Theater Kiel • L’elisir d’amore Donizettis Oper lässt den Italo-Western aufheben
Donizettis „Liebestrank“ als Italo-Western? In Kiel nimmt sich das Regieduo Barbe & Doucet der dramatischen Oper an und verlegt den Kassenhit in das italienische Hollywood des 20. Jahrhunderts: „Cinecittà“ prangt unübersehbar über der Szenerie, über dem nostalgischen Kamerawagen leuchtet das rote Aufnahmelicht, mit großer Geste springt der Regisseur von seinem „Regista“-Stuhl inmitten der Bühne auf und befiehlt „Cut“ – willkommen im seinerzeit größten Filmstudio Europas! Wieso, weshalb, warum dieser Schauplatz wird dem Publikum zwar nicht so wirklich klar, doch immerhin birgt solch ein spektakuläres Bild aus dem wilden, wilden Weste(r)n einiges an Überraschungseffekten.
Weniger aus filmischer Sicht, denn die Bühnenkulisse mit imposanter Weite und stimmungsträchtigem Wolkenhimmel, US-amerikanischer Wüsten-Ödnis samt üppigen Kakteen, Winchester-Gewehren und Blockhäusern ist dem Fernsehzuschauer wohl vertraut – für die Liebhaber italienischer Opern indes eher gewöhnungsbedürftig. Doch die Ortsverlegung geht tatsächlich in der Folge auf, die Geschichte vom (scheinbar) armen Bauertölpel Nemorino, der trotz Nebenbuhler und manch anderem Hindernis beim Werben um die reiche Pächterin Adina seinen Weg nimmt, führt auch hier am Ende ins Liebesglück.
Und bisweilen sogar ins Stimmglück, denn mit Xenia Cumento präsentiert sich in der norddeutschen Landeshauptstadt nicht nur südlicher Belcanto-Glanz, sondern eine toughe Wildwest-Frau, die Herzensleidenschaft mit Munterkeit und Raffinement zu verbinden weiß. Kein Wunder, dass sich Nemorino hartnäckig an ihre Fersen heftet: Darstellerisch zwar ein wenig eindimensional, vermag Dashuai Chen stimmlich immer wieder mit anrührender Geschmeidigkeit und lyrischen Details zu punkten. Dagegen bleibt der Bariton seines Widersachers Belcore (Samuel Chan) eher blass – mehr als nachvollziehbar also, dass sich die umworbene Adina für ersteren entscheidet, selbst ohne den vermeintlichen Liebestrank des Quacksalbers Dulcamara (Matteo Maria Ferretti sorgt ebenso frech wie gewandt für die Buffo-Akzente).
Bestens aufgelegt auch die Kieler Philharmoniker: Schmiss und Schmelz sind hier keineswegs unaufhebbare Gegensätze, Dirigent Chenglin Li bringt mit italienischem Verständnis für die Verbindung von Brio und Genauigkeit diesen Donizetti zum Klingen. Und erntet zu Recht am Schluss mehr als nur großen Beifall …
Ein Jubel, der denn vielleicht auch den Grund für diese Übertragung der Handlung nach Cinecittà nachvollziehbar macht – denn wie heißt es so treffend im Programmheft über den Italo-Western der 60er Jahre: „Kommerzieller Erfolg war das Kriterium für das italienische Studiosystem, nach dem man entschied, was in der Folgezeit produziert werden würde. Erfolgloses wurde schnell verworfen, Kassenträchtiges hingegen wieder und wieder kopiert, um den Erfolg möglichst oft zu wiederholen.“ Gut möglich also, dass in der Kieler Oper demnächst die eine oder andere Inszenierung im Western-Stil daherkommt …
Christoph Forsthoff
„L’elisir d’amore“ („Der Liebestrank“) (1832) // Melodramma giocoso von Gaetano Donizetti
