Deutsche Oper Berlin • Mittwoch aus Licht Stockhausen zelebriert die Utopie der Liebe
Spinnerei, Spielerei oder schlicht genial? An Karlheinz Stockhausens „Licht“-Zyklus scheiden sich seit jeher die Geister. Die sieben zwischen 1977 und 2003 entstandenen Opern – eine für jeden Tag der Woche – ergeben mit einer Spieldauer von rund 29 Stunden das längste Musiktheaterwerk aller Zeiten. Der zutiefst spirituelle Komponist (1928-2007) durchdrang sein gigantisches Opus magnum mit kosmologischen Weltbildern, elektronischen Raumklängen, religiösen Kräftepolen (Michael, Eva und Luzifer) und der sogenannten „Superformel“ (ein einminütiger musikgenetischer Code, aus dem sich die gesamte Heptalogie entfaltet).
Bis heute wurde „Licht“ noch niemals in seiner Gesamtheit realisiert. Zum Auftakt ihres neuen Intendanten Aviel Cahn setzt die Deutsche Oper Berlin jetzt ein Zeichen: „Mittwoch aus Licht“ ist nicht nur die zweite szenische Aufführung dieses Werks überhaupt, sondern auch das finale Puzzlestück von Principal Guest Conductor Maxime Pascal, der mit seinem Kollektiv „Le Balcon“ seit 2018 bereits sämtliche anderen Teile des Zyklus (in Paris und Lille) auf die Bühne gehievt hat. Diese singuläre Erfahrung mit der künstlerischen Sprache Stockhausens kommt der Qualität des Abends extrem zugute. Der „Tag der Liebe und der kosmischen Solidarität“ verlangt nach keinem Dirigenten im klassischen Sinne – von den Instrumentalisten bis zum Chordirektor sind sämtliche Akteure in ein szenisches Ritual eingebunden, dem der Komponist Libretto, Aktionen, Gesten und Symbolik penibel vorgeschrieben hat. Wie Pascal dieses hochkomplexe Konstrukt tiefenscharf einstudiert hat, fesselt als irisierend-meditativer Klangrausch der etwas anderen Art.
Einen dramatischen Erzählbogen im klassischen Sinne sucht man beim „Mittwoch“ vergebens. Im „Welt-Parlament“ debattiert der diffizil ausgestaltete Chor der Deutschen Oper Berlin a cappella mit singendem Dirigenten (Jeremy Bines) über den Wert von Versöhnung und Verständigung, die zweite Szene „Orchester-Finalisten“ eröffnet solistische Räume rund um das Element Luft (von Ventilatoren und Düsenjägern bis zu Kindern, Bienen und Wildgänsen). Das inzwischen legendäre, in diesem Fall im ländlichen Brandenburg voraufgezeichnete Helikopter-Streichquartett wird auf mehreren Bildschirmen bühnenfüllend projiziert – Anna Matz (Violine I), Monia Rizkallah (Violine II), Kirsikka de Leval Jezierski (Bratsche) und Arne-Christian Pelz (Cello) interagieren aus ihren Flugkabinen mittels genauester Taktspuren nicht nur untereinander, sondern auch mit den Propellerblättern, die selbst zum Instrument werden. Die Abschlussszene „Michaelion“ schließlich führt in „eine galaktische Zentrale für Delegierte des Universums“, wo das singende und tanzende „Luzikamel“ inmitten dadaistischen Gebrabbels zum neuen Präsidenten/Operator (herrlich verschrobener Bass mit Kurzwellenempfänger: Robin Adams) gewählt wird – laut Stockhausen ein Symbol für „Frieden mit Gott, dem Schöpfer aller Universen, Kreaturen“. Verquast? Visionär? Völlig abgedreht? Man sieht staunend zu, wie alle Beteiligten – darunter auch Pascals Ensemble „Le Balcon“ – das alles bierernst und feierlich in den Raum stellen.
Passend dazu platziert Bühnenbildner Markus Selg einen wüsten Steinaltar im Zentrum der Bühne, der Deutungshorizonte zwischen Archaik und Apokalypse eröffnet: Mal zeigen die dahinter vorbeiziehenden Videoströme (Selg mit Warja Rybakova) gemächlich dahinfließenden Wüstensand, dann wieder wilde Farbenstrudel zwischen Bomben, schmatzenden Ziegen und dem göttlichen Auge der Erkenntnis. Das wirkt mit der Zeit wie sich ständig wiederholende KI-Gebrauchsgrafik; ganz abgesehen vom ärgerlich inflationären Stroboskop-Einsatz während der „Orchester-Finalisten“, der mit unablässigem Gleißen wohl einen psychedelischen Fiebertraum erzeugen soll, auf Dauer aber einfach grenzwertig unangenehm ist (Licht: Marcel Weber/MFO). Regisseurin Susanne Kennedy bettet den „Mittwoch aus Licht“ in eine sehr reduzierte, rituelle Personenführung. Das deckt sich mit Stockhausens Prozessions-Charakter – mehr wäre vielleicht sogar zu viel. Unterstützt wird der Gesamteindruck von Andra Dumitrascus zeremoniellen Roben.
2028 jährt sich Stockhausens Geburtstag zum 100. Mal. Maxime Pascals persönliche Reise durch den „Licht“-Kosmos ist für ihn noch längst nicht abgeschlossen – hoffen wir, dass sich seine Vision der weltweit ersten geschlossenen Gesamtaufführung dann bewahrheitet.
Florian Maier
„Mittwoch aus Licht“ (entstanden 1995-97; posthume szenische Uraufführung 2012) // Oper von Karlheinz Stockhausen
