Theater Bielefeld • Kassandra Christina Huckle brilliert in einem spartenübergreifenden Ereignis nach Christa Wolf
Donnerwetter, was für ein Bühnenbild von Katharina Schlipf! Eine schräg gestellte Kreisebene, die kniehoch beginnt und übermannshoch endet. Der Boden dieser Ebene weist auf vorausgegangene Kämpfe größten Ausmaßes hin. Die spartenübergreifende Uraufführung „Kassandra“ am Theater Bielefeld beginnt großartig. Die titelgebende Protagonistin hockt in großer Höhe im Hintergrund. Die Bühne dreht sich langsam, der Verfolgerscheinwerfer erhellt die Gestalt mehr und mehr. Dann steht sie mit dem Gesicht zum Publikum. Grandios, dieser Zoomeffekt. Und dann legt Christina Huckle los, anders kann man das nicht bezeichnen. Und die nächsten eindreiviertel Stunden steht, geht und liegt sie allein auf der Bühne und erzählt vom Trojanischen Krieg und dessen Opfern. Von ihren Opfern und ihren Verlusten. Und von der Unausweichlichkeit, in die die Männer ihre Gesellschaften, die trojanische und die griechische, getrieben haben.
Zu dieser Produktion gehört eine Vorgeschichte. Huckle hatte Christa Wolfs Erzählung „Kassandra“ gelesen und seither versucht, dieses Thema zunächst einmal für sich in den Griff zu bekommen und dann die Theaterleitung dazu zu überreden, daraus ein Theaterstück mit ihr zu machen. Nadja Loschky, seit Beginn dieser Spielzeit Intendantin am Haus, war von der Idee sehr angetan. Mathis Nitschke und Stefan Behrisch wurden eingeladen, Musik zu komponieren, Yvonne Gebauer und Nadja Loschky selbst schrieben einen Text nach Christa Wolf. In der Gewissheit, dass die wenigsten Zuschauerinnen und Zuschauer weder den Trojanischen Krieg oder gar die Wolf’sche Version im Hinterkopf haben, wird der Theatertext in Übertiteln projiziert.
Wie es sich für ein griechisches Drama gehört, gibt es auch einen Chor. Einstudiert von dessen Direktor Hagen Enke, bietet er wie gewohnt exzellente Arbeit. Doch anders als im alten griechischen Drama hat er nicht die Aufgabe, das Geschehen zu kommentieren, sondern die schmerzlichen und auch laut aufgerufenen Verluste Kassandras zu wiederholen. Die Modernität der Auftragskomposition von Nitschke reicht gelegentlich an Atonalität. Dirigentin Anne Hinrichsen unterstützt klug die Emotionen Kassandras, Solo-Cellist Mathis Mayr forciert zusätzlich deren Spiel.
Vor allen anderen Leistungen ist die physische von Christina Huckle zu bewundern. Es gelingt ihr, über rund 100 Minuten die Spannung zu halten, mit lauten, leisen und stummen Momenten die erlebte Zeit zu beschreiben, zu bebildern oder durch Schweigen einfach nur wirken zu lassen. Dafür gebührt ihr am Ende ein im wahrsten Sinne nicht enden wollender Beifall. Die Darbietung der übrigen Beteiligten wird ebenfalls respektvoll mit Beifall bedacht.
Ulrich Schmidt
„Kassandra“ (2026) // Spartenübergreifende Produktion –Text von Yvonne Gebauer und Nadja Loschky nach Christa Wolfs gleichnamiger Erzählung, Musik von Mathis Nitschke und Stefan Behrisch (Programmierung Sounds: Jörg Hüttner)
