Staatstheater Wiesbaden • La traviata Keine tragfähigen Ideen für Verdis Klassiker
Man könnte meinen, dass gerade ein „La traviata“-Jubiläum zu begehen ist, so oft wie Verdis Erfolgsstück um Liebe und Leid einer tuberkulosekranken Pariser Kurtisane in dieser Saison deutschlandweit auf den Spielplänen gelistet wird: Innerhalb von drei Monaten liefen Premieren in Braunschweig, Detmold, Hagen, Krefeld, Nürnberg, Oldenburg, Würzburg und Trier, demnächst folgen noch Bremerhaven, Gießen, München (Gärtnerplatztheater) und Münster. Es gibt aber kein Jubiläum weit und breit – die Karten verkaufen sich einfach nur gut. Man möchte indes nicht in der Haut eines Regisseurs stecken, dem zu der Handlung noch irgendetwas Neues einfallen soll.
In Wiesbaden hatte Tom Goossens tatsächlich zwei neue Einfälle. Sie lesen sich besser, als sie auf der Bühne aussehen. Der erste Einfall lautet: Violetta Valéry, die Titelfigur, steht im Rampenlicht. Ach was! In der Umsetzung sieht das so aus: Die nahezu leere Bühne (Bart Van Merode) wird von dunklen Kulissenrückseiten gesäumt, der Boden ist leicht erhöht. Theater auf dem Theater. Die Beleuchtung wird durch ein Lichtmischpult besorgt, welches über ein dickes Kabel mitten auf der Bühne bedient wird – zunächst von Violetta selbst, dann von Vater Germont, nachdem dieser sie durch emotionale Erpressung dazu gebracht hat, seinen Sohn Alfredo zu verlassen. Das ist nicht unplausibel, trägt aber keine Aufführung von zweieinhalbstündiger Dauer.
Der zweite Einfall: Der Maler Otto Dix hatte in den 1920er Jahren die Tänzerin und Kurtisane Anita Berber porträtiert, seinerzeit eine skandalumwitterte Ikone des Nachtlebens. Sie starb im Alter von 29 Jahren an Tuberkulose. Diese zufällige Parallele nimmt das Produktionsteam zum Anlass, die Bühne mit Chorsängern und Statisten zu füllen, deren Kostüme anderen Gemälden von Dix nachempfunden sind. Das weiß man aber nur, wenn man das Programmheft studiert hat. Es tut ohnehin nichts zur Sache. Man sieht eben ein Wimmelbild von ulkig gekleideten Darstellern, die sich dicht gedrängt um die Protagonisten versammeln, selbst da, wo diese laut Libretto eigentlich allein auf der Bühne stehen müssten.
Den Rest muss die Musik richten. Das gut disponierte Hessische Staatsorchester Wiesbaden, das von Leo McFall zu angenehm unsentimentalem Spiel animiert wird, gehört dabei zu den Pluspunkten. Überzeugend ist auch Sam Park als Vater Germont, dessen saftiger Bariton sowohl die Autorität als auch die mitfühlende Wärme der Figur beglaubigen kann. Galina Benevichs frischer Sopran ist für die Titelpartie offenbar (noch) zu klein. Sie weiß zwar gerade in der Sterbeszene zu berühren, klingt aber mitunter angestrengt und muss sich manche Höhe erkämpfen. Joshua Sanders verfügt über einen leichtgängigen Tenor, der ideal für Rossini ist, bei Verdis Alfredo jedoch das letzte Quäntchen Durchschlagskraft vermissen lässt. Alles in allem szenisch und sängerisch zu wenig, um eine neue „Traviata“ zu rechtfertigen, wenn gerade kein Jubiläum ins Haus steht.
Dr. Michael Demel
„La traviata“ (1853) // Oper von Giuseppe Verdi
