Opéra national du Rhin • Das Wunder der Heliane Korngolds Oper entfaltet ihre Pracht
Erich Wolfgang Korngold (1897-1957) platzierte sich als 23-Jähriger mit der „Toten Stadt“ gleich vorne in der Opernwelt. Mit dem „Wunder der Heliane“ riskierte er 1927 sogar eine Art Gegen-„Salome“: mit einer solch opulenten Prachtentfaltung, dass sie auch heute noch zum Antrieb für die gemächliche, aber anhaltende Korngold-Renaissance taugt. Jakob Peters-Messer (Regie), Guido Petzold (Bühne, Licht und Video) und Tanja Liebermann (Kostüme) haben ihre Inszenierung für die Nederlandse Reisopera aus dem Jahr 2023 jetzt mit einer eigenen Besetzung für die Opéra national du Rhin in Strasbourg neu einstudiert.
Wie bei Strauss geht es auch bei Korngold um eine psychologisch gründelnd aufgeladene, extreme Melange aus Liebe und Tod. Die Heldin ist eine gefühlvolle und emphatische Königin, die sich im sprichwörtlichen Reich der Dunkelheit – an der Seite eines Königs, der nie lacht – gefangen fühlt. Nachdem sie einem fremden, auf seine Hinrichtung wartenden jungen Mann den Wunsch gewährt, sich ihm vor seiner Exekution nackt zu zeigen, kommt es zum Eklat. Als der König davon erfährt, lässt er den Barbaren in sich von der Leine. In der eskalierenden Auseinandersetzung schleudert sie ihm entgegen: „Frag diese alle, frag sie, ob einer je in diesem Kerker glücklich war – und Glück ist unser Recht!!“. Immerhin diese Sentenz aus dem Libretto von Hans Müller-Einigen leuchtet bis heute in jede unfreie Gesellschaft hinein. Neben der suggestiven Prachtentfaltung der Musik bietet das Werk gar eine Art von Happy End: Am Ende sind der Fremde und Heliane erst tot und dann doch wieder lebendig, um gemeinsam einer anderen, besseren Welt entgegenzugehen.
Dafür öffnet sich der faszinierend elegante, abstrakte Bühnenraum mit der verspiegelten, als Woge erstarrten Decke und gibt den Blick auf quasi himmlischen (Spiegel-)Glanz frei. Dunkel sind in diesem Reich der Dunkelheit vor allem die Kostüme des Königs und der Richter. Nur Heliane und der Fremde heben sich davon ab. Das Volk kommt im Habitus eines sozialen Querschnitts von heute daher. Zunächst rebelliert es gegen das rabiate Vorgehen gegen die Königin, lässt sich dann aber von der einst vom König als Geliebte verstoßenen Beraterin (Kai Rüütel-Pajula) aufhetzen, die mit dunklem Furor ihrem eigenen Stern des Bösen folgt.
Am Pult des Orchestre philharmonique de Strasbourg setzt Robert Houssart mehr auf den dramatischen Drive der Geschichte als auf die Suggestion des Klangrausches, liefert aber auch diesen, vor allem, wenn der Chor zum Zuge kommt. Ric Furman fasziniert als Fremder nicht nur die Königin mit seinem Tristan-geschulten Tenor. Camille Schnoor ist eine in sich ruhend wirkende Heliane, die gleichwohl die Salome-Anklänge der Partie aufscheinen lässt. Josef Wagner gibt einen markanten König und auch alle übrigen Rollen sind sorgfältig besetzt, sodass sich das Korngold-Wunder auch in Strasbourg ereignet.
Dr. Joachim Lange
„Das Wunder der Heliane“ (1927) // Oper von Erich Wolfgang Korngold
Infos und Termine auf der Website der Opéra national du Rhin
