Theater Ulm • Die Meistersinger von Nürnberg Mit Wagners großer Oper wächst ein kleines Haus weit über sich hinaus
Feine Sache. Zum Ende seiner achtjährigen Ulmer Intendanz hat Kay Metzger „Die Meistersinger von Nürnberg“ noch einmal selbst inszeniert und damit eine künstlerische und politische Herzensangelegenheit auf die kleine Stadttheater-Bühne gebracht, die so klug wie text- und publikumsnah, so humorig wie ernst, so plastisch wie subversiv ist. Ein Volltreffer, erst recht, wenn man sich an die blamable TV-Show-Ästhetik der Bayreuther „Meistersinger“ 2025 erinnert. Dafür belebt Metzger einmal mehr eine von ihm hinzu erfundene Opernfigur: einen Kobold, der mit Schabernack an Pumuckl erinnert, aber auch als Agitator destruktiv zündelt. Wo ein Disput, wo eine Rauferei: Der Kobold (Gaëtan Chailly) feuert an. Auch führt er Lichtregie, dirigiert – und spielt Eva zum Auftakt aller Ereignisse die Notenblätter in die Hand, die Stolzing eben gerade als kompositorisches Naturtalent gefüllt hat. Da bahnt sich deutlich und schnell was an …
Es bahnen sich in dieser Inszenierung aber noch andere, verdammt unerfreuliche Dinge an: die Aggressionen eines vielstimmig uneinigen deutschen Volks. „Habt acht! Uns dräuen üble Streich!“, hält der Nachtwächter als Plakat mit Wagner-Zitat in die Höhe; und einem rabaukenhaften Lehrbuben rutscht schon mal bei der Erläuterung der tradierten und kodierten Meistersinger-Regeln ein Hitler-Porträt zwischen die Folien für den Overhead-Projektor. Nein, so (schwarz-)humorig Metzgers Regie ist – ein Meister fällt mausetot vom Stuhl –, harmlos ist sie sicher nicht. Subtil bis deutlich wird immer mal wieder per Video eingeblendet, wohin repressiver Nationalismus jeder Couleur führen muss. Historische Aufnahmen aus Ulm selbst fügen bedenklich noch Lokalkolorit dazu.
Mit Stolzing aber geht es wieder nach Nürnberg zurück: Er trägt wallende Dürer-Locken, und Markus Francke weiß sich stark zu steigern, bis er im dritten Aufzug die Eva durch seine Kunst offiziell erringt. Diese wird von Maryna Zubko strahlend in der Höhe gesungen; sie probiert sich erfolgreich in neuem Fach aus. Doch im vokalsolistischen Zentrum der Produktion steht eindeutig Dae-Hee Shin als Schuster Hans Sachs. Drei Aufzüge lang bietet er ein Musterbeispiel für klingende Resonanz und konstant verständliche Diktion. Auch durch dieses Ensemblemitglied wächst das Theater Ulm mit diesen „Meistersingern“ weit über sich hinaus. Es gibt größere Häuser, die ein solches Wagner-Format nicht mehr stemmen wollen – und können. In den lyrischen Passagen des zweiten Aufzugs berührt das Philharmonische Orchester Ulms unter GMD Felix Bender besonders, während der (Extra-)Chor plus Münsterkantorei-Motettenchor ihren Volkspart im Finale stimmgewaltig wuchten. Eine Stadt ist auf den Beinen für Wagners ambivalentes Werk. Feine Sache.
Rüdiger Heinze
„Die Meistersinger von Nürnberg“ (1868) // Oper von Richard Wagner
