Das nach schweren Kriegsschäden wiederaufgebaute Teatro Carlo Felice in Genua, 1991 nach Plänen Aldo Rossis neu eröffnet, präsentiert in dieser Stagione eine neue „Tristan und Isolde“-Produktion in vier Aufführungen. Selten war nördlich der Alpen ein „Tristan“ von ähnlich geschmackvoller, eleganter Ästhetik zu erleben – eine klar komponierte Bildwelt, die in ihrer Schönheit bisweilen an Roland Schwabs Bayreuther Deutung von 2022 erinnert.

Regisseur Laurence Dale bietet eine fein gearbeitete, leicht nachvollziehbare Personenregie mit reizvollen Einfällen, etwa dem angedeuteten Kampf zwischen Tristan und Morold gleich zu Beginn, der den Abend von der ersten Minute an spannungsreich auflädt. Optischer Star des Abends ist das Bühnenbild von Gary McCann im Licht von John Bishop und mit dezentem Videodesign von Leandro Summo. Eine riesige, schräg von oben herabhängende Scheibe korrespondiert mit einer angewinkelten, langsam rotierenden Scheibe als Spielfläche. Im Verlauf des Abends wechseln beide nahezu unmerklich ihre Farben in changierenden Bildern – stets im Einklang mit dem Bühnengeschehen und ergänzt durch pastellfarbene, sich wandelnde Projektionen im Hintergrund.

Das Regieteam schafft mit diesen Bildern und Bewegungen ein Ambiente von kontinuierlichem Wechsel, um die tiefgründigen Gefühle Wagners zum Ausdruck zu bringen: Eine phantastische, aber auch meditative Welt, während seine außergewöhnliche Musik unser Sein und unsere Seelen umhüllt. Die Kostüme, ebenfalls von Gary McCann gefertigt, sind passend zeitlos zur Szene, lassen aber bei Isolde und König Marke den Eindruck entstehen, als seien beide aus einer Aufführung an der Met der 1970er Jahre herüber gekommen. Ein klarer Stilbruch! Der von Claudio Marino Moretti geleitete Chor singt kraftvoll, fast bedauerlicherweise nur aus dem Off. 

Marjorie Owens gestaltet eine wahrhaft königliche Isolde mit kraftvollem, in allen Lagen sicher ansprechendem Sopran, bleibt darstellerisch aber noch etwas im Rahmen vertrauter Klischees. Tilmann Unger zeichnet einen eher introvertierten Tristan, mitunter beinahe zu zurückgenommen, während Nicolò Ceriani mit prägnant geführtem Bariton einen emphatischen Kurwenal formt. Daniela Barcellona gibt mit klangvollem Mezzo eine zutiefst um Isoldes Wohlergehen besorgte Brangäne, deren Kostüm ihrer Figur weniger schmeichelt. Evgeny Stavinsky ist ein König Marke mit samtenem, stilvollem, wenn auch nicht übermäßig profiliertem Bass.

Der musikalische Grand Seigneur des Teatro Carlo Felice, Donato Renzetti, leitet das Orchestra della Fondazione Teatro Carlo Felice di Genova bei dieser Dernière mit großer Ruhe und Souveränität und formt dabei ein ausgewogenes, zugleich fein ausdifferenziertes Klangbild, das durch klug aufgebaute dynamische Steigerungen immer wieder zu eindrucksvollen dramatischen Höhepunkten führt. Mehr Wagner in Bella Italia!

Dr. Klaus Billand 

„Tristan und Isolde“ (1865) // Oper von Richard Wagner

Infos und Termine auf der Website des Teatro Carlo Felice di Genova