Theater Regensburg • Polnische Hochzeit Joseph Beers „Polnische Hochzeit“ in Regensburg verbindet Operettenglanz mit biografischer Tiefenschärfe
Die Geschichte kreist um Liebe und Geld, um Tricksereien und am Ende doch um Aufrichtigkeit auf allen Ebenen. Das Theater Regensburg erzählt Joseph Beers Operette „Polnische Hochzeit“ als temporeiche, glitzernde Revue mit viel Witz und berührender, melancholischer Tiefe. Im Zentrum der Bühne steht eine stilisierte Scheune, die mal kühl blau leuchtet, mal mit grellpinken Vorhängen mondän auftrumpft. Die Kulisse springt mühelos vom 50er-Jahre-Film zum Kuhstall, während Sänger und Tänzer in glitzernden, überdreht bunten Kostümen über die Bühne wirbeln. Einige zeitgemäße Textzusätze sorgen für einen klaren Blick in die Gegenwart.
Operette sei nie nur Unterhaltung, betont Chefdramaturg Ronny Scholz – und bindet das Schicksal des Komponisten direkt in die Inszenierung ein. Beer, der einst mit einem Koffer voller Noten vor den Nationalsozialisten floh, steht hier als Schauspieler leibhaftig auf der Bühne. Parallel dazu muss auch Hauptfigur Boleslav fliehen und sucht in der alten Heimat nach Glück, Gerechtigkeit und Liebe, sodass Biografie und Fiktion sich immer wieder spiegeln. In der rasanten Show kann man schon einmal den Überblick über Listen und Liebespaare verlieren, dem Vergnügen schadet das aber nicht – zumal das Stück schlicht und dunkel beginnt und in ein nachdenkliches Finale mündet.
Joseph Beer, 1908 nahe Lemberg als Sohn jüdischer Eltern geboren, komponierte früh, studierte zunächst Jura und wechselte dann nach Wien zur Musik. 1934 entstand seine Operette „Der Prinz von Schiras“, die vor wenigen Jahren in Regensburg als deutsche Erstaufführung wiederentdeckt wurde; Intendant Sebastian Ritschel erhielt dafür den Operettenpreis „Operettenfrosch“ von BR-Klassik. Beers zweite Operette „Polnische Hochzeit“, nach einem Libretto von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda, wurde 1937 in Zürich uraufgeführt und rasch in acht Sprachen übersetzt; rund 40 Bühnen spielten das Werk. Schon 1938 musste Beer aus Wien fliehen, über Paris nach Nizza, wo er unter falschem Namen überlebte und 1987 starb – seine Werke gerieten lange in Vergessenheit.
Das Theater Regensburg zeigt nun erneut, dass Operette auch ohne Walzerkitsch auskommt. Ronny Scholz und sein Team präsentieren „Polnische Hochzeit“ als schnelles, farbenfrohes Spiel zwischen Liebe und Humor und finden doch immer wieder den Blick auf den verletzlichen Kern des Stücks. Scholz gelingt der Spagat zwischen leicht flirrendem Unterhaltungstheater und der berührenden Lebensgeschichte des Komponisten: Das Stück beginnt mit Beers Flucht und endet mit seinem Schicksal nach dem Krieg. Dazwischen entfaltet sich in rund zweieinhalb Stunden die ganze Bandbreite des Musiktheaters – von dramatischen Opern-Momenten über Musical-Anklänge bis hin zu jazzigen Farben, und am Ende siegt die Liebe. Die Premiere wurde mit stehenden Ovationen gefeiert. „Polnische Hochzeit“ ist am Theater Regensburg noch bis Ende Juli in zahlreichen Vorstellungen zu erleben.
Claudia Erdenreich
„Polnische Hochzeit“ (1937) // Operette von Joseph Beer
