Oldenburgisches Staatstheater • La forza del destino Verdis Oper im filmischen Sog
Gleich zu Beginn der Spielzeit gelingt dem Oldenburgischen Staatstheater mit Giuseppe Verdis „La forza del destino“ ein veritabler Volltreffer – und das in jeder Hinsicht. Die Regie von Joan Anton Rechi ist klug durchdacht und absolut werkgerecht, musikalisch sorgt Vito Cristofaro am Pult des bestens disponierten Oldenburgischen Staatsorchesters einmal mehr für eine spannende, differenzierte Wiedergabe – er beweist sein Gespür für Tempi, Dynamik und gewichtige Akzente auf höchstem Niveau. Bewundernswert ist die Leistung des Sängerensembles. Da ist jede Partie hervorragend besetzt und mit leidenschaftlichem Gesang erfüllt.
Die Handlung wird als eine Folge von Erinnerungen Leonoras erzählt. In ihrer Todesstunde ziehen die Bilder ihres Schicksals, von dem ungewollten Schuss auf ihren Vater bis zum blutigen Finale in der Einsiedelei, an ihr vorbei. In ihrem roten Kleid ist sie also fast ständig auf der Bühne präsent. Die Marketenderin Preziosilla ist hier eine Wahrsagerin, eine Mischung aus schwarzem Todesengel und blondem Vamp, und fungiert als eine Art Spielmacherin. Schon zur Ouvertüre dirigiert sie die Hauptpersonen über die Bühne und lässt sie bedeutungsschwangere Gesten ausführen. Die einzelnen Szenen der Oper gehen nahtlos und dank der Präsenz von Leonora auch bruchlos ineinander über – eine fast schon filmische Dramaturgie. Dazu passt das Bühnenbild von Markus Erik Meyer: Man blickt wie von oben auf eine graue Treppenhausanlage, die in unendliche Tiefen zu führen scheint, in ihrer Optik an Bilder von M. C. Escher erinnert und eine magische, soghafte Stimmung wie in Hitchcocks „Vertigo“ erzeugt.
Die Personenführung ist klar und sinnvoll und artet nie, auch nicht bei den Kampfszenen von Alvaro und Don Carlo, in überzogenen Aktionismus aus. Manchmal verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Vison, etwa wenn der Geist von Leonoras Vater über die Bühne schreitet („Macbeth“ und der Komtur lassen grüßen). Die Klosterszene mit dem großartigen Chor (Einstudierung: Thomas Bönisch) ist von eindrucksvoller Feierlichkeit geprägt. Dass „La dorza del destino“ im Krieg spielt, wird nicht ganz so deutlich. Ein paar wuselig herumlaufende Männer mit Flinten sind zu harmlos. Aber insgesamt ist es eine geradlinige Inszenierung, die dem Werk absolut gerecht wird.
Leonora steht nicht nur szenisch, sondern auch gesanglich im Mittelpunkt. Adréana Kraschewski verfügt über einen sehr ansprechenden Sopran, den sie vom feinsten Piano bis zum strahlenden Forte sehr differenziert und klangvoll führt. Die Arie „Pace, pace“ ist einer der vielen Höhepunkte der Aufführung. Jason Kim, verdienstvolles Ensemblemitglied in Oldenburg, kann auch als Alvaro mit seinem höhensicheren Tenor und seiner leidenschaftlichen Gestaltung begeistern. Als Don Carlo führt Aksel Daveyan einen virilen Bariton mit Kraft und „Biss“ ins Feld. Beide ergänzen sich in den gemeinsamen Szenen ideal. Die Partie der Preziosilla wird hier sehr aufgewertet. Anna Dowsley verleiht ihr viel Persönlichkeit und sinnliche Mezzotöne. Seungweon Lee gibt dem Padre Guardiano mit gutem Bassfundament würdevolle Ausstrahlung. Für die komischen Momente sorgt gekonnt Arthur Bruce als Fra Melitone.
Wolfgang Denker
„La forza del destino“ („Die Macht des Schicksals“) (1862/69) // Oper von Giuseppe Verdi
Infos und Termine auf der Website des Oldenburgischen Staatstheaters
