Landestheater Niederbayern • Fantasio Triumph für die neue Leitung mit Offenbachs wunderbarer Opéra comique
Im früheren Fürstbischöflichen Opernhaus herrscht bei Kaiserwetter eine geradezu euphorisierende Hochstimmung: „Faites la paix!“ – „Macht endlich Frieden!“ –, schreit es von einer Stoffbahn in offensivem Pink. Das ist auch die Forderung des an Poesie reichen, doch finanziell klammen Studenten Fantasio. Jacques Offenbachs lange unterschätzte Opéra comique darf man also als europäisches Friedensfestspiel begreifen. Doch ohne Vorwissen bleibt das in Paris 1872 uraufgeführte Werk unverstanden. Nach fast einem Vierteljahrhundert Intendanz-Kontinuität durch Stefan Tilch wählte das neue Leitungsteam mit Intendantin Astrid Großgasteiger, Generalmusikdirektorin Elisa Gogou und Svenja Gottsmann (Künstlerische Leitung Musiktheater) diese so schöne wie komplexe Oper zum äußerst ambitionierten und glanzvoll bewältigten Debüt-Streich.
Das Fragezeichen über der versponnenen Beziehung der Prinzessin Elsbeth von Bayern und des zum Hofnarren verwandelten Fantasio begradigt Christian von Götz in seiner turbulenten wie hintergründigen Inszenierung zum Sieg der Herzen. Gespielt wird die Fassung mit einem Mezzosopran für Fantasio, die Offenbach für Célestine Galli-Marié, die erste „Carmen“, kreierte. Die hauseigene Dialogfassung switcht rasant durch viele westeuropäische Sprachen – inklusive niederbayerischem und Münchner Dialekt. In einem „Vorspiel auf dem Theater“ tritt Offenbach selbst auf und stellt dem Ensemble sein neuestes Opus vor – inklusive seiner Identitätskrise nach 1871: „Deutscher Spion in Frankreich, französischer Spion in Deutschland, jüdischer Spion überall!“
Die Interaktionen des lustvoll agierenden und sanglich geschliffenen Chors (Einstudierung: Guiran Jeong) und alle Solisten erhalten durch Nwarin Gads Choreografie gute Form. Die Kostüme von Gabriele Rupprecht spielen mit einem Streich Wies’ngaudi, Burschenschafts-Parodie, Perchtenmasken und einem blauen Hermelinmantel für den bayerischen Märchenkönig (perfekte Bühnenkopie: William Stevens).
Das im Prolog angekündigte „Märchen mit politischer Botschaft und romantischer Liebesgeschichte“ erfüllt sich. Sabine Noack glänzt in der Titelpartie, Emily Fultz entfaltet Offenbachs Steigerungen für Prinzessin Elsbeth mit stupender Leichtigkeit vom Liedhaften ins Lyrisch-Virtuose. Ein alternatives Traumduo von symbiotischer Hierarchie bilden Ensemble-Urgestein Peter Tilch als nach „wahrer Liebe“ suchender Prinz von Mantua und der souveräne Buffotenor George Kounoupias als dessen Adjutant Marinoni. Kyung Chun Kim überzeugt als Sparck mit einem brillanten Narren-Couplet, flankiert von Shunya Goto als Hartmann und Norbert Hohl als Facio. Reinhild Buchmayer erhält als Flamel ein frivoles Couplet aus Offenbachs „La Diva“.
Dass der Abend zum Ereignis gerät, verdankt sich ebenso der Niederbayerischen Philharmonie. Elisa Gogou gelingt bei ihrem Einstand im Musiktheater eine sensible, intelligente und imponierend stilkundige Wiedergabe. Schon zur Pause ist der Erfolg besiegelt. Der großartige Abend macht neugierig auf die folgenden Produktionen.
Roland H. Dippel
„Fantasio“ (1872) // Opéra comique von Jacques Offenbach, Dialogfassung von Swantje Schmidt-Bundschuh, Christian von Götz und Ensemble
Infos und Termine auf der Website des Landestheaters Niederbayern
