Diese Eröffnungspremiere ist eine ganz besondere: Nach 14 Jahren Sanierung gibt es endlich wieder Oper am Offenbachplatz. Wie froh das Publikum über diese Rückkehr ist, zeigt sich schon beim obligatorischen Hinweis auf das Fotoverbot. Bei der elektronischen Durchsage „Willkommen im Opernhaus am Offenbachplatz“ brandet spontaner Applaus auf.

Der Neubeginn wird in Köln gebührend gefeiert, mit einem roten Teppich und einer zeitversetzten TV-Übertragung der Premiere: Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ in der Inszenierung von Marie-Ève Signeyrole, die die Handlung in die glamouröse Welt des Films verlegt. Der erste Aufzug – eine historisierte Romanze aus der Entstehungszeit der Oper – spielt am Set des neuesten Films der Marschallin alias Regisseurin Marie-Theres Werdenberg. Live-Kameras bringen das Kino in die Oper: Zwischen realen und gefilmten Bildern verschwimmen Historie und Gegenwart, ebenso wie gespielte Filmszenen und die Romanze zwischen Marschallin und Octavian. Letzterer ist in dieser Inszenierung übrigens keine Hosenrolle, sondern eine junge, queere Schauspielerin. Kann man so sehen.

Die Verbindung von Film und Oper ist in der Tat faszinierend, Signeyroles Inszenierung überzeugt allerdings ebenso wenig durchgehend wie das ästhetische Konzept (Bühne: Fabien Teigné / Kostüme: Yashi). Trotz umfangreicher Erläuterungen im Programmheft bleiben zu viele Fragen offen. So ist in Signeyroles sehr heutigem Setting völlig unklar, warum Faninal (gebieterisch: Christian Miedl) so sehr auf die Verbindung seiner Tochter mit Baron Ochs auf Lerchenau pocht. Apropos Ochs: In Hugo von Hofmannsthals Libretto ist er eine durchaus facettenreiche Figur; hier hingegen bleibt seine Übergriffigkeit gegenüber Frauen beinahe seine einzige Charaktereigenschaft. Eine Studie über Machtmissbrauch in der Filmbranche ist Signeyroles Inszenierung trotzdem nicht. Dafür müsste auch die Position der gegenüber Octavian übergriffigen Marschallin – als Regisseurin, Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin – deutlich kritischer hinterfragt werden.

Lohnenswert ist der Abend in Teilen dennoch, vor allem dank der Solistinnen und Solisten – allen voran Bianca Andrew mit einem grandiosen Debüt als Octavian. Auch Magdalena Hinterdobler als nachdenkliche, aber stets die Fäden in der Hand haltende Marschallin und Giulia Montanari als strahlende Sophie glänzen in ihren Rollendebüts. Patrick Zielke ist ein erfahrener Ochs auf Lerchenau und punktet mit vollem Körpereinsatz. Dalia Schaechter und Martin Koch ergänzen sich als Annina und Valzacchi perfekt.

Die musikalische Leitung des Abends, dem erstmals die kritische Neuedition des „Rosenkavaliers“ zugrunde liegt, hat der neue GMD Andrés Orozco-Estrada inne. Am Pult des Gürzenich-Orchesters lässt er allerdings das Gespür für die ungewohnte Akustik des Opernhauses und die Strauss’sche Emotionalität etwas vermissen. Allzu oft wirken die launigen Walzermotive laut und gehetzt, die nachdenklichen Momente der Partitur könnten mehr Raum vertragen. Alles in allem: ein Einstand mit Höhen und Tiefen.

Adele Bernhard

„Der Rosenkavalier“ (1911) // Komödie für Musik von Richard Strauss

Infos und Termine auf der Website der Oper Köln

Kostenfreier Stream bis 27. September 2027 in der ARD Mediathek