Die Saison-Premiere der Wiener Staatsoper bringt zwei Einakter von Alexander von Zemlinsky und Béla Bartók, die fast zeitgleich uraufgeführt wurden (1917/18) und in der Vergangenheit hier an nur wenigen und lang zurückliegenden Spieltagen zu erleben waren. Beide Werke handeln von jeweils einem Ehepaar im Krisenmodus. Regisseur Vasily Barkhatov interpretiert die Handlung teils neu und stellt einen szenischen Bogen zwischen den Stücken her. Er zeigt EIN Protagonistenpaar in einem Kammerstück, verortet in einem gestylten, gediegenen Design-Einrichtungshaus; Christian Schmidt gestaltet die für beide Opern einheitliche Bühne mit moderner Eleganz.

Guido Bardi aus der „Tragödie“ ist kein florentinischer Renaissance-Adeliger, sondern therapiert als Eheberater das verheiratete Paar an deren Arbeits- und Wohnplatz mit einem Eifersuchtsspiel. Die Ehefrau tippt oft gelangweilt am Handy, während ihr – sie ständig abwertender – Gatte sich als Verkaufstalent von Luccaner Damast präsentiert. Schließlich verwandelt sich der biedere Händler zu einem leidenschaftlichen Ehemann und als seine „ehrbare Frau“ den frechen Gast unverschämt küsst, wird aus dem Spielchen Ernst. Der Ehebrecher liegt erstochen im Ehebett und steigert das verlorengegangene Verlangen, sodass die beiden leidenschaftlichen Sex haben.

Offenbar auch während der Pause, da die Szene in Blaubarts Burg weiterführt – mit demselben Sopran in gleicher Reizunterwäsche (Kostüme: Stefanie Seitz), aber einem anderen Bariton als Herzog Blaubart, mit großer Ähnlichkeit zu Simone. Nun muss das Paar durch sieben Türen wandeln, die auf der Bühne nie zu sehen sind. Nur durch Projektionen, einen zerbrochenen Spiegel und dem kalten, leeren Kinderzimmer stellen sie die Folter- und Schatzkammer, den Rosengarten, den Tränensee und das Gemach der ermordeten (Ex-)Ehefrauen dar bzw. dienen als Tore der Seele und der Aufarbeitung von ihren traumatischen Erlebnissen. An diesem Opernende bedeutet Blaubarts „für immer Nacht“ nicht Judiths Tod oder das Versinken in ewig schwarze Nacht, sondern ein positives Ende der Beziehung inklusive sexueller Vereinigung – noch immer mit dem Leichnam aus der Zemlinsky-Oper unter dem Bett. Das Konzept zeichnet sich durch exzellent herausgearbeitete und mit großartigen Darstellern mitreißend auf die Bühne gebrachte Personenregie aus, wird mit einer interessanten Erzählung und sehr speziellen Spielarten von Liebe und Lust umgedeutet.

Asmik Grigorians eindringliche szenische Präsenz und ihre umwerfende Natürlichkeit bringen – trotz nur weniger vokaler Phrasen der Bianca, aber mit wundervoller stimmlicher, hochdramatischer Intensität als Judith – eine Doppelrolle mit enormem Einfühlungsvermögen. Christopher Maltman besticht als Simone mit voluminösem Bariton und dunklen Klangfarben. Er hat mehr kraftvolle Ausdauer als Dmitry Golovnin, der seinen Widersacher Giudo mit zu leisem Tenor und farblos darstellt. Mit tiefen Abgründen, sehr nuancenreicher Tiefe und verletzlich legt Florian Boesch die Rolle des Blaubarts ausgezeichnet an.

Alain Altinoglu brilliert am Pult mit opulentem Farbenreichtum zwischen melodischer, symphonischer Romantik und dem atmosphärischen Umschwung zu dunkelstem Schatten, machtvollem Chaos und ausgesuchter Rauheit. Jubel für alle!

Susanne Lukas

„Eine florentinische Tragödie“ (1917) // Oper von Alexander von Zemlinsky
„A kékszakállú herceg vára“ („Herzog Blaubarts Burg“) (entstanden 1911, uraufgeführt 1918) // Oper von Béla Bartók

Infos und Termine auf der Website der Wiener Staatsoper