Staatstheater Mainz • Der Kaiser von AtlantisViktor Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis“ im Informationszeitalter
Kann man Viktor Ullmanns Kammeroper „Der Kaiser von Atlantis“ auf die Bühne stellen, ohne die Umstände ihrer Entstehung im Konzentrationslager Theresienstadt deutlich zu machen? Das Inszenierungsteam um Ana Cuéllar Velasco hat dies mit dem Anspruch versucht, die Symbolsprache dieser Parabel aus ihrem historischen Kontext zu lösen und in das 21. Jahrhundert zu übertragen. Gezeigt werden solle das Scheitern eines ‚infokratischen‘ Herrschers, der über Massenmedien die Wahrheit manipuliert und so versucht, die Beherrschten zu kontrollieren. Herausgekommen ist dabei das:
Der Tod (Derrick Ballard mit sonorem Bass-Bariton) sieht aus wie der „Big Lebowski“: langhaarig, bärtig und im Bademantel, sitzt zu Beginn in einem kubusartigen schmucklosen Raum mit semitransparenten, weißen Stoffwänden auf einem Sofa und stempelt, offenbar im Homeoffice, missmutig Aktenvorgänge ab. Neben ihm hat im Partnerlook der Harlekin (Collin André Schöning mit nuanciertem Charaktertenor) Platz genommen, der in der Parabel für das Leben steht und dem ebenfalls nicht nach Späßen zumute ist. In dem Kubus gibt es einen weiteren, kleineren Kubus, in dem sich der Kaiser mit dem Namen Overall verschanzt hat. Zunächst ist er nur über Videoprojektionen präsent, die sein Gesicht in Großaufnahme zeigen und in denen Brett Carter seine Figur mimisch bereits als manischen Charakter am Rande des Wahnsinns zeichnet, noch bevor er seinen kernigen Bariton zum Einsatz bringt. Das Bühnenbild (Hella Prokoph) bleibt dabei so abstrakt, dass die Handlungselemente der ursprünglichen Parabel auch in dem neuen Setting funktionieren. Der konstruierte Überbau der ‚Infokratie‘ gerät schnell aus dem Blick – was man nicht bedauern muss, denn dafür wird die Parabelhaftigkeit umso deutlicher: Der Kaiser ruft einen Krieg aller gegen alle aus, der Tod weigert sich daraufhin, sein Handwerk weiter auszuüben, Soldaten auf dem Schlachtfeld können nicht mehr sterben, ebenso wenig lassen sich Hinrichtungen vollstrecken, was zwar die Autorität des Kaisers in den Grundfesten erschüttert, von diesem jedoch flugs zur von ihm veranlassten Wohltat eines ‚ewigen Lebens‘ umgelogen wird. Eine Revolution bricht aus und beseitigt den Machtapparat des Kaisers: Der Lautsprecher (Daniel Semsichkomit hellem Bariton) wird von den Aufständischen kurzerhand übernommen, der kriegstreibende Trommler (Karina Repova mit frischem Mezzo) vom Harlekin in den Schlaf gesungen. Die Stoffwände der ineinandergestellten Kuben fallen im Laufe des Abends eine nach der anderen zu Boden: Die Fassaden der Herrschaft erodieren. Der Kaiser kapituliert schließlich vor dem Tod und opfert sich, damit dieser wieder sein Handwerk aufnimmt.
Musikalisch ist die Produktion eine runde Sache, wofür neben den auch darstellerisch überzeugenden Sängern die hochmotivierten Instrumentalsolisten des Kammerorchesters sorgen, die unter der präzisen Leitung von Paul-Johannes Kirschner den Farben- und Abwechslungsreichtum der Musik mustergültig herauspräparieren.
Dr. Michael Demel
„Der Kaiser von Atlantis“ (1944/1975) // Oper von Viktor Ullmann
