Theater Lübeck • Wozzeck Bergs Oper mutiert zu einer feinst gezeichneten Psychoanalyse
Es sind die kleinen unscheinbaren Momente, die bereits zu Brigitte Fassbaenders umjubelndsten Zeiten die besondere Größe dieser Grande Dame der Oper ausgemacht haben. Nun bescheren sie am Theater Lübeck in Alban Bergs „Wozzeck“ einmal mehr eine fein detaillierte und packende Regiearbeit. Dafür braucht es keiner Neuinterpretation dieses vielleicht bedeutendsten Musikdramas der Moderne, sondern einfach nur einer sehr sorgfältigen Personenführung.
Und natürlich eines Ensembles, das mitzieht, allen voran der tragische Titelheld: Bo Skovhus gibt diesen Wozzeck grandios als einen Gepeinigten, zwischen Wahnsinn und gesellschaftlichem Außenseiter, nicht zuletzt von seinen eigenen psychotischen Vorstellungen in die Enge Getriebenen und doch immer wieder sich schlicht nach einem Stück menschlichen Glücks Sehnenden. Eine jede Silbe singt der Däne wohlkalkuliert und kultiviert, sodass der getriebene Zug seines Wozzeck bis in den Tod nachvollziehbar wird. Doch auch Adrienn Miksch vermag die Ambivalenz ihrer Marie zwischen mütterlicher Liebe und weiblicher Lebenslust aufzuzeigen in der reichen Ausdrucksskala ihres bei aller Expression stets wohlklingenden Gesangs.
Kämpfe um und mit sich selbst, für die Fassbaenders langjährige Produktionsbegleiterin Bettina Munzer in ihrem Bühnenbild viel Raum bietet: keine störenden Kulissen, stattdessen im Hintergrund lediglich Torbögen als Auf- und Abtrittswege für dieses Psychodrama sowie ein dezentes Spiel mit dem Licht (Falk Hampel). Munzers Kostüme nehmen mit in die Entstehungszeit der Oper vor 100 Jahren, wie auch die Projektionen an den legendären „Metropolis“-Film erinnern – und fügen sich doch mit der Musik zu einer Einheit, in der Wozzeck außen vor bleibt: Sein Torbogen führt in eine ausweglose Nische.
Szenisch wird dieser Abend so zu einer großen Psychoanalyse, denn die Feinzeichnerin Fassbaender durchleuchtet auch alle anderen Figuren bis in die kleinste Rolle: schlicht ergreifend, wie die kleine Emma Genz als Maries Sohn im rechten Moment den Kopf zu heben oder die Augen aufzuschlagen weiß. Und ob nun der grotesk überzeichnete Doktor (beeindruckend: Bass Changjun Lee), der Testosteron-geputschte Tambourmajor Roman Payers, der tatsächlich auch stimmlich immer wieder aufzutrumpfen, oder der Hauptmann Peter Lodahls, der nicht allein seinen Tenor auszureizen vermag: Ganz offensichtlich ist es die Feinarbeit der Regisseurin, die eine jede Figur mit ihrem ganz eigenen Leben füllt.
Ein Glücksfall zudem, dass auch GMD Stefan Vladar und die Lübecker Philharmoniker die Partitur analytisch präzise ausleuchten und der Musik eine luzide Klang-Transparenz verpassen. Ohne bei aller Feinheit die starke Expressivität, ja Gewalt der Klänge mit ihrer erschütternden Dramatik zu ignorieren, entwickeln sie ein intensives Gespür für die Farbigkeit der Musik wie auch für die Binnenspannung der lyrischen Passagen. Und schaffen so eine Atonalität, die in keinem Augenblick abschreckt, sondern das Publikum aufwühlt, berührt und geradezu cinematisch in diesen Kreislauf der Gewaltspirale zieht.
Christoph Forsthoff
„Wozzeck“ (1925) // Oper von Alban Berg
