Mit seiner Theater-Trilogie machte der französische Dichter Beaumarchais die Figur des Figaro berühmt. Rossini verwandte die Geschichte für seinen „Barbier von Sevilla“, den man an der Kammeroper Schloss Rheinsberg jedoch links liegen lässt. Hier widmet man sich der 1782, also drei Jahrzehnte zuvor entstandenen Vertonung aus der Feder von Giovanni Paisiello, Kapellmeister am Petersburger Hof von Katharina der Großen.

Das Figurenarsenal ist bekannt: Der umtriebige Barbier Figaro bessert seine Einkünfte als Heiratsvermittler auf und dient dem lüsternen Grafen Almaviva. Dieser stellt Rosina nach, die von ihrem Vormund Bartolo weggesperrt wird. Unter dem neuen künstlerischen Leiter Jelle Dierickx bleibt man dem Regionalbezug treu: Paisiello war ein Lieblingskomponist von Prinz Heinrich von Preußen, dem Rheinsberger Schlossherrn. Die Aufführung geht im schmucken Schlosstheater über die Bühne. Regie führt der vorherige Intendant Georg Quander, im Graben spielt die Kammerakademie Potsdam unter Werner Ehrhardt.

Die Solisten sind Preisträger des vergangenen Rheinsberger Gesangswettbewerbs. Sie vereinen sich zu einem stimmlich und darstellerisch überzeugenden Ensemble, das in den komischen Verkleidungsszenen zur Hochform aufläuft. Dabei wirken Paisiellos Figuren realistischer, nicht so satirisch überzeichnet wie bei Rossini. Erkennbar werden auch Ähnlichkeiten mit der „Fortsetzung“ der Geschichte: Mozarts „Hochzeit des Figaro“, vier Jahre später entstanden.

Bühnencharisma und komödiantisches Talent stellt Gevorg Ginosyan als Figaro unter Beweis; seinen kraftvollen Bariton führt er leicht und agil. Als schlaue, quicklebendige Rosina bezaubert Letícia Peixoto de Moraes das Publikum mit ihrem hellen, wendigen Sopran. Als Graf hinterlässt Elías Ongay vor allem in seiner Verkleidung Eindruck: als näselnder Musiklehrer mit Brille, Stirntolle und Halskrause.

Im Vergleich zu Rossini geht es bei Paisiello weniger effektheischend und theatralisch zu. Die bekannten Opernfiguren erscheinen in einem neuen Licht. Aufgewertet wird die Figur des eifersüchtigen Doktor Bartolo. Gergely Kereszturi gibt ihn als eitlen Gockel mit gehörnter Perücke und rotglänzendem Schuhwerk. Ihm gelingt die Bandbreite zwischen Hysterie, Kontrollwahl und Liebestollheit. Bartolos Kompagnon ist Don Basilio, von Lucas López López verkörpert als intriganter Fiesling mit rabenschwarzem Buffo-Bass.

Sevilla-Flair kommt in den ersten Szenen auf, die auf der Plaza vor Bartolos Haus spielen. Figaro und der Graf lauern hinterm Springbrunnen, als Rosina auf ihrem vergitterten Balkon erscheint. Dann verlagert sich das Geschehen in Bartolos gute Stube, die mit Klavier, Schreibpult und Chaiselongue ausgestattet ist. Georg Quanders geradlinige Inszenierung verzichtet auf Regietheater-Mätzchen und trägt mit feiner Personenzeichnung und dezenter Komik die jungen Sänger auf Händen. Die fantasievollen, historisierenden Kostüme kommen im schlichten Bühnenbild schön zur Wirkung. 

Im Graben überzeugt die Kammerakademie Potsdam. Deutlich wird mit jedem Takt, dass hier mit Werner Ehrhardt ein profunder Kenner des musikalischen 18. Jahrhunderts die Fäden in der Hand hält. Die Kammerakademie ist „historisch informiert“ zugange: forsch, mit markanten Akzenten und mitreißenden Spannungsbögen. Das Ensemble bringt Paisiellos klare Musik, die eleganten Melodien und klassisch-anmutigen Harmonien zum Leuchten. In den Rezitativen zaubert Massimiliano Toni am Hammerklavier silbrige Kapriolen.

Antje Rößler

„Il barbiere di Siviglia“ („Der Barbier von Sevilla“) (1782) // Oper von Giovanni Paisiello

Infos und Termine auf der Website der Kammeroper Schloss Rheinsberg