Nach Louise Bertins „Fausto“ in Essen und Clémence de Grandvals „Mazeppa“ in Dortmund wächst das Opernrepertoire mit Werken von Frauen endlich spürbar. Nun feierte am Aalto-Theater die schwedische Komponistin Elfrida Andrée (1841–1929) mit ihrer Oper „Die Fritjof-Saga“ szenische Uraufführung – 130 Jahre nach ihrer Entstehung. Grundlage ist das Versepos von Esaias Tegner, für Skandinavien ähnlich bedeutsam wie der Nibelungen-Stoff. Das Libretto schrieb Selma Lagerlöf, Nobelpreisträgerin von 1909, die gemeinsam mit Andrée 1894 an einem Kompositionswettbewerb in Stockholm teilnahm.

Lagerlöf verlegte den Fokus auf die Frauenfiguren: die unberechenbare Guatemi und Ingeborg, die ihre Liebe zu Fritjof verleugnet. Zwischen ihnen entspinnt sich ein komplexes Verhältnis aus Verbundenheit und Rivalität, während die Männer eher grundehrliche Softies als eisenharte Wikinger erscheinen. Später strich Andrée einen ganzen Akt über Fritjofs Kriegstaten – ein deutliches Bekenntnis zu „Frauen für den Frieden“. 2019 wurde die Oper in Göteborg konzertant aufgeführt; Essen zeigt nun die erste szenische Realisierung.

Philipp Schlössmann verlegt das Geschehen in einen Bunker, der später einem zerstörten Wald weicht. Bente Rolandsdotter kleidet die Figuren in moderne Materialien mit historisierenden Anklängen – ironisch gebrochen, fast popkulturell. Oder ist es Zufall, dass Ingeborgs silberblonde und Guatemis kastanienfarbene Haare den beiden ABBA-Frauen Agneta und Anni-Frid ähneln? Problematisch ist die neue deutsche Textfassung von Bettina Bartz, Peter Konwitschnys langjährige Dramaturgin, deren spröde Sprache die emotionale Tiefe des Originals konterkariert. Andrées Musik zeigt hörbar ihre Leipziger Ausbildung und die Kenntnis der großen europäischen Oper. Die Regisseurin Anika Rutkofsky versucht, aus den kurzatmigen Ideen Andrées eine ganz große Oper zu formen. Die Inszenierung balanciert dabei riskant zwischen Pathos und unfreiwilliger Komik.

Herausforderungen birgt die Partitur auch für die musikalische Leitung: Je sorgfältiger Wolfram-Maria Märtig die oft nur fragmentarischen Einfälle Andrées mit den Essener Philharmonikern formt, desto stärker drohen die zarten Romanzen und Liebesbekenntnisse ins Kitschige zu kippen. Neben dem Chor und den am Ende wie zu einer Friedensdemonstration aufmarschierenden Chorfrauen (Einstudierung: Bernhard Schneider) überzeugt das Ensemble auf ganzer Linie: Ann-Kathrin Niemczyk als leuchtkräftig-larmoyante Ingeborg, Deirdre Angenent als effektvolle skandinavische Schwester von Wagners Ortrud, Mirko Roschkowski als höhensicherer Sympathieträger Fritjof, Andreas Hermann als heldentenoraler König Ring, Friedemann Röhlig als König Helge sowie durchweg überzeugend besetzte Nebenrollen. Der Applaus fällt lang, aber ohne echte Begeisterung aus.

Roland H. Dippel

„Die Fritjof-Saga“ (2026) // Oper von Elfrida Andrée

Infos und Termine auf der Website der Theater und Philharmonie Essen