Der Darmstädter Intendant Karsten Wiegand hat eine Vorliebe dafür, die Grenze von Zuschauerraum und Bühne aufzuheben. In seiner Neuproduktion von „Cavalleria rusticana“ nehmen zu Beginn die Sänger des Chores samt einigen Protagonisten in den vorderen Parkettreihen Platz, setzen weiße Gesichtsmasken auf ihre Hinterköpfe und erzeugen den Eindruck, das restliche Publikum werde von diesen Maskenwesen angestarrt. Auf der Bühne hat der Regisseur eine helle Holzwand mit einem schmalen Durchgang in der Mitte errichten lassen, zu welchem eine Treppe führt. Darauf wird die Fotografie eines süditalienischen Kirchplatzes projiziert.

Wiegand betont in der Handlung das Archaisch-Sakrale, lässt den Chor zu Messgesängen durch den Zuschauerraum marschieren und montiert eine gesprochene Predigt ein, welche das Motiv des „Sündenbocks“ mit der Theologie vom Opferlamm verbindet. So wird der Ehrenmord am Ende als „Letztes Abendmahl“ inszeniert, bei dem die Gemeinde sich zu Brot und Wein an einer Tafel versammelt, auf welcher der ermordete Turiddu hingestreckt präsentiert wird. So stark diese Bilder wirken, so kraftlos ist hier die Personenregie. Die Protagonisten bleiben immerhin wegen ihrer Gesangsleistungen in Erinnerung, so Réka Kristóf als intensive Santuzza, Lena Sutor-Wernich als Lola mit sattem Mezzo und Katrin Gerstenberger als würdevolle Lucia. Matthew Vickers singt den Turiddu ohne Tadel, kann aber im zweiten Teil als Pagliaccio mit seinem saftigen Tenor weit stärker überzeugen, ebenso kommt Rafał Pawnuks kerniger Bariton beim intriganten Tonio besser zur Geltung als später beim gehörnten Alfio.

Der Regie gelingt die Belebung der Handlung bei den „Pagliacci“ im zweiten Teil überzeugender. Das mag daran liegen, dass die in „Cavalleria“ ausgestellten Vorstellungen von Ehre und blutiger Sühne fremd wirken, während die tödliche Eifersucht eines betrogenen Clowns im zweiten Teil emotional greifbarer ist. Hier nun lässt der Regisseur seiner zweiten großen Vorliebe freien Lauf: dem Einsatz von bildgebender Technik. Eine Rotunde aus Monitoren zeigt KI-generierte Klischee-Bilder von Schaustellerwagen sowie das Innere einer Zirkus-Manege. Es herrscht ein pralles, mitunter übervolles Treiben. Durch eine Video-Brille und Live-Kameras wird der Blick auf die Protagonisten gelenkt. Innerhalb der Wimmelbilder bleibt daher die Kernhandlung präsent. So sieht man Matthew Vickers als Canio am Schminktisch, wie er leidenschaftlich das berühmte „Lache, Bajazzo!“ singt, und man kann Megan Marie Hart bei dem in blutigen Ernst umkippenden Possenspiel außer für ihre musikalisch umwerfende Nedda/Colombina auch für ihre Mimik bewundern. Dazu fügen sich singschauspielend tadellos Rafael Helbig-Kostkas quecksilbrig-heller Beppe und Benjamin Russells wohltönender Silvio.

Alessandro Palumbo steuert mit dem gut aufgelegten Orchester einen farbig-üppigen Sound bei, nachdem er im ersten Teil in den langen Vor- und Zwischenspielen schwelgen konnte. Musikalisch war es ein gelungener, szenisch ein ansehnlicher Auftakt der neuen Saison.

Dr. Michael Demel

Cavalleria rusticana (1890) // Oper von Pietro Mascagni  
Pagliacci (1892) // Oper von Ruggero Leoncavallo

Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Darmstadt