Theater Hagen • Salome Selbstbehauptung in der Apokalypse mit Richard Strauss’ Musikdrama
Ein Flugzeug ist abgestürzt. Mit ein paar Schrammen haben die Passagiere überlebt. Sie klettern raus. Regisseurin Noa Naamat versetzt die „Salome“ von Richard Strauss in eine apokalyptische Welt. Die blassen Farben erinnern an Serien wie „The Walking Dead“, und wie im Zombiedrama geht es um die Frage, welche Gesellschaftsform die Überlebenden aufbauen wollen. Herrscher Herodes macht einfach weiter wie zuvor und vergewaltigt erst einmal auf den Schreck eine Stewardess. Eine Gruppe Juden schaut in die heiligen Bücher und diskutiert. Und immer wieder donnert eine Stimme aus dem Bauch des Flugzeugs. Sie gehört Jochanaan, einem christlichen Propheten, der Enthaltsamkeit und Hinwendung zu Gott predigt.
Das Regiekonzept klingt zunächst etwas abenteuerlich. Und an der Düsseldorfer Rheinoper haben Opernfans ja gerade erleben müssen, wie eine völlig verschwurbelte Inszenierung von Stephan Kimmig sogar eine gut gesungene „Elektra“ zerstören kann. Das ist in Hagen völlig anders, denn Naamat setzt nicht auf Verfremdungseffekte, sondern erzählt die Geschichte von Oscar Wilde in einem neuen Umfeld neu, mit präziser Personenführung, nahe an der Musik.
Hagens GMD Sebastian Lang-Lessing ist dabei ein großartiger Partner. Er dirigiert das glänzende Philharmonische Orchester mit theatralem Schwung und großer Dramatik, im Einklang mit der Szene. Natürlich ist die Orchesterbesetzung etwas verkleinert, mehr Platz hat das Theater Hagen nicht, aber das ist völlig egal. Lang-Lessing atmet mit, setzt immer wieder Akzente, hält den Orchesterklang biegsam und sorgt für emotionale Wucht.
Die Partien sind mit winzigen Ausnahmen in kleinen Rollen komplett aus dem Ensemble besetzt. Das schafft kaum noch ein Musiktheater, und natürlich ist der eine oder die andere mal am Rande des stimmlichen Vermögens. Aber auch das passt ins Gesamtbild, denn es geht durch das Setting des Flugzeugabsturzes von Anfang an um eine Ausnahmesituation, in der alle bis zum Anschlag gefährdet und gefordert sind.
Serenad Uyars Salome ist eine junge Frau, die sich am Anfang noch mit den generationstypischen Kopfhörern bewegt, um möglichst wenig von ihrer Umwelt mitzubekommen. Aus ihrer Familie kennt sie nur Macht und Sexualisierung, auch Mutter Herodias (leidenschaftlich: Angela Davis) ist da äußerst aktiv. Jochanaan (Insu Hwang mit gewaltiger Stimmkraft) ist eine Herausforderung für sie, weil er sich völlig aus der Gesellschaft herauszieht. So entsteht Salomes Begehren, ihr Wunsch, diesen unbeugsamen Charakter zu unterwerfen, der nicht einmal auf ihre körperlichen Verlockungen reagiert. Anders als Herodes (Richard van Gemert), den sie mit ihrem berühmten Tanz manipuliert. Der wird in Hagen zur Abrechnung mit dem toxischen Herrscher. Aus einem Band wie aus der rhythmischen Sportgymnastik wird eine Peitsche, Salome führt Herodes seine sexistischen Verbrechen vor.
Zum Regiekonzept passt es, dass Salome den Kapitän des Flugzeugs Narraboth (elegant und klangschön: Anton Kuzenok) einfach abknallt und dass am Schluss kein Kopf auf einer Silberschale hereingetragen wird. Es geht im Kern darum, dass Salome von Jochanaan und allen anderen nicht gesehen wurde, um eine radikale Selbstermächtigung in der Apokalypse – um die Frage, ob einer schrecklichen Gesellschaft nur mit Schrecken begegnet werden kann.
Stefan Keim
„Salome“ (1905) // Musikdrama von Richard Strauss
