Achilles versteckt sich in Frauenkleidern. Unter falscher Identität ist er unter der Herrschaft von König Lycomedes sicher vor dem prophezeiten Tod im Trojanischen Krieg. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis Odysseus seinem Geheimnis auf die Spur kommt, der ihn im Auftrag der Griechen auf der Insel Skyros sucht, um ihn als Kämpfer zu verpflichten.

 „Deidamia“ ist Händels letzte Oper. Sie offenbart in Göttingen eine geniale Musik, die schwer begreiflich macht, wie die Londoner Uraufführung anno 1741 ein Misserfolg werden konnte. Denn Virtuosität ist in diesem Drama konsequent Ausdrucksmittel von Emotionen und nie reiner Selbstzweck. Insbesondere in den anspruchsvollen Arien der Titelheldin, die Odysseus durchschaut, der mit Schmeicheleien ihr Vertrauen zu gewinnen versucht, ihrerseits versucht, ihn zu täuschen, und damit allerhand Missverständnisse auslöst.

Grandios meistert Sophie Junker die großen Herausforderungen dieser Partie. Sie zwitschert mit betörend schönen Spitzentönen wie eine Nachtigall, beglaubigt ihre Liebe mit lyrischer Zartheit und flucht, als Achilles den Verführungskünsten seines Verfolgers erliegt. Den verkörpert – ideal auf ihn zugeschnitten – Ausnahmesopran Bruno de Sà, mit einer Stimme gesegnet, die sich schwer von einer Frau unterscheiden lässt. Mit Nicolò Balducci lässt sich innerhalb des trefflichen Ensembles ein neuer Stern unter den Countertenören ausmachen, der mit großer Agilität und atemraubenden Koloraturen als Odysseus brilliert. 

Die exzellente musikalische Einstudierung harmoniert in Göttingen mit einer erfindungsreichen, klugen und ästhetisch ansprechenden Inszenierung. Die Produktion – eine Übernahme aus Wexford – ist spürbar aus einem Guss, so wie sich George Petrou einmal mehr in seiner Doppelrolle als Dirigent und Regisseur bewährt. Das Geschehen bewegt sich überzeugend auf zwei Zeitachsen: der griechischen Antike und der Gegenwart. Zur Interaktion zwischen den mythologischen Protagonisten und heutigen Touristen, die der Regisseur um sie herum versammelt und die später den Chor firmieren, kommt es allerdings nicht. Vielmehr ist eine spirituelle Zeitreise zu erleben, auf der die Reisenden den Geistern der Vergangenheit energetisch nachspüren.

Besonders eindringlich vermittelt sich das Regiekonzept in einer Arie, in der Deidamia Todesvisionen überkommen. Da spiegeln sich ihre schwermütigen Empfindungen in einer heutigen jungen Frau, die – kurz zuvor noch strahlend im Rampenlicht eines glamourösen Fotoshootings – halbnackt und kreidebleich ihrem Lebensende entgegensieht. Überhaupt haben sich Petrou und sein Team viel einfallen lassen, um die Handlung lebendig zu machen: Mit Raffinesse, Humor und viel Fantasie bebildern sie längere Arien mit Animationen, lassen Vögel über die Leinwand schweben, versenken die Szene mittels Videoprojektionen zwischen Fischen, altem Schiffswrack und Tauchern auf den Grund des Meeresbodens. Oder machen aus den Protagonisten augenzwinkernd Filmstars auf der Kinoleinwand.

Das gelingt erstaunlicherweise so stimmig, dass Musik, Text und Szene trotz der vielen Zutaten eine Einheit bilden. Auch das FestspielOrchester Göttingen zeigt sich im 20. Jahr seines Bestehens mit lyrischem Feinsinn, Verve und Virtuosität in Hochform.

Kirsten Liese

„Deidamia“ (1741) // Melodramma von Georg Friedrich Händel

Infos und Termine auf der Website der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen