Dieses Datum zerstört Paradigmen, markiert eine kollektive Zäsur. Es verwirbelt Menschen, bohrt Löcher in Hirne, sorgt für bleierne Ohnmacht, bringt individuelle Positionen massiv ins Wanken. Es ist der 7. Oktober 2023: Hamas-Terroristen überfallen einen Kibbuz und das NOVA-Festival, 1.200 Personen sterben, etliche werden als Geiseln nach Gaza verschleppt. Der Rest bedeutet Krieg, brutal wütet die israelische Armee. In Tel Aviv und anderswo flüchten sich Einwohner in Bunker, Luftalarm wird zum enervierenden Dauergeräusch. Ein Durcheinandertal fräst sich durch vertraute Ordnungen, tröpfelt ins Gemüt. Was tun, wie reagieren? Darüber hat Autorin Lizzie Doron einen brandaktuellen, tief ergreifenden Roman geschrieben, jetzt von Regisseur Dori Engel dramatisiert und im kleinen Berliner Theater im Palais als mutige, sehr ambitionierte Uraufführung unter dem Titel „Wir spielen Alltag“ auf die Bühne gebracht.

Doron geht dokumentarisch vor, addiert den Untertitel „Mein Leben zwischen Trümmern und Träumen“, reiht die Nachrichten und Ereignisse chronologisch und spiegelt sie im Dasein ihrer eigenen Familie und einem Freundeskreis, zu dem auch Palästinenser gehören. Gerade diese Verbindungen werden plötzlich brüchig, ebenso reißen divergierende Interpretationen des Geschehens klaffende Wunden und Klüfte auf. Daraus erwachsen Angst, Misstrauen, Feindschaft – vieles gerät aus den Fugen. Hass nagt, sublimierte Ressentiments brechen sich wutschnaubende Bahnen. Vor allem im zweiten Teil baut Dori Engel manche Brechungen ein, anrührend und dicht ist das Stück vom ersten Moment an. Es erzählt am konkreten Beispiel, welche seelischen Folgen blutige Fehden haben. Insofern geht die Kernaussage über die hier verhandelten Fakten klar hinaus.

Musik spielt eine Rolle, sorgt für Inseln als kurze Verweilpunkte, illustriert Momente und wechselnde Gefühlslagen. Ira Shiran nutzt dafür das Akkordeon, lässt das Instrument atmen und schnauben, intoniert amerikanische Popsongs oder hebräische Lieder, mehrfach erklingen „Lili Marleen“ und „Die Gedanken sind frei“. Das alles arrangiert der Regisseur zu sensibel ausgeloteten Szenen mit scharfen Schnitten. Mitten im Publikum agieren die Darsteller in verschiedenen Rollen, pendeln geografisch zwischen Berlin und Israel. Die gesamte Thematik findet ihren Raum, vom grassierenden Antisemitismus bis zur kritischen Haltung gegenüber der Regierung in Jerusalem. Alina Gause als Lizzie Doron, Ira Theofanidis, Carl Martin Spengler und Meik van Severen legen einen fulminanten Spagat hin, schaffen Betroffenheit ohne Anklage, öffnen den Blick vom autobiografischen Text in allgemeingültige Aussagen. Ein beklemmender, fesselnder Abend, von den Besuchern mit starkem Beifall bedacht. 

Jürgen Rickert

„Wir spielen Alltag – Mein Leben zwischen Trümmern und Träumen“ (2026) // Musiktheater nach dem Roman von Lizzie Doron, Bühnenfassung von Dori Engel

Infos und Termine auf der Website des Theaters im Palais