150 packende Opern-Minuten, die den Atem stocken lassen. Eine musikalische Dauerintensität, die einem immer wieder Schauder über den Rücken jagt. Sängerische Fokussierungen, die nicht einen Moment lang Gedanken jenseits des Bühnengeschehens gestatten. Eine detaillierte Personenregie und Darstellerführung, dass selbst vermeintliche „Nebenrollen“ der Partitur – die es an diesem Abend einfach nicht gibt – zu ergreifenden Charakteren werden. Ein reduziertes Bühnenbild (Rifail Ajdarpasic), das durch seinen Verzicht auf fast alle Farben statt Ablenkung eine visuelle Schärfung bietet, die selten geworden ist in unserer überladenen Welt. Und am Ende unter sich ausdünnenden Choralgesängen ein Gang unter das Fallbeil der Guillotine, der selbst langjährigen Kritikern Tränen in die Augen treibt und den (hernach donnernden) Schlussapplaus nur ganz zaghaft sich entwickeln und erst einmal wieder abbrechen lässt …

Nein, wir befinden uns nicht in einem der großen Opernhäuser hierzulande und schon gar nicht mitten in einer der Metropolen – sondern am nördlichsten Ende der Republik in einem in die Jahre gekommenen 460-Plätze-Haus des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters. Doch das wächst an diesem Abend mit der Inszenierung von Poulencs „Dialogues des Carmélites“ über sich hinaus und reißt das gemeinhin eher zurückhaltende, das klassische Opernrepertoire bevorzugende Flensburger Publikum selbst in der zweiten Vorstellung dieses Werks der (gemäßigten) Moderne noch zu stehenden Ovationen hin. Denn hier stimmt einfach alles: Angefangen von dem unablässig nervös pulsierenden Instrumentalgewebe des Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchesters, in dem sich immer wieder neue Abgründe eröffnen und GMD Harish Shankar (in der besuchten Vorstellung dirigiert Sergi Roca Bru nicht minder bewegend) die scharfen Brüche zwischen kollektiver Bedrohung und lyrischen Porträts ergreifend herausgearbeitet hat. Über die fast durchweg aus dem Landestheater-Ensemble in Rollendebüts besetzten Protagonisten, die nicht allein als sehr individuelle Charaktere glänzen, sondern auch stimmlich zu fesseln vermögen und deren eindringliche Körperlichkeit und verbale Gestaltungskraft einen nicht einen Moment lang durchatmen lässt.

Bis hin zur Regie Hendrik Müllers, der die Ordensschwestern nicht zuletzt dank der fein unterschiedenen Kostüme (Ariane Isabell Unfried) aus ihrer geistlichen Hülle befreit hat. In dieser realen Geschichte jener 16 Nonnen aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts, die sich in den letzten Tagen der Schreckensherrschaft weigerten, ihr Gelübde zu brechen und wegen konterrevolutionärer Versammlungen zum Tode verurteilt wurden, zeigt er die konkreten Individuen und stellt sie zwischen den Szenen vor – mit einer Präzision, die selten auf Musiktheaterbühnen zu erleben ist. Die wenigen, gut besetzten Herrenrollen können dagegen nur verblassen – und tragen doch ihren Teil bei, dass dieses Stück Historie über Hoffnung, Verzweiflung und Rückgrat am Ende in unserer Zeit landet. Mag 2026 auch erst ein paar Monate alt sein: Diese Poulenc-Produktion hat alle Chancen auf die Operninszenierung des Jahres.

Christoph Forsthoff

„Dialogues des Carmélites“ („Gespräche der Karmelitinnen“) (1957) // Oper von Francis Poulenc

Infos und Termine auf der Website des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters