Tiroler Festspiele Erl • Cléopâtre / Suor Angelica Eine Gegenüberstellung von Berlioz’ „Cléopâtre“ und Puccinis „Suor Angelica“
In Erl bringt man die dramatische Kantate „La Mort de Cléopâtre“ aus der französischen Romantik und die Verismo-Oper „Suor Angelica“ erstmals zusammen. Regisseurin Deborah Warner zieht mit viel Fingerspitzengefühl die Parallelen: Beide Titelheldinnen durchleben am Ende ihres Lebens intensivste Gefühlszustände wie Einsamkeit, größte Verzweiflung, unerträglichen Verlust und innere Zerrissenheit – sie finden die Lösung nur im finalen Selbstmord. Beide entkleiden sich zuletzt ihrer würdebringenden Kleidung (Antony McDonald). Die ägyptische Regentin legt ihr elegantes Kostüm ab und die Nonne ihre helle Klostertracht – beide scheiden in weißen Hemdchen barfuß aus dem zu schmerzhaft gewordenen Leben.
Zweimal wird die Beklemmung der Protagonistinnen in ihren Sterbeszenen in beengtem Raum gleichgesetzt: Cléopâtre flieht in ein winziges Bunkergrab mit eisigem Steinbett. Dort lässt sie sich von der todbringenden Schlange beißen und betet zu den Göttern des Nils, um in den Armen von zwei Dienerinnen zu sterben. Angelica trinkt Pflanzengift in den kalten Klostermauern, die auch nicht vor der Grausamkeit der Außenwelt schützen können. Der meist leere, düstere Klostersaal erstrahlt nur anfangs in warmem Licht und wird bestückt durch Holzpulte, die von den Schwestern in die Bühnenmitte getragen und als Arbeitsfläche wie als Gabentisch verwendet werden. Am Stückende, wenn Angelica um ein versöhnendes Zeichen der heiligen Mutter Gottes fleht, öffnet sich die Bühnenrückwand und aus dem gleißenden Licht läuft ein kleiner Junge (an diesem Abend das einzige männliche Wesen auf der Bühne) herbei, der die sterbende Ordensschwester streichelt. Die beiden Schicksale werden stimmig, harmonierend und eindringlich erzählt – ein gelungenes Regiedebüt der Britin in Erl.
Véronique Gens glänzt vokal und darstellerisch als Pharaonin mit einer etwa 20-minütigen Lebensbeichte. Zu lieblicher Musik erinnert sie sich mit ihrer tragfähigen Stimme an ferne Tage, als sie Macht über Reich und Männer hatte. In ihrer Eitelkeit zutiefst durch den siegenden Octavian gekränkt, reagiert die stolze Ägypterin mit emotionaler Eruption und hohen Attacken. Schmerz und Verzweiflung sind bei diesem Seelenstrip fast körperlich spürbar, bis die Orchesterbegleitung mit einem beeindruckenden Decrescendo Cléopâtres Tod musikalisch untermalt.
Die rührende Figur der unglücklichen Klosterfrau vermag Corinne Winters Ausdruck und Überzeugungskraft in die Stimme zu legen. Sie beeindruckt mit expressivem Timbre, wenn sie ihren Sohn beweint, der ohne seine Mutter gestorben ist, und ihr gelingen starke Ausbrüche von Angelicas Gefühlswelt im spannungsvollen Dialog mit der unerbittlichen Tante. Diese könnte von Alice Coote noch gebieterischer und strenger gezeigt werden, eine würdevolle Adelige ist auf der Bühne nicht zu erkennen. Elena Zilio, Enkelejda Shkoza, Marta Pluda und Christina Gansch ergänzen rollendeckend die Ordensschwestern. Der weibliche Chor agiert sensationell und harmonisch. Dirigent Edward Gardner setzt auf drastische Orchesterfarben, Dissonanz, aber auch lyrischen Ausdruck und Klangschönheit. Tosender Applaus für alle.
Susanne Lukas
„La Mort de Cléopâtre“ (1829) // Scène lyrique von Hector Berlioz
„Suor Angelica“ (1918) // Oper von Giacomo Puccini
Infos und Termine auf der Website der Tiroler Festspiele Erl
