Das im „Bildnis des Dorian Gray“ bedeutsame „gelbe Buch“ – gemeint ist Joris-Karl Huysmans’ Dekadenz-Bibel „Gegen den Strich“ – beinhaltet nicht nur die Studie einer Demoralisierung, sondern auch Hypothesen zum französisch-belgisch-russischen Gesamtkunstwerk-Labor vor 1900. Für Ľubica Čekovskás am Nationaltheater Bratislava 2013 uraufgeführte Vertonung des Romans von Oscar Wilde waren diese Fragen inhaltlich und musikdramatisch substanziell: Wie vertont man ein Porträt, auf dem die Person altert, nicht aber dessen erst sympathisches, dann verkommenes Modell? Sinnfällig bewältigte die slowakische Komponistin diese Herausforderung mit einer raumakustischen Idee: Eine Knabenstimme setzt beim Schöpfungsprozess durch den Maler Basil makellose Töne. Wenn die Gestalt des immer jung und schön bleibenden Dorian im Bild mit Hässlichkeit altert, werden die Töne schrundig, bedrohlich, gespalten und kaputt.

Das Eduard-von-Winterstein-Theater setzt auch mit dieser deutschen Erstaufführung ganz hohe Maßstäbe: ein bejubelter Ensemble-Triumph, eine starke Orchesterleistung unter Dieter Klug, ein cooles Sittenprotokoll von Regisseurin Vera Nemirova. Čekovská hatte sich (wie 2021 bei „Here I am, Orlando“ in Brünn) eines queeren Stoffes aus Britannien bemächtigt. Immer wieder lässt die Komponistin Wildes originale Sätze – hier in der prägnanten Übersetzung von Samuel C. Zinsli – wiederholen.

Nemirova versteht die Konstellation aus Dorian Gray, dem hedonistischen Zyniker Lord Henry Wotton und dem pathetischen Maler Basil Hallward als vom Geschlecht unabhängige Spirale des Begehrens. Gastdramaturg Bernhard Doppler interessiert sich für die Performativität des Theaters, des Sexus und des unsichtbaren Bildes, was Andrej Petrovič mit regulierender Choreografie verdichtet. Textdichterin Kate Pullinger setzte dagegen den Schwerpunkt auf Dorian im Fokus einer „Wette“ wie der des Herrn mit Mephistopheles aus Goethes „Faust“. Auch der Theater- und Medienkünstler Youlian Tabakov zeigt kein Bild, sondern nur dessen Rahmen in milchigem Pink. Aussagekräftige Kostüme gibt es für die Komödiantengruppe und eine Gesellschaft in Orgien-Routine.

Als Dorian Gray wächst Richard Glöckner über sich hinaus. Es fasziniert, wie der Buffo-Lyrik-Musical-Assoluto sich die riesige, fast heldentenorale Titelpartie passgenau erobert, mit Dieter Klugs sensiblem Dirigat alle Töne genauestens setzt und brillant das Erkalten, die Ernüchterung und die bleierne Vereisung fassbar macht. Mehr durch eigene Darsteller-Empathie als durch Regie-Impulse schwärmt Angus Simmons als Lord Henry zwischen Frack, Whisky und Netzstrümpfen neben László Varga als emotionalem Mordopfer Basil. Zsófia Szabó nimmt die Partie der Sibyl als vormodernes Primadonnen-Futter mit emphatischer Energie, als ginge es um Verdi oder Gounod. Vincent Wilke gibt ihren zornigen jungen Bruder James mit toxischer Verve – Inzest mehr als wahrscheinlich! Die Milieu-Diva Brothel Madam gewinnt durch Maria Rüssel Intensität, Bettina Grothkopf in der duldsamen Haushälterin Mrs. Leaf eine weitere prägnante Partie. Dass der sich nach dem Ruin das Leben nehmende Alan Campbell (Lukáš Šimonov) ein ganz schlimmer Lustfinger ist, zeigt Nemirova fast karikierend. Aaron Kissiov und die gesamte Komparserie stürzen sich engagiert in die Bordell-Aktionen. Pullingers Vision eines Dorian Gray zwischen Himmel und Hölle wird so zum erotischen Sachreport.

Roland H. Dippel

„Dorian Gray“ (2013) // Oper von Ľubica Čekovská

Infos und Termine auf der Website des Eduard-von-Winterstein-Theaters