Staatstheater Mainz • Der Chronoplan Rekonstruktion von Julia Kerrs wilder Zeitreise-Oper
Das Ehepaar Einstein gibt eine Party. Geladen sind auch die prominenten Gäste Richard Strauss, Max Liebermann, George Bernard Shaw und Gerhart Hauptmann. Der Hausherr wuselt herum, ständig muss er von ihm kreierte Roboter-Bedienstete aufziehen. Dabei will er eigentlich seine neueste Erfindung vorstellen: eine Zeitmaschine namens „Chronoplan“. Mit ihr fahren Einstein und drei weitere Mutige in die Vergangenheit, genauer ins England des Jahres 1805. Sie treffen Lord Byron und nehmen ihn mit nach Berlin. Hier kommt es zu einem Zusammentreffen mit einer früheren Geliebten. Sie weist ihn zurück und stirbt, als eine Bombe das Anwesen zerstört.
Diese wilde Mischung aus Zeitpanorama und Zukunftsvision stammt von Alfred Kerr, dem jüdischstämmigen Star-Theaterkritiker der Weimarer Republik. Er schrieb das Libretto für seine Frau Julia, die mit ihrer ersten, im Rundfunk uraufgeführten Oper „Die schöne Lau“ Eindruck hinterließ. „Der Chronoplan“, ihr zweites Bühnenwerk, fiel dem Aufkommen des Nationalsozialismus zum Opfer, das Ehepaar musste emigrieren (über diese Erfahrungen schrieb ihre Tochter Judith das berühmte Kinderbuch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“). Damit endete die musikalische Karriere der Pianistin und Komponistin abrupt. 1952 strahlte der Bayerische Rundfunk eine gekürzte Fassung des „Chronoplans“ aus. Denn von der Partitur, die Julia Kerr bei der Flucht mitnahm, fehlen rund 100 Seiten, sie sind bis heute unauffindbar. Diese Teile rekonstruierte der Musikprofessor und Arrangeur Norbert Biermann, sodass „Der Chronoplan“ jetzt im Staatstheater Mainz landen kann.
Die Oper beginnt in Lorenzo Fioronis Inszenierung als Gesellschaftskomödie. In einem großbürgerlichen Saal, von dessen Decke die aus mehreren Ringen bestehende Zeitmaschine herabhängt (Bühne und Video: Paul Zoller), finden hübsche Interaktionen statt. Die Schlacht am Buffet, ein Skatspiel mit Strauss, der wie alle berühmten Besucher durch einen Gummikopf erkennbar ist (Kostüme: Annette Braun), oder kleine Tänze münden in besagte Zeitreise. Die Fahrt, effektvoll filmisch visualisiert durch kosmische Strudel und Spots historischer Ereignisse und Personen, führt die Touristengruppe in eine englische Idylle, wo sich Byron und die Dame Nikoline in einem Duett anschwärmen.
Doch ab hier überfrachtet der Regisseur seine Ideen. Abgesehen von vielschichtigen Anspielungen, die auf die damalige Gegenwart verweisen – ein Alter Ego des Kritikers Kerr und Liebermann tragen Judensterne, ein Waffenfabrikant wird zur Karikatur eines jüdischen Finanziers – treten Außerirdische mit Atomwarnzeichen auf der Brust auf und Byron mutiert zu einem monströsen Fabeltier mit langem Schweif. Der dritte Akt zieht sich dann arg hin, denn bis zur Apokalypse dominieren etliche philosophisch-psychologische Diskurse, denen ein bisschen szenische Leichtigkeit gutgetan hätte.
Doch was ist mit der Musik – lohnt sich die Begegnung mit dem „Chronoplan“? Genau das ist schwer zu beurteilen, weil man nur spekulieren kann, was Original-Kerr und was Rekonstruktion ist. Zu hören ist eine Mischung aus spätromantischer Opulenz samt Zitaten von Strauss, chorischer Sozialkritik im Stil von Weill, kabarettistischen Songs, dazu viel Parlando. Diese Mixtur spielt das Philharmonische Staatsorchester Mainz unter Leitung von Gabriel Venzago zwar üppig schillernd, doch zu kompakt, worunter die Textverständlichkeit leidet. Das große Ensemble schlägt sich tapfer, Individualität können nur wenige entfalten. Genannt seien Maren Schwier als expressive Nikoline, Daniel Schliewa als tenorstarker Lord Byron und Margarita Vilsone als eifrige Journalistin. Viel Beifall für eine ambitionierte, wenn auch nicht restlos geglückte Produktion.
Karin Coper
„Der Chronoplan“ (entstanden 1930-32; szenische Uraufführung 2026 posthum) // Oper von Julia Kerr, vervollständigt und in Teilen rekonstruiert von Norbert Biermann
