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Medien 2021/01 DVD

Entdeckerfreude und Wiedergutmachung

Jaromír Weinberger: „Frühlingsstürme“

Jaromír Weinberger: „Frühlingsstürme“

Entdeckerfreude und Wiedergutmachung – wen letzteres misstrauisch macht: Barrie Kosky steht ja grundsätzlich für theatralisch unterhaltsame „Stürme“ – und auch für Ausgrabungen von Berliner Erfolgen. Hier geht es um die am 20. Januar 1933 letzte glamouröse Operetten-Premiere im Admiralspalast vor der „Machtergreifung“ am 30. Januar. Vierzig Tage später wurde das gefeierte Werk des jüdischen Komponisten Jaromír Weinberger abgesetzt und verboten.

Damals sangen die bildschöne Jarmila Novotna und Star-Tenor Richard Tauber. Jetzt ist Vera-Lotte Boecker eine überzeugende Diva und reiche russische Witwe Lydia mit strahlendem Sopran. Seine türkische Abstammung kann Tansel Akzeybek in einen Hauch von „Osten“ für den japanischen Diener-Spion Ito verwandeln, vor allem aber besitzt er einen mühelosen Tenor mit glasklarer Artikulation. Er ist der Störfaktor im Schwarm russischer Garde-Offiziere um die begehrte Frau, die der amüsant alltags- und liebes-trottelige General Katschalow unbeirrt liebt. Doch militärisch gewieft gibt er für den im Hintergrund heraufziehenden russisch-japanischen Krieg von 1905 über Lydia falsche Informationen weiter, mit denen sie dem in einem großen Duett halb-und-halb geliebten Ito zur Flucht verhilft. Monate später treffen alle bei Friedensverhandlungen im Drehtür-Wirbel des Nobelhotels von San Remo aufeinander. Diplomat Ito hat geheiratet und singt Lydia nun wehmütig „Du wärst die Frau für mich gewesen“ hinterher. Sie rettet die durch die Ito-Flucht beschädigte Ehre von Katschalow und gibt ihm ihr Ja-Wort. Nebenbei sind seine Tochter Tatjana samt deutschem „rasenden Reporter“ Roderich durch die Szenen getaumelt-stolpert-küsst und dürfen nun auch ein Paar werden.

Für all das hat Weinberger eine mal kess bunte, mal emotional schwelgerische Mischung von großem Orchester mit jazziger Tanz-Band geschrieben, was Dirigent de Souza wie edlen Boulevard-Schampus serviert. Doch reizvoll „anders“ klingt und wirkt, dass sich fast operntragisch Tenor und Sopran nicht kriegen und die Absurdität allen Kriegs als fataler Hintergrund aufscheint – über alle Heimlichkeiten und Pistolen-Spiele hinweg dürfen Filmfreunde an Lubitschs unsterbliches „Sein oder Nichtsein“ denken. So wirkt auch der fast bühnengroße Militär-Truhenkoffer (Bühne: Klaus Grünberg) zunächst befremdlich düster, ehe er sich mal zum Boudoir oder zur erinnerungsseligen Show-Treppe für ein Folies-Bergère-Feder-Boa-Ballett (herrliche Choreographie-Vielfalt: Otto Pichler) auffächert. Durch Barrie Koskys turbulenten Mix hindurch ist einem der Theater-Lorbeer zuzuwerfen: Schauspieler Stefan Kurt mischt in der Sprechrolle des Generals Katschalow nicht nur Militärsteife mit Männerstolz und liebesblinder Trotteligkeit, er bewegt sich rhythmisch genau mit allen singend-tanzenden Partnern, bringt genau getimt seine melodiös eingefärbten Texteinwürfe – und dann gipfelt seine Liebesverzweiflung in einer abgründigen Parodie von Lenskis todesverschatteter Abschiedsarie „Wohin, wohin bist du entschwunden“. Da berühren sich wie in aller großen Kunst Tragödie und Komödie – und verdienen ein „Stupendo! – Bravo!“ All das zusammen brachte der reizvollen Aufzeichnung soeben den Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ein.

Wolf-Dieter Peter

INFOS ZUR DVD/BLU-RAY

Jaromír Weinberger: „Frühlingsstürme“ (1933)
Kurt, Sadé, Boecker, Köninger, Akzeybek, Lindenberg u.a.
Jordan de Souza (Dirigat), Barrie Kosky (Inszenierung)
Chor und Orchester der Komischen Oper Berlin
1 DVD/Blu-Ray, Naxos

#makemusicnotwar

Dror Zahavi (Regie): „Crescendo #makemusicnotwar“

Dror Zahavi (Regie): „Crescendo #makemusicnotwar“

Schon der erste Lockdown verhinderte die verdiente Breitenwirkung eines besonderen Musikfilms. Nun sind wiederholt die Türen sämtlicher Kulturstätten geschlossen. Dafür holt der DVD-Player mit großem Bildschirm und gutem Klang die Welt der Musik ins Wohnzimmer – und mit dazu ein gärendes Problem, für das seit 20 Jahren ein spezielles Ensemble mögliche musikalische Lösungswege erklingen lässt.

Peter Simonischek gleicht ein bisschen Edward Said, dem schon verstorbenen Mitbegründer des „Orchester des West-Östlichen Divans“. Seit 1999 gastiert das jetzt hauptsächlich mit Daniel Barenboim verbundene Ensemble weltweit als Beispiel dafür, wie gemeinsames Musizieren den arabisch-israelischen Konflikt zeitweise und begrenzt überwinden kann. In Regisseur Dror Zahavis wuchtigem Film kommt die auf internationales Business-Niveau gestylte Bibiana Beglau als Karla de Fries auf Professor Eduard Sporck (Peter Simonischek) zu – die kühl erfolgsorientierte Managerin der weltweit tätigen „Stiftung für effektiven Altruismus“ auf den ehemals renommierten Dirigenten mit immer noch wohlklingendem Namen: Parallel zu einer diplomatischen Konferenz soll ein frisch zusammengestelltes arabisch-israelisches Jugendorchester unter seiner Leitung ein publicityträchtiges Beispiel mit internationaler Wirkung geben. Im lichtdurchfluteten Marmortreppenhaus eines Frankfurter Hochschul-Imitats sagt Sporck nach anfänglichem Zögern zu – im Film gekonnt kontrastiert mit der Szene eines mühsam-gefährlich-diskriminierenden Weges zweier palästinensischer Jugendlicher über die Grenze zum Vorspiel in Tel Aviv. „Sporck – das ist der Porsche!“, jubelt der palästinensische Vater der Geigerin Layla (mit vielfältiger Emotion Sabrina Amali), die es in die Auswahl schafft und feststellen muss, dass der smarte, allzu weltgewandte Israeli Ron (überzeugend Daniel Donskoy) weit besser und auch noch sensibel freier spielt. Dennoch oder gerade deswegen wird sie von Spork als Konzertmeisterin eingesetzt.

Im von der Stiftung gesponserten, idyllischen Südtiroler Burg-Domizil greift der in gruppendynamischen Prozessen erfahrene Sporck die Aversion, ja den schwelenden Hass zwischen Israelis und Palästinensern auf. In aggressiven Konfrontationsübungen und heftigen Diskussionen prallen historisches Unrecht, gewachsene Vorurteile und aktuelle Missstände aufeinander – so sehr andererseits die musikalischen Proben auch ein Miteinander erzwingen. Über Dvořáks Bläserserenade, Pachelbels Kanon D-Dur oder das so emotionale wie traumverlorene Largo aus Dvořáks 9. Symphonie stellt sich langsam das nötige „harmonische“ Zusammenspiel ein – was die Neue Philharmonie Frankfurt unter Dirigent Jens Troester klangtechnisch perfekt realisiert und Simonischek ohne Maestro-Überzeichnung bis hin zu Vivaldis „Winter“ gut „dirigiert“.

Parallel hat sich eine überschwänglich heftige Jugendliebe zwischen dem schüchternen palästinensischen Hochzeits-Klarinettisten Omar (Mehdi Meskar) und der quirlig-sonnigen Hornistin Shira (Eyan Pinkovich) aus einer arrivierten israelischen Familie entwickelt. Als die beiden ihre Liebe samt Musikstudium in Paris leben wollen und fliehen, kommt es zu einer tödlichen Katastrophe. Einige Filmkritiker kritisierten dies – doch die zuvor ob ihres Realismus hochgelobten Szenen der Grenzkontrollen bilden genau den begründenden Hintergrund dazu. Diskutabel ist eher, ob der grauenhafte NS-Medizin-Hintergrund der Eltern, den Dirigent Sporck als sein „Paket“ einbringt, nicht ein großes Problemfeld anreißt, ohne es gebührend zu behandeln. Am Ende lässt der tragische Todesfall das Konzertprojekt scheitern und die windschnittige Kulturmanagerin ist bereits Richtung Afrika orientiert. Ganz zuletzt scheint dann die Suche nach einer gemeinsamen Basis – anders als erwartet – doch noch zu glücken: Mit seinem Geigenbogen beginnt Ron an der Glaswand zwischen den getrennten Abflughallen den pochenden Rhythmus – und widerstrebend, aber eben unwiderstehlich zwingt am Ende der gruppenweise Instrumenteneinsatz und der verführerische Sog von Ravels „Bolero“ noch einmal alle Musiker beider Seiten zusammen … zu einem musikalischen Crescendo, hinter dem nur unsere politische Realität wie so oft weit zurückbleibt. Noch dazu tröstet dieser realitätsnahe Musikfilm über viele entgangene Aufführungen hinweg.

Wolf-Dieter Peter

INFOS ZUM FILM

„Crescendo #makemusicnotwar“
Simonischek, Beglau, Donskoy, Amali, Meskar u.a.
Dror Zahavi (Regie)
1 DVD/Blu-Ray, Camino/Good!Movies

(Zwei) Werkprobleme hochkünstlerisch gelöst

Alexander von Zemlinsky / Arnold Schönberg: „Der Zwerg / Begleitungsmusik zu einer Lichtspielszene“

Alexander von Zemlinsky / Arnold Schönberg: „Der Zwerg / Begleitungsmusik zu einer Lichtspielszene“

Rund 80 Minuten dauert Zemlinskys Einakter „Der Zwerg“ – was spielt man zu diesem anspruchsvollen Werk als Abendergänzung? Und wie besetzt man die Titelrolle, die einen hochexpressiven Tenor verlangt, aber eben mit zwergenhafter Bühnenerscheinung? Noch vor seinem exzellentem Bayreuth-Debüt – mit dem glänzenden Kleinwüchsigen Manni Laudenbach als Oskar – präsentierte Regisseur Tobias Kratzer in der Deutschen Oper Berlin eine überzeugende Lösung für beide Probleme.

Die verbürgt hoffnungslos glühende, aber scheiternde Liebesschwärmerei des kleinen, abgestanden nach Zigarren riechenden „Kompositionslehrers“ Zemlinsky für die hoch gewachsene, schön-berechnende „Schülerin“ Alma Schindler, spätere Mahler-Gropius-Werfel: Das formte Kratzer zu einem quasi-expressionistischen Stummfilm-Melodram auf der Bühne, dem GMD Donald Runnicles Schönbergs „Lichtspielszenen“-Musik aus dem Orchestergraben unterlegte – ein ironisch bitteres Vorspiel, das Adelle Eslinger-Runnicles und Evgeny Nikiforov mit theatralischen Hochmuts- und Verzweiflungsgesten füllen. Eine überzeugende, ja bestechende Verlängerung des Abends auf 90 Minuten.

Als sich der Vorhang wieder öffnet, zeigt Kratzers Dauerausstatter Rainer Sellmaier einen schicken weißen Konzertsaal. Denn Kratzer greift Kerninhalte des Werkes szenisch auf: Der kleinwüchsige Mick Morris Mehnert tritt als Zwerg im Dirigentenfrack, also als Mini-Zemlinsky mit der Partitur unter dem Arm auf, über den ehrenhaften Empfang erfreut, aber künstlerisch durchaus selbstbewusst. Er dirigiert später ein auf dem Konzertpodium platziertes Teilorchester mit Zemlinsky-Musik vor dem Damenchor als eitlem „Lady-Club“, wird dann aufgefordert zu singen – und da fordert Kratzer einfach die Phantasie aller Zuschauer heraus: Der Zwerg sieht sich ja selbst als Held und Ritter – also tritt hinter ihm der hochgewachsene Tenor David Butt Philip im Frack als sein imaginiertes Alter Ego auf und singt strahlend – mehr noch: Der hochbegabte Mehnert singt nicht nur den ganzen Tenor-Text stumm mit, sondern agiert künstlerisches Selbstbewusstsein, vor allem aber die in hochlyrischen Phrasen aufschäumende Liebe zur Model-schönen Prinzessin von Elena Tsallagova darstellerisch so expressiv aus, dass sein Drama in Bann schlägt. Denn ein paar Momente lang ist Tsallagovas Prinzessin mal mit warmen Tönen angerührt, doch dominant eben kühl amüsiert-distanziert. All das gipfelt in der „Spiegel-Szene“, für die eine zunächst schwarze Glaswand den weißen Saal begrenzt; parallel zum Liebesscheitern wird sie durchsichtig und Tenor Butt davor, dahinter der „Zwerg“ Mehnert vollführen einen erschütternden Erkenntnistanz … Das Ende sei nicht verraten, jedenfalls aber: so anrührendes wie fesselndes Musiktheater und ein Plädoyer für ein unterschätztes Werk, das nur so dramaturgisch-inszenatorisch erstklassig geboten werden muss.

Wolf-Dieter Peter

INFOS ZUR DVD/BLU-RAY

Alexander von Zemlinsky / Arnold Schönberg: „Der Zwerg / Begleitungsmusik zu einer Lichtspielszene“
Eslinger-Runnicles, Nikiforov, Tsallagova, Magee, Philip, Mehnert, Jekal u.a.
Donald Runnicles (Dirigat), Tobias Kratzer (Inszenierung)
Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin
DVD/Blu-Ray, Naxos

Opulent entlarvtes Star-Gehabe

Adolphe Adam: „Le postillon de Lonjumeau“

Adolphe Adam: „Le postillon de Lonjumeau“

Da gibt es diesen feschen Zusteller mit der tollen Stimme im armen Liverpool: Manager Epstein taucht auf und organisiert eine Hollywoodeske Karriere bei Mogul Weinstein, die verlassene Braut macht derweil Karriere als Top-Model, nach Jahren begegnen sich Pop-Star und Model wieder – und fertig ist die ewig moderne Rock-Oper! Halt, jetzt beweist die „Provinzoper“ Rouen in Zusammenarbeit mit der Pariser Opéra Comique: Obige Story gibt es auch im Gewand des 18. Jahrhunderts. Damals war der Postillon der „newsman“ schlechthin – und hatte auch ein Liebchen allenthalben. All das hat Adolphe Adam 1836 – die Eisenbahn verdrängte langsam den Postillon – als Liebesdrama zu Zeiten Ludwigs XV. komponiert. Adams Postillon will in Lonjumeau gerade Madeleine heiraten, singt ein tolles Lied bis zum hohen D – und wird vom durchreisenden Königlichen „Directeur de l’amusement musicale“ sofort an die Pariser Oper verlockt. Nach zehn Jahren ist er zum Startenor Saint-Phar avanciert, Madeleine hat reich geerbt und wird in Paris als Madame de Latour umschwärmt. Ein Traumpaar … doch die beiderseits unerfüllte Liebe … mehr sei nicht verraten.

Adam hat eine mal frech-fröhliche, mal anspruchsvoll lyrische Musik für allerlei Turbulenzen bis zur Bigamie komponiert. Es ist viel, viel mehr als die berühmte Tenorarie, was Dirigent Sébastien Rouland mit Orchester und Chor aus Rouen als perlenden „Crémant“ servieren! Dazu: Frankreichs Multitalent Michel Fau, Schauspiel-Star und Regisseur, der die Komödien-Ingredienzien „Tempo“, „Ironie“ und fein dosierte „Groteske“ perfekt beherrscht – prompt sind seine Auftritte als ältliche Zofe „Rose“ kleine Knallbonbons. Und: Christian Lacroixs Kostümträume, die Kupferstichen des Ancien Régime entstiegen zu sein scheinen und die hybride Opulenz des Pariser Adels beschwören. Noch einmal gesteigert wird das Ganze durch die prunkvoll stilisierten Prospekte, die Emanuel Charles dem Theater des 18. Jahrhunderts nachempfunden hat. Vor herrlich typgenauen Nebenfiguren brillieren Michael Spyres als Hoher-D-Postillon und Florie Valiquette als Madeleine, die Sopran-Liebreiz und alle weibliche Lebensschlauheit vereint. Ach, wir mit unseren rund 150 unsterblichen Repertoireklassikern – was gibt es jenseits dessen nicht alles zu entdecken!

Wolf-Dieter Peter     

INFOS ZUR DVD/BLU-RAY

Adolphe Adam: „Le postillon de Lonjumeau“ (1836)
Spyres, Valiquette, Leguérinel, Kubla, Fau u.a.
Sébastien Rouland (Dirigat), Michel Fau (Inszenierung)
Chor und Orchester der Opéra de Rouen Normandie
1 DVD/Bluray, Naxos