„Faust“ ist eine unendliche Geschichte: zwischen zwei Buchdeckeln, auf der Bühne, als Schauspiel und als Oper. Der „Faust“-Stoff ist präsent, obwohl modischer Übereifer versucht, ihn aus dem Bildungskanon zu verbannen. Noch ist das aber nicht gelungen. Das Staatstheater Meiningen eröffnet seine Spielzeit mit der „Historia von D. Johann Fausten“ aus der Feder des deutsch-russischen Schostakowitsch-Nachfolgers Alfred Schnittke (1934-1998).

Seine 1995 in Hamburg uraufgeführte Vertonung geht anders als alle anderen berühmten „Faust“-Opern nicht auf Goethe, sondern auf das Volksbuch von 1587 zurück. Faust ist da ein abschreckendes Beispiel, Grenzüberschreitungen nur als Teufelspakt denkbar. Trotz seiner späten Versuche, Buße zu tun und sich aus seinem auf 24 Jahre geschlossenen und mit Blut unterzeichneten Teufelspakt zu lösen, hat er am Ende seine Seele verspielt und sein Körper wird in einer drastisch geschilderten Orgie der Grausamkeit zerstückelt. Das kommt davon, so die abschreckende Moral von der Geschicht’.

Der Sprache des Librettos merkt man ihre Quelle an. Aber das passt zur pointierten Vehemenz der Musik, die sich vieler Quellen bedient und daraus souverän etwas Eigenes macht. Dank der präzisen Verve, mit der GMD Killian Farrell und die Meininger Hofkapelle das zum Klingen bringt und die Protagonisten und den Chor zu Wort kommen lässt, findet man schnell in den Duktus von Sprache und Musik. Dazu kommt der Wechsel zwischen den Stilen, mit denen Schnittke souverän spielt. Von Gesängen à la Heinrich Schütz oder Choralartigem bis zu Anklängen an Unterhaltungsmusik oder Tangorhythmen ist alles geboten.

Farrell und Regisseurin Eva-Maria Höckmayr haben für ihre Fassung Passagen aus Schnittkes Konzert für Viola und Orchester eingefügt, die von Anna Maria Wünsch (im üppigen Gewand zugleich Helena von Troja) präsentiert werden. Das funktioniert fabelhaft. Tobias Glagau führt als Erzähler souverän durch die Geschichte, Mateusz Ługowski ist ein überzeugender Titelheld. Den Teufel gibt es mit Counter Meili Li als männliche und Mezzosopranistin Abongile Fumba als weibliche Teufelsvariante. Beide tragen ihre hautengen Latexanzüge mit Würde. Da geht es ihnen wie Fausten mit seinem transparenten Leichenhemdchen …

Den von Roman David Rothenaicher bestens einstudierten Chor hat Kostümbildnerin Julia Rösler zunächst mittelalterlich kostümiert, am Ende kommt er in Gegenwartskleidung auf die Bühne. Aus der hat Michele Taborelli einen eher abstrakten Raum gemacht, durch den mitunter etwas Theaternebel wallt oder wo das eingeblendete Video eines Aufgebahrten an einen Anatomiesaal oder die Pathologie erinnert. Mit ihrer ersten Opernpremiere der Saison gelingt den Meiningern ein musikalischer und szenischer Wurf, der entsprechend bejubelt wird.

Dr. Joachim Lange

„Historia von D. Johann Fausten“ (1995) // Oper von Alfred Schnittke, Meininger Fassung mit Ergänzungen aus Schnittkes Konzert für Viola und Orchester

Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters Meiningen