Wenn wir Timothée Chalamet glauben, interessiert sich heute niemand mehr für Oper. Ein gutes Gegenbeispiel ist die Premiere des Staatstheaters Augsburg, die eindrucksvoll belegt, dass das Stück auch nach 400 Jahren wenig von seiner Aktualität eingebüßt hat: Ein Kaiser, der eine Stadt niederbrennt, um sie nach seinen Vorstellungen neu zu erbauen. Ein Despot, der Kritiker mundtot macht und seine kaum minder intrigante Gattin schamlos betrügt. Intendant André Bücker zeigt das antike Rom als hedonistische Gesellschaft, deren niemals endende Party mit Cocktails und Plastik-Flamingos genauso gut in Florida oder Dubai angesiedelt sein könnte.

Bücker lässt sein Ausstattungsteam Robi Voigt und Aleksandra Kica einmal mehr im knallig bunten Retro-Look schwelgen und belässt es in der Bildsprache leider meist bei Andeutungen ohne letzte Konsequenz. Gleich zu Beginn zeigt er die Titelheldin etwa als Internet-Berühmtheit, die auf „SoloFans“ mit harmlosen Fesselspielen die Fantasien ihrer Follower bedient. Abgesehen von ein paar Video-Einspielern lässt man die virtuelle Scheinwelt aber irgendwie auch schnell hinter sich. Ebenso wie die Folterlust von Kaiser Nero, die pünktlich zur Überreichung des peinlichen FIFA-Friedenspreises wieder unter den Teppich gekehrt wird – Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen keineswegs zufällig. Es spricht für Bücker, dass er sich nicht einfach nur dem aktuellen Trend folgend auf den orangen Präsidenten und seine korrupten Amigos einschießt. Denn wenn Poppea als neue First Lady im Schlussbild ihren Weg zum (kurzzeitigen) Ruhm in Buchform verarbeitet, erinnert dies durchaus auch an Bill Clintons Ex-Praktikantin und andere Goldgräberinnen.

Das eigentliche Ereignis findet diesmal vor allem im Graben statt. Denn obwohl die Augsburger Philharmoniker kein Originalklang-Orchester sind, ist hier zu spüren, mit wie viel Lust man sich auf die historisch informierte Lesart von Dirigent Sebastiaan van Yperen einlässt – auch die engagierte Continuo-Gruppe, die dafür sorgt, dass in den endlosen Rezitativen nie die Spannung abreißt.

Manchem Protagonisten oben auf der Bühne ist dagegen anzuhören, dass die Musik der Renaissance nicht unbedingt zur Kernkompetenz gehört. Da gibt es gerade in den kleineren, aus dem Chor besetzten Partien deutlich Licht und Schatten. Eine absolute Wonne ist wiederum Kate Allen, die mit wohltönender Alt-Stimme Poppeas Liebhaber Ottone gibt. Ebenso Natalya Boeva als betrogene Kaiserin Ottavia, deren resigniertes „Addio Roma“ ähnlich unter die Haut geht wie das berühmte Schlussduett „Pur ti miro“. Dieses stammt wahrscheinlich nicht von Monteverdi selbst, hat aber mit Gerben van der Werf einen stilsicheren Nero, dessen angenehm timbrierter Countertenor ideal mit dem kühlen Sopran von Jihyun Cecilia Lee (Poppea) verschmilzt. Beide bewegen sich ähnlich stilsicher wie Priya Pariyachart, die als Fortuna den hedonistischen Kaiserhof ordentlich aufmischt. Da mag Avtandil Kaspeli als Seneca mit wuchtigem Bass noch so autoritär dagegenhalten: An Neros Kaiserhof muss sich der Philosoph den Blendern geschlagen geben. Aber dieses Gefühl kennen wir ja inzwischen zur Genüge.

Tobias Hell

„L’incoronazione di Poppea“ („Die Krönung der Poppea“) (1642) // Opera musicale von Claudio Monteverdi

Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Augsburg