Teatro Regio (Turin) • MacbethRiccardo und Tochter Chiara Muti machen „Macbeth“ zum Seelendrama
Die Mailänder Scala ist zwar das berühmteste Opernhaus Italiens, doch den eindrucksvollsten Verdi erlebt man derzeit in Turin: Seit Riccardo Muti dort wirkt, der den Komponisten versteht wie kaum ein anderer und mit Regieteams zusammenarbeitet, die seine künstlerischen Vorstellungen teilen, ist das Teatro Regio zur ersten Adresse für Verdi geworden. „Macbeth“ markiert bereits die dritte Kooperation mit seiner Tochter Chiara – eine Produktion, die eine stimmige, suggestive Bildsprache mit deutlicher Symbolik verbindet. Der hohe Anspruch der Inszenierung zeigt sich besonders an der scharfsichtigen psychologischen Deutung, nach der sich auf Alessandro Cameras Einheitsbühne mit all ihrem Schlamm und Rauch überzeugend eine Seelenlandschaft widerspiegelt. In Gestalt der Hexen begegnet Macbeth hier keinen übernatürlichen Wesen, sondern seinen inneren Dämonen im Widerstreit.
Sehr ergreifend gibt Luca Micheletti dem Blindwütigen Profil, der sich in seinem Streben nach Macht jegliche Empathie verbietet, aber nicht der Reue erwehren kann, die ihn nach zwei Morden qualvoll einholt. Am Anfang noch ein wenig eng tönt sein Bariton, aber im Laufe des Premierenabends läuft er stimmlich zusehends zur Hochform auf. Mit Lidia Fridman, die unter seiner Leitung schon die Abigaille in „Nabucco“ sang, hat sich Muti zudem eine Sopranistin im dramatischen Fach herangezogen, die den Part der Lady trefflich meistert, groß bei Stimme und vor allem stark im Durchleben ihres Textes, an dem der Maestro in seinen Einstudierungen wie eh und jeh penibel arbeitet. Listig drängt sie ihren Mann zu den blutigen Taten, die ihn zu Fall bringen – im Bett als einem Symbol von Nacht und Alptraum der eindrucksvoll zwischen Schlaf, Halluzination und Wahnsinn oszillierenden Inszenierung. Überhaupt ist kein Detail darin dem Zufall überlassen, noch nicht einmal der zunächst etwas unscheinbar anmutende Rundbogen, der sich über die mystische Szene wölbt und sich erst auf den zweiten Blick als das Rudiment eines Auges erschließt, das unterstreicht, dass wir das Geschehen mit den Augen von Macbeth sehen und damit pathogene Hirngespinste. Und während dieser beim festlichen Bankett sein Entsetzen angesichts der Begegnung mit dem Geist des ermordeten Banco kaum verbergen kann, hält seine Frau als furchtlose Kämpferin das Zepter noch fest in der Hand. Dabei lässt sich in ihrem Trinklied exemplarisch das Herausragende an Mutis Interpretation erleben, tönen doch die für Verdi typischen Begleitfiguren passend zur angespannten Lage drückender und schwerer als in den meisten Aufführungen, die sie beschwingt als ‚Umpapas‘ missverstehen.
Abgesehen davon, dass sich der Krimi in Turin so spannungsvoll entfaltet, weil Muti Verdis Vortragsbezeichnungen haargenau umsetzt, insbesondere die Klangvorstellungen des Komponisten, der viele Passagen mit gedämpfter Stimme (sotto voce) oder sogar ganz ohne Klang (senza suono) vorsah, wie etwa auch in der Szene, in der die Lady als Schlafwandlerin dem Wahnsinn verfällt.
Perfekter lassen sich Musik, Regie, Text und Choreografie nicht aufeinander abstimmen. Es war hoffentlich nicht die letzte gemeinsame Arbeit von Riccardo und Chiara Muti.
Kirsten Liese
„Macbeth“ (1847/65) // Oper von Giuseppe Verdi
