„Ein globales, Zivilisationen, Kulturen und Theaterformen verbindendes Gesamtkunstwerk“ – so Intendant Nikolaus Bachler über die „Ring“-Neuinszenierung der Osterfestspiele Salzburg, die sich bis 2030 (übernächstes Jahr unterbrochen durch Schönbergs „Moses und Aron“) erstrecken wird. Regisseur und Ausstatter Kirill Serebrennikov setzt Richard Wagners germanisch und nordisch inspiriertes Musikdrama dafür in einen globalen Kontext: Der Vorabend „Das Rheingold“ spielt im eisbedeckten Afrika, irgendwann nach der weltweiten Apokalypse. Die Felsenreitschule wird dafür zur schwarzen, dampfenden Vulkanlandschaft, dazwischen ethnische Artefakte, Trachten, Masken, Skulpturen. Welttheater, das überbordend illustriert wird von beweglichen Leinwänden über der Bühne. Darauf laufen eigens für die Produktion in Island gedrehte Filmszenen – zu sehen: ein geschundener, in die Enge getriebener, psychotischer, zähnefletschender, einsamer Mensch zwischen Gletschern, Geröll und Matsch. Alberich.

Serebrennikov fokussiert sich fast voll und ganz auf seine Charakterstudie des Nibelungen – tritt dieser mal nicht in Erscheinung, entsteht spürbar eine Leerstelle. Das geht auf Kosten der zwischenmenschlichen Beziehungen, manches an der Personenführung bleibt emotional gesehen ziemlich statisch. Steht Leigh Melrose aber auf der Bühne, zieht er mit seiner fratzenhaften Darstellung in den Bann und unterfüttert den starken szenischen Eindruck mit intensiv wutspeiendem Duktus – nicht die größte Stimme, aber ein sehr intelligentes Rollenporträt. An einem solchen versucht sich auch Christian Gerhaher als Wotan. Leider kommt die Akustik der Felsenreitschule (das Große Festspielhaus wird derzeit saniert) dem begnadeten Lied-Sänger aber nicht gerade entgegen, ein klassischer Heldenbariton wäre bei aller psychologisch hintersinniger Nuancierung in Gerhahers Gestaltung die sinnvollere Wahl gewesen – im nächsten Jahr steht plangemäß die Staffelübergabe an Christopher Maltman an.

Was erschwerend hinzu kommt: Die Götter treten als Wüstenstamm in Einheitsweiß auf und werden damit von der Regie ihrer Individualität beraubt. Dafür bietet Serebrennikov an anderen Stellen mehr als genug Futter für die Augen: die Rheintöchter als tückische Spinnenkreaturen etwa, flankiert von der wandlungsreichen Performer Compagnie Baninga um den kongolesischen Choreografen und Tänzer Delavallet Bidiefono.

Zurück zur Solistenriege. Im Großen und Ganzen präsentiert sich diese leider eher solide als stark, eine packende Ensembleleistung klingt anders. Aufhorchen lassen dennoch das bass-satte Sehnen mit warmer Grundierung, das Le Bu für den hier fast schon romantisch-schwärmerischen Fasolt in den Ring wirft, die wundervoll mystisch umhauchte Erda von Jasmin White und das voluminöse Fundament von Gihoon Kims Donner.

Kommen wir zum Kern des Abends: Die Berliner Philharmoniker sind zurück in Salzburg – und wie! Es ist schlicht und ergreifend Weltklasse, welche filigranen Feinheiten Chefdirigent Kirill Petrenko aus seinem Klangkörper herauskitzelt und wie er gleichzeitig kinoreifen, aber immer intelligenten Klangrausch entfesselt. Bietet der Auftakt zum neuen Salzburger „Ring“ szenisch auch nicht die bezwingendste Lesart, orchestral tut er es dafür umso mehr. „Die Walküre“ 2027 kann kommen – dann mit einem Welttheater-Sprung nach Amerika zum „Día de los Muertos“.

Florian Maier

„Das Rheingold“ (1869) // Vorabend zum Bühnenfestspiel „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner

Infos und Termine auf der Website der Osterfestspiele Salzburg