In der Hamburger Kammeroper scheuen Textbearbeiter wie Regisseure in der Regel weder zweideutige noch humorvolle Töne, nehmen gern auch einmal Personen unserer Tage aufs Korn – und obendrein haben die Kostümbildner Spaß an Farbe und Pracht. So wie Marie-Theres Cramer in der Inszenierung von „Hoffmanns Erzählungen“, die von Luthers Weinkeller in „Auerbachs Cocktailbar“ verlegt werden. Dort klatschen sich junge, gestylte Kerle im Gothic- und Punk-Outfit zur Begrüßung ab und der Titelheld tanzt in schwarzem Leder auf dem Bartresen. Kann frau machen, zumal Bühnenbildnerin Kathrin Kegler einmal mehr auf eine eher sparsame, doch mit ihren wenigen, pointierten Requisiten und atmosphärischen Hintergrundbildern sehr stimmige Ausstattung des kleinen Raums setzt und so das Optimum an Bespielbarkeit herausholt.

Und was macht Regisseur Marius Adam aus dieser Einladung? Nun, der Intendant der Hamburger Kammeroper bleibt sich treu und setzt auf gute Unterhaltung. Was im ersten Akt gleich einen Knalleffekt fürs Publikum mit sich bringt, denn selbiger spielt im unmittelbar an den Theaterraum angrenzenden Bistro, und die Zuschauer sitzen mittendrin, wenn Schankwirt Luther (Simon Thorbjørnsen) die Cocktails mixt. Eine hautnahe Begegnung, die naturgemäß Begeisterung entfacht und Erwartungen weckt – doch hernach nebenan in der klassischen Bühnen-Saalreihen-Distanz nur selten eine Fortführung findet. Zumal die Personenführung eher klassisch bleibt und allzu wenig Persönlichkeitsprofile herausarbeitet. Indes: Für pure Unterhaltung ist Offenbachs Geschichte um Künstlerdasein und Liebessehnsucht dann doch zu tiefgründig …

Dass ein kleines Haus wie das Allee Theater die vier Frauen- wie auch Bösewicht-Rollen mit ein und denselben Personen besetzt, ist nicht zuletzt den begrenzten Etatmöglichkeiten geschuldet. Und ja, Luminita Andrei hat einen wohlklingenden Sopran, kann Koloraturen wie auch Dramatik – allein in der eben auch notwendigen darstellerischen Wandlungsfähigkeit sind der Rumänin Grenzen gesetzt. Letztere sind bei Titus Witt eher sängerischer Natur; dafür trumpft der altgediente Bariton des Hauses in puncto Albernheiten auf. Guillermo Valdés aber gibt einen Hoffmann, der sich sehen und hören lassen kann, und prunkt immer wieder mit Stahl und Glanz: zwar kein fesselndes Rollenporträt, doch in sich stimmig und überzeugend.

Letzteres gilt auch für das kleine Kammerorchester, für dessen Einrichtung der musikalische Leiter Ettore Prandi sich extra noch einmal die vielen nach Offenbachs Tod aufgetauchten Manuskripte zu der Oper vorgenommen hat. Mit dem Ergebnis immer wieder flirrender, mal grotesker, mal sinnlicher Klänge und einer im Laufe des Abends sogar noch zunehmenden spritzig-präzisen Frische. Der Besuch in der Hamburger Kammeroper lohnt sich auf jeden Fall einmal mehr.

Christoph Forsthoff

„Les contes d’Hoffmann“ („Hoffmanns Erzählungen“) (1881 posthum) // Opéra fantastique von Jacques Offenbach in einer Bearbeitung von Marius Adam, musikalisch arrangiert von Ettore Prandi

Infos und Termine auf der Website des Veranstalters