In seinem 37. Jahr als Intendant der 1990 von ihm gegründeten Herbsttage Blindenmarkt beweist der umtriebige Michael Garschall einmal mehr, wie gut Operette funktionieren kann – und etabliert die kleine, nicht einmal 3.000 Einwohner zählende niederösterreichische Gemeinde damit weiter zu einem mustergültigen Operettenmekka von überregionaler Bedeutung.

Für die Inszenierung des dramaturgisch etwas sperrigen „Zarewitsch“ von Franz Lehár setzt er mit Wolfgang Dosch auf einen bewährten Könner. In einer dramaturgisch wohltuend gestrafften Fassung zeigt dieser eine wahrhaftige, emotionsgeladen bezwingende Liebesgeschichte, die in einem technokratisch emotionslosen Überwachungsstaat spielt, der keinerlei Privatsphäre kennt – Intimität und Individualität können schwerlich Raum greifen. Das alles ist so feinsinnig und mit leichter Hand inszeniert, dass der ernste Hintergrund zwar immer präsent ist und mitschwingt, sich aber nie in den Vordergrund drängt.

Clemens Kerschbaumers Zarewitsch ist ein Zerrissener, dem es als Sohn des Zaren nicht gelungen ist, aus diesem System auszubrechen. Auch in der selbst gewählten Einsamkeit der Emigration kann er sich der Dauerüberwachung nicht entziehen. Folgerichtig singt er so sein Wolga-Lied fernab aller Tenor-Schnulzenhaftigkeit als expressiven Monolog und zeigt dramaturgisch klug durchdacht auch die vokale Brillanz seines profunden Tenors. Ähnlich wie dem Zarewitsch geht es Sonja, die – einst als Kind verkauft – ein Leben als Tänzerin fristete. Auch ihr gelang es nicht, aus ihrem kokottenhaften Leben auszubrechen. Hoffnung keimt auf, als sie dem Zarewitsch als vermeintlich männliche Tscherkesse vorgestellt wird – bis aus dem Verkleidungsspiel Ernst wird. Maja Triler spielt dies mit hinreißender Natürlichkeit und aufgeladener Emotion und entwickelt ihre Sonja so vom schüchtern-verschreckten Mädchen zur selbstbewussten, starken Frau. Ihr silbern heller, tadellos geführter, sinnlicher Sopran, den sie nie forcieren muss, unterstreicht dies. Stimmlich wie vokal empfehlen sich beide als ideale Operetten-Sänger-Darsteller, die nicht den geringsten Wunsch offenlassen.

Das gilt auch für das handlungstechnisch nicht wirklich erhebliche Buffo-Paar, das wohldosiert und unwiderstehlich für etwas Zuckerguss sorgt: Katrin Fuchs (Mascha) singt diseusenhaft-schauspielerisch, Andreas Sauerzapf (Iwan) mit gut sitzendem, profundem Buffo-Tenor – eine ideale Kombination, die mit Spielwitz und herzerfüllter Natürlichkeit besticht, ohne je kitschig oder zotenhaft zu sein. Kammerschauspielerin Marianne Nentwich als Großfürstin (im Original ein Großfürst) und János Mischuretz als Ministerpräsident runden das stimmige Ensemble mit staatstragender Würde ab.

Das Kammerorchester Ybbsfeld unter Thomas Böttcher begleitet solide, hat jedoch noch Potenzial, was aus der szenischen Emotion geborene Lehárgie betrifft. Der Szene folgende bzw. diese befeuernde Akzentuierungen und vor allem Rubati (!!!) wären musikalisch wünschenswert. Alles in allem ist dieser „Zarewitsch“ rundum gelungen und macht einfach pure Freude. Operette mit Ernsthaftigkeit leichtgenommen und mit Leichtigkeit ernstgenommen – ideal!

Daniel Hirschel

„Der Zarewitsch“ (1927) // Operette von Franz Lehár

Infos und Termine auf der Website der Herbsttage Blindenmarkt