Dem Publikum den Spiegel vorhalten: Diese Devise hat man bei den diesjährigen Bregenzer Festspielen offenbar beim Wort genommen. Nicht nur auf der Seebühne, wo das Drama der „Traviata“ vor einem riesigen zerbrochenen Spiegel abläuft. Auch drinnen im Festspielhaus dominiert zumindest im zweiten Teil der „Ausflüge des Herrn Brouček“ eine große reflektierende Scheibe, in der sich dessen alkoholgeschwängerte Abenteuer doppeln.

Janáčeks Oper verbindet zwei höchst unterschiedliche Geschichten miteinander. Verbunden sind sie durch eine Rahmenhandlung, in der sich der Titelheld nach einer feuchtfröhlichen Kneipentour im Rausch zunächst auf den Mond und dann in die Vergangenheit träumt. Und natürlich muss man nicht groß erwähnen, dass sich der alte Trunkenbold in beiden Fällen aufführt wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. Ein so anarchisches Stück würde gerade in unserer politisch so überkorrekten Zeit auch eine ordentliche Portion anarchischen Humor vertragen. Zumindest mehr, als Yuval Sharon den Festspielgästen gönnt.

Dabei gibt sich der Prolog durchaus vielversprechend, wenn das Prager Stadthäuschen des alten Spießers unter Staunen des Publikums als vom Bierdunst angetriebene Rakete abhebt und von Videodesignerin Hannah Wasileski durchs Weltall gewirbelt wird. Aber was könnte man sich da gerade bei der Mondreise nicht noch alles vorstellen? Begegnet der Schweinswürstel futternde Grantler hier doch u.a. einem veganen Performance-Kollektiv, dessen Darbietungen mehr als einmal die Grenze zum Absurden überschreiten. Bei Sharon und Ausstatter Jon Bausor sieht das aber eher nach einem zahmen Remake der „Raumpatrouille Orion“ aus, wenn mit Ausnahme von Brouček selbst alle in halbtransparenten Quadern steckend über die Bühne wackeln. Auch das sorgt zwar im ersten Moment für Lacher, nutzt sich aber leider schnell wieder ab.

Mehr Wucht hat da schon der zweite Teil, wenn es den alkoholisierten Titelhelden in die Zeit der Hussitenkriege verschlägt und wir uns plötzlich in einem mittelalterlichen Kostümschinken wiederfinden. Denn das religiös aufgeladene Pathos gelingt Sharon deutlich besser. Nicht zuletzt, weil der Prager Philharmonische Chor sich hier in absoluter Topform zeigt und in den großen Volksszenen ordentlich Druck macht. Und auch Robert Jindra am Pult der exzellenten Wiener Symphoniker kitzelt aus der Partitur immer wieder Nuancen heraus, die beiden Ausflügen eine jeweils eigene Note verleihen. Jindra beherrscht die in die Moderne weisenden sphärisch flirrenden Klänge ebenso wie die volkstümlichen Elemente, die Janáčeks Werke so eingängig machen. Sprache und Musik greifen da stets ineinander.

Das international zusammengewürfelte Gesangsensemble schlägt sich mehr als achtbar. Mihails Čuļpajevs und Tatev Baroyan geben auf allen drei Handlungs-Ebenen ein Liebespaar, das nicht nur schmachten kann, sondern auch selbstbewusst für seine Ideale einsteht, während Károly Szemerédy und Jan Šťáva in den tieferen Stimmlagen Autorität ausstrahlen. Getragen wird die Aufführung aber natürlich dennoch von Titelheld Peter Hoare, der neben einem markanten Charaktertenor auch die nötige Bühnenpräsenz und das komödiantische Timing hat, um den alten Kauz Brouček nicht in die bloße Karikatur abrutschen zu lassen. Und allein dafür hat es sich gelohnt, diese hörenswerte Rarität wieder auf den Prüfstand zu stellen.

Tobias Hell

„Výlety páně Broučkovy“ („Die Ausflüge des Herrn Brouček“) (1920) // Oper von Leoš Janáček

Infos und Termine auf der Website der Bregenzer Festspiele