In „Coming Up for Air“, der neuen Oper des Leipziger Komponisten Bernd Franke (*1959), geht es metaphorisch und ganz direkt um die Luft zum Atmen. Das Libretto von Jessica Walker folgt dem Roman „Das Geschenk des Lebens“ von Sarah Leipciger. In etwas weniger als zwei Stunden Spieldauer werden drei ums Thema kreisende Geschichten und Zeiten mit genau der Freiheit (oder auch Willkür) verknüpft, die das Genre bereithält.

Im Paris des Jahres 1898 geht es um jene Unbekannte aus der Seine, deren Totenmaske ein Nachleben als Kunstobjekt beschieden war. Hier bekommt sie eine Geschichte, die zu ihrem Selbstmord führt. Anfang der 1950er Jahre findet sich die Totenmaske bei dem Puppenbauer Pieter in Norwegen wieder. Er wird den Tod seines kleinen Sohnes durch Ertrinken auch dadurch verarbeiten, dass er die Wiederbelebungspuppe erfindet und mit dem schönen Gesicht jener Unbekannten ausstattet. Die dritte Geschichte führt schließlich ins Jahr 2015, wo die an Mukoviszidose leidende Journalistin Anouk in einem kanadischen Krankenhaus auf eine Lungentransplantation wartet, weil ihr die Krankheit die Luft zum Atmen nimmt.

Regisseurin Florentine Klepper und ihr Bühnenbildner Dirk Becker haben diese Dreiteilung zur Vorlage für einen entsprechend segmentierten Raum auf der Drehbühne gemacht: von der Krankenhaus-Sterilität über nordisches Tüftler-Interieur bis hin zum von Anna Sofie Tuma üppig kostümierten Paris der 1890er Jahre.

Wenn sich die Katastrophen anbahnen, werden die Räume durchlässig, verschränken sich musikalisch und als Handlung. Die Unbekannte geht eine Liebesbeziehung mit der ehrgeizigen Axelle ein, wird von Nicolas erwischt, erpresst und vergewaltigt. In Norwegen ist Pieter so in seine Arbeit vertieft, dass er nicht bemerkt, wie sein kleiner Sohn einen versprochenen Ausflug allein beginnt und ertrinkt. Anouk schließlich hat bei ihrer Lungen-OP einen Herzstillstand samt Nahtoderfahrung. Am Ende hat sich die Unbekannte – trotz ihres inzwischen geborenen Kindes – in der Seine ertränkt, hat Pieter seine segensreiche Wiederbelebungspuppe erfunden und die wieder ins Leben zurückkehrende Anouk zeichnet auf, was Ende des 19. Jahrhunderts und in den 1950ern passiert ist. Die Geschichte kommt so zu sich selbst – und endet damit bei aller Beklemmung tröstlich.

Frankes Kompostion ist ein kraftvoll wogender Strom, der mit zum Teil betörend schönen Klangfarben auf das große Orchester setzt, es nutzt und dabei gut singbare Rollen bereithält. Dafür, dass all das beim Publikum ankommt, sorgen Matthias Foremny und das Gewandhausorchester im Graben, der Chor und die Protagonisten. Herausragend Sopranistin Samantha Gaul als Unbekannte, Bariton Franz Xaver Schlecht als Pieter und Mezzosopranistin Gabrielė Kupšytė als Anouk. Am Ende gibt es Standing Ovations für den Dreiakter.

Roberto Becker

„Coming Up for Air“ (2026) // Oper von Bernd Franke

Infos und Termine auf der Website der Oper Leipzig