„Kannst Du lieben, was Du Dir nicht vorstellen darfst?“ Nach Generationen der Sklaverei sollen Moses und Aron die Israeliten aus Ägypten heim ins gelobte Land führen. Doch wie überzeugt man ein Volk von einem Gott, über dem ein Bilderverbot hängt, der einzig, ewig und allgegenwärtig, aber auch unsichtbar und unvorstellbar ist?

Arnold Schönbergs biblisches Werk ist für die Theater in Basel und Freiburg „der Sandalenfilm unter den Opernmonumenten“. Die nur knapp 50 km Luftlinie voneinander entfernten Häuser setzen unter ihren Intendanten Benedikt von Peter und Felix Rothenhäusler regelmäßig programmatische Ausrufezeichen. Jetzt haben sie sich als Regieduo gemeinsam mit dem Multimediakünstler Olaf Breuning (Ausstattung) zusammengetan, um „Moses und Aron“ grenzüberschreitend in die Region Oberrhein zu bringen: zwei Opernchöre, zwei Ensembles, zwei Theater aus zwei Ländern. Los geht es in Basel, gefolgt von einer Freiburger Aufführungsserie ab März 2027.

In Schönbergs Ideendrama prallen zwei Weltbilder aufeinander: auf der einen Seite Moses, ein fanatischer und kompromissloser Prophet, für den wahre Gottesnähe ohne verfälschende Zwischentöne nur in der nackten „Wunschlosigkeit der Wüste“ zu erreichen ist – auf der anderen Aron, Sprachrohr zwischen seinem Bruder und dem Volk, aber mit eigener Agenda: Gott müsse die Menschen mit greifbaren Bildern und Wundern erst einmal emotional erreichen, bevor sie ihm ihr Leben bereitwillig anvertrauen.

„Du sollst Dir kein Bild machen!“ Mit 87 Jahren verfügt die Schweizer Theaterlegende Walter Hess immer noch mühelos über die genau richtige packende Aura, um das zugrundeliegende zweite Gebot rhythmisch prägnant, mit störrischer Vehemenz und allen Widerständen zum Trotz zu propagieren. Wird Moses anderswo oft mit einem Sänger besetzt, bleibt er hier konsequent Sprechrolle – in klarem Kontrast zu seinem Bruder. Tenor Rolf Romei ist den ganzen Abend über nicht in persona auf der Bühne präsent, seine Stimme erklingt körperlos aus einem großen Lautsprecher: ein fahrbares Holzpodest mit rot glimmendem Megafon, begleitet von mechanischem Rattern, gesteuert via Joystick vom im Orchesterpodest verborgenen Sänger. Wenn Romei betörend süßliche Lobgesänge platziert, wirkt das in dieser Konstellation beklemmend entmenschlicht, undurchschaubar (manipulativ?) und wie der sprichwörtliche Gott aus der Maschine – dem Moses schließlich den Stecker zieht …

Benedikt von Peter und Felix Rothenhäusler holen den theologischen Diskurs mitten ins Publikum. Ihre immersive Inszenierung macht die vereinten Basler und Freiburger Chöre (Leitung: Michael Clark und Norbert Kleinschmidt) zum eigentlichen Star des Abends. Die schwarz gekleideten Sängerinnen und Sänger sitzen erst wie gewöhnliche Zuschauer unauffällig im Parkett, springen dann auf – und entfesseln einen Raumklang, dem man sich nicht entziehen kann (und will). Aufgeheizte Stimmung, fanatisch funkelnde Augen, Aggression, Ekstase, Zweifel, Blutrausch, animalische Wollust: Man ist mittendrin im Geschehen, spürt die Eskalationsspirale eines Volkes im Ausnahmezustand quasi am eigenen Leib – und wird für den Tanz um das Goldene Kalb mit eingeladen auf die Bühne. Dort fallen überdimensionale „Glaubenssätze“ vom Bühnenhimmel, mit denen geprahlt, gemordet und geschlafen wird: Zigarette, Smartphone, Pizza, Weinglas, Staubsauger, Axt, … jede und jeder von uns ist seinen „Goldenen Kälbern“ verfallen, so die eindringliche Botschaft. Man glaubt allen Beteiligten ihre Rollen bis aufs Blut – überlässt so manche Opernregie gerade die Chöre oft sich selbst in klischeebeladenem Bewegungsvokabular, wurde hier erstklassige Arbeit geleistet.

Das lässt sich auch vom Sinfonieorchester Basel unter dem Freiburger GMD André de Ridder behaupten. Der Klangkörper füllt auf einem dreistöckigen Metallpodest die gesamte Bühnenrückwand aus und musiziert Schönbergs Zwölftontechnik trotz der chorischen Unruheherde im Saal derart zupackend und atmosphärisch, dass die bald 100 Jahre alte Komposition so frisch und modern wirkt wie eh und je.

„O Wort, Du Wort, das mir fehlt!“ Bis zu seinem Tod rang Schönberg im Exil mit der Vertonung des dritten Aktes, am Ende blieb die reine Textgestalt. Walter Hess rezitiert daraus am Ende sanft, reflektierend, Auge in Auge mit dem Publikum. „Seid ihr bereit für die Wüste?“ Hess räumt die Bühne leer, Sand rieselt von der Decke, noch eine Stunde später stehen Zuschauer am Rande der Premierenfeier nachdenklich davor. Es gibt keinen Schlussapplaus, kein erlösendes Moment. Der Abend bleibt Fragment.

Florian Maier

„Moses und Aron“ (entstanden 1930-32; szenische Uraufführung 1957 posthum) // Opernfragment von Arnold Schönberg

Infos und Termine: Theater Basel • Theater Freiburg