschaften des Menschen“, mit mal einem „Sieg der Kunst über die Wirklichkeit“, mal einem „Sieg der Wirklichkeit über die Kunst“ – also einer „Tragödie extremer Unvollkommenheit“ um Wagners Werk. Die Quintessenz seines enorm gehaltvollen Bandes hat Ross schon auf Seite 421 selbst formuliert: „Wagner bleibt das Monster im Herzen des modernen Labyrinths, dem man nicht entrinnen kann.“ 

Wolf-Dieter Peter

INFOS ZUM BUCH

Alex Ross: „Die Welt nach Wagner. Ein deutscher Künstler und sein Einfluss auf die Moderne“
907 Seiten, Rowohlt Verlag

Prachtgemäuer

Christian Bührle, Markus Kiesel, Joachim Mildner (Hrsg.): „Prachtgemäuer. Wagner-Orte in Zürich, Luzern, Tribschen und Venedig“

Christian Bührle, Markus Kiesel, Joachim Mildner (Hrsg.): „Prachtgemäuer. Wagner-Orte in Zürich, Luzern, Tribschen und Venedig“

Nachdem das Herausgebertrio in seiner Vorgängerpublikation, dem Reiseführer „Wandrer heißt mich die Welt“, alle 200 Orte in 15 Ländern in Wort und Bild dargestellt hat, die Wagner in seinem Leben besuchte, schließen sie nun ihre Tetralogie (deren erste Bände das Bayreuther Festspielhaus und das Wohnhaus Wagner in Bayreuth, Wahnfried betrafen) ab. Damit ist eine Lücke geschlossen.

An keinen Orten außerhalb Bayreuths sind die authentischen Bauten, in denen Wagner gewohnt, gelebt und gewirkt hat, noch heute so zahl­reich vorhanden wie in Luzern, Tribschen, Zürich und Venedig. Wagner hatte ohne Zweifel eine besondere Beziehung zur gebauten Umgebung bzw. zur Architektur. Was Loge im „Rheingold“ mit seinem „ironisch-despektierlichen Ausdruck für die Luxus­immobilie Walhall“ sagt – „Das Prachtgemäuer prüft ich selbst“ –, gilt wohl auch für den Komponisten Richard Wagner, der lebenslang diverse in Frage kommende Objekte seines Weilens in Augenschein nahm.

In diesem Buch werden erstmals alle Wohn- und Wirkungsstätten Wagners in Zürich, Luzern, Tribschen und Venedig in Wort und Bild (damals und heute) ausführlich dokumentiert und beschrieben. In seinem „Zürcher Exil“ 1849-1858 (in den drei ehemaligen Wagner-Wohnungen am Zeltweg und in einem Neben­haus der Villa Wesendonck) „konnte Wagner ausprobieren und experimentieren, wohin seine ästhetischen, theoretischen und musikalischen Visionen führen würden“. Zürich war „eine Wagnerstadt von globaler Strahlkraft par excel­lence“, wie die Autoren betonen. Bedauerlicherweise habe die Stadt dieser Tatsache „bis heute nie dauerhaft sichtbare Rechnung getragen“. „Gemessen an Aufenthaltsdauer, Vorhandensein der authentischen Gebäude und Werkschaffung ist Zürich sogar die Wagnerstadt neben Bay­reuth.“ Oberhalb des Sees, mit Blick auf die Berge, wollte Wagner ursprünglich sogar sein Festspielhaus errichten.

In Tribschen, wo Wagner 1866 nach seiner Flucht aus München die Meister­singer, den letzten „Siegfried“-Akt und das „Siegfried-Idyll“ komponierte, erlebte er mit Cosima die glücklichste, auch ruhigste Zeit seines Lebens. In Luzern vollendete Wagner 1859 im Hotel Schweizerhof seinen „Tristan“ und heirate am 28. August 1870 Cosima von Bülow, geborene Liszt. In Venedig residierte er seit 1858 viermal bis zu seinem dortigen Tod 1883. Alle Städte werden akribisch beschrieben, Wagners Wirken dort minutiös geschildert und in bril­lianten, oft atemberaubend schönen historischen wie heutigen Fotos abgebildet, zum Teil zum ersten Mal. Manche der kenntnis- wie aufschluss­reichen Texte, u.a. von Nike Wagner, Dagny Beidler und Antoine Wagner, sind Erstver­öffentlichungen. Das abschlie­ßende Kapitel von Markus Kiesel „Alles was ist, endet“ fasst juristisch akkurat die Bayreuther Festspiel­geschichte nach Wagners Tod bis heute zusam­men, der durchaus kritische Schlusspunkt einer Publikation, die ein Standardwerk werden wird.

Dieter David Scholz

INFOS ZUM BUCH

Christian Bührle, Markus Kiesel, Joachim Mildner (Hrsg.): „Prachtgemäuer. Wagner-Orte in Zürich, Luzern, Tribschen und Venedig“
288 Seiten, ConBrio

Tenor ohne Attitüden

Matthias Herrmann (Hrsg.): Begegnungen mit Peter Schreier

Matthias Herrmann (Hrsg.): Begegnungen mit Peter Schreier

Statt ein Leben von A nach Z zu durchschreiten, hat Herausgeber Herrmann die Form des Mosaiks gewählt: Neben Herbert Blomstedts Geleitwort, vier Preisreden, drei „Aspekte“-Texten von Dirigenten und Musikwissenschaftlern und zwei Gedenkreden aus dem Abschiedsgottesdienst in Dresdens Kreuzkirche schildern 30 Sanges-Kolleginnen und -Kollegen, Begleiter und andere Instrumentalisten sowie Komponist Siegfried Matthus ihre Begegnungen mit Peter Schreier. Er erscheint als „Kruzianer“ des berühmten Chores – also Knaben-Altist – und dann auch weltweiter Oratorien-Solist, Opernsänger, Liedinterpret, Dirigent sowie als sein eigener, kritischer „Gegenhörer“ im Aufnahmestudio. Klar wird dem Leser die verinnerlichte Disziplin aus dem Chor über alle Bühnen der Musikwelt bis hin zur Intimität des Liedpodiums – über rund 70 Karrierejahre hinweg! Hinzu kommen Schreiers fundierte Stilkenntnisse, seine glasklare Diktion und sichere Intonation – was die hübsche Anekdote ermöglicht: Edda Moser versingt sich im Konstanze-Belmonte-Duett – und Schreier singt ihre „Improvisation“ souverän mit und nach, um nachher ruhig zu behaupten, das sei eine „andere Fassung“ gewesen…

Parallel zu derartigem begleitet ihn lebenslang der Witz über seinen völlig unzutreffenden Familiennamen. Freund und Organist Hansjörg Albrecht bemängelt immerhin Schreiers Schweigen in und um „1989“ und führt seine Behauptung an, „unpolitisch“ zu sein. Sein internationaler Durchbruch durch die freundschaftliche Empfehlung Fritz Wunderlichs und die „Übernahme“ nach dessen Tod 1966 werden deutlich. Schreiers Stimme selbst wird nur mit seiner „zuchtvollen Art“ beschrieben sowie die generelle Distanz des Künstlers zum „Theaterspielen“ hervorgehoben. Von Opernkennern oft als „anima candida“-Singen ohne Opern-Blut und -Leidenschaft bezeichnet, ist er der weltweit geschätzte, aber eben nur berichtende Evangelist im Oratorium. Doch überraschte Schreier speziell im späten Teil seiner Karriere etwa in Schuberts „Winterreise“ nicht nur durch das vokale Gestalten des Todes des Wandergesellen, sondern vor allem durch die Beschwörung eisiger Vereinsamung, von existentiellem Verlöschen in fahlen Tönen. Eine unvergessliche Erinnerung an einen großen Künstler auf dem Münchner Podium – fern heutiger Selbstinszenierung und Selbstüberschätzung.

Wolf-Dieter Peter

INFOS ZUM BUCH

Matthias Herrmann (Hrsg.): Begegnungen mit Peter Schreier
256 Seiten, Sax-Verlag