Enorm bedrohliches Blechbläser-Gewitter und eindrucksvolles „Tam Tam“ aus dem Graben, aus dem heraus Michael Balke das Orchester leitmotivisch glänzen und kommendes Unheil ahnen lässt, irrwitzige Gesangs-Partien und ein aussagekräftiges, sich vom grauen Einerlei in den (blut)rot infizierten Wohlstand wandelndes Bühnenbild (Heike Vollmer): was für eine grandiose, am Gärtnerplatz von Nikolaus Habjan mit groteskem Feinschliff und Puppenkunst inszenierte Oper von Einem, der als „Gottfried von“ auszog, Dürrenmatts zeitlos spannende Tragikomödie mit musikalischem Spiegeleffekt zu vertonen!

„Ich bin die Hölle geworden“, bekennt Claire Zachanassian an einer Stelle. Mit rache-mythischer Aura sowie Bein- und Armprothese ausgestattet, hat sie offensichtlich auch so manch Botox-Unfälle überstanden. Sie tritt am Gärtnerplatz als gespaltene Persönlichkeit auf, als genial geführte Klappmaul-Puppe in Begleitung eines furchteinflößenden Panthers und als „Urform“ ihrer Selbst, als in der Erinnerung lebende Frau mit gemischten Gefühlen. Sophie Rennert macht ihre titelgebende „Alte Dame“ zur Mezzo-Sensation. Sie zeichnet weich, wo in die Vergangenheit geblickt wird, klingt unbarmherzig, resolut, klirrend klar und kompromisslos, wo sie ihre monetäre Herrschaftsmacht und ihren eisernen Willen bekundet.

Wie alle wissen, die das zugrundeliegende, 1956 uraufgeführte Schauspiel als Pflichtlektüre inhaltlich noch abgespeichert haben, kehrt die Mehrfachwitwe in die prekäre Heimat Güllen zurück, um spät, aber mit tödlicher Konsequenz Gerechtigkeit einzufordern. Als Minderjährige wurde sie von Alfred Ill geschwängert, der die Vaterschaft leugnete und mit Hilfe bestochener Zeugen den von Klara gegen ihn angestrengten Prozess gewann. Sie wird zur Prostituierten, später zur Milliardärin und macht aus dieser Position heraus der Güllener Gesellschaft ein unmoralisches Angebot: ein Milliardenscheck, wenn Alfed Ill geopfert, von ihnen getötet wird.

Mehr als überzeugend reagiert Ludwig Mittelhammer darstellerisch und mit expressiv geführtem Bariton auf diese lebensbedrohliche und moralisch aberwitzige Situation, durchläuft souverän den Prozess seiner inneren Läuterung, resigniert und erkennt, dass es keinen echten Ausweg aus diesem Dilemma gibt, wo sogar die eigene Familie den Mercedes, Pelzmantel oder Tennisstunden seinem Überleben vorzieht. Nach dem vor der Presse als arglose Gemeindeversammlung getarnten Standgericht landet Ill final exakt dort, wo Claire ihn von Anfang an haben wollte: im Sarg.

Was für ein intensiver Opernabend, der ganz im Sinne Dürrenmatts nicht böse, sondern aufs „Humanste“ wiedergegeben wird. Der jubelnde Beifall gilt natürlich auch dem agilen Chor und den famos besetzten Spitzen der „Güllener Gesellschaft“, für die Matija Meić als Lehrer, Timos Sirlantzis als Pfarrer und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als geldgierig-verschlagener Bürgermeister genannt sein müssen.

Renate Baumiller-Guggenberger

„Der Besuch der alten Dame“ (1971) // Oper von Gottfried von Einem

Infos und Termine auf der Website des Staatstheaters am Gärtnerplatz