„La donna è mobile“: die weltberühmte Arie aus der Pizza-Werbung? Der Gassenhauer, der als Inbegriff italienischer Lebensfreude vermarktet wird, ist in Wahrheit die zynische Diffamierung „der Frau“ durch einen Serienvergewaltiger. Zum Saisonauftakt zeigt das Volkstheater Rostock Giuseppe Verdis „Rigoletto“. Regisseur Christian Poewe und Ausstatterin Wiebke Horn legen frei, was es heißt, wenn in der Oper die Männerwelt zur Schändung bläst – und das Publikum feiert ihre Interpretation. „Eine Oper, bei der man eigentlich nicht versteht, warum sie so beliebt ist“, meint Dramaturg Stephan Knies. Recht hat er. Schließlich begegnet man im Werk statt eines Helden einem System aus kriecherischen Höflingen, die sich am Leid von Frauen ergötzen, sie wie Freiwild jagen und ihrem serienvergewaltigenden Herrn Herzog Mantua (stimmgewaltig überzeugend wie immer: Hyunsik Shin) zuführen.

Der titelgebende Hofnarr, körperlich entstellt und seelisch gezeichnet, passt sich – vielleicht gezwungenermaßen, vielleicht, weil auch er ein Mann ist – dieser kalten Männerwelt an. Dass er als Zeichen des Trotzes ebendieser zu Beginn den Stinkefinger zeigt, ändert nichts: Trotzdem streift er sich das Narrenkostüm über; trotzdem sperrt er seine Tochter weg und nimmt ihr so jedes Recht auf Selbstwirksamkeit. Inszeniert wird die Figur in Rostock vielstimmig: als Mann, der seinen Herrn an Scheußlichkeit nur noch übertrifft, als liebender Vater, als grausamer Herr unter Herren – für die Frau. Überraschung zur Premiere: Statt der zuvor groß angekündigten Baritonistin Lucia Lucas übernahm mit den Endproben die Zweitbesetzung Rolfe Dauz die Premierenpartie des Rigoletto – und überwältigt mit seiner gelungenen Interpretation des zutiefst zerrissenen Narren das Publikum.

Ausstatterin Wiebke Horn erschuf für die destruktiv patriarchale Welt der Oper ebenso klare wie düstere Bilder: kalte Wände mit Zickzack-Muster, eine sich über die Dauer der Oper nicht verändernde „Blechbox“. In dieser finden sie statt, die Vergewaltigungen, die Verabredungen zum Mord, die Entführungen. Auch Gildas Lebensraum befindet sich hier. In der Logik des Ganzen ist ihr Gefängnis freilich ein Raum im Raum, ein Schrank in leuchtendem Barbie-Pink. In diesem haust sie wie eine unberührte Sammlerpuppe in Originalverpackung, bis sie dieser durch Entführung entrissen wird.

Alina Tkachuk verleiht der Gilda mit klarer Interpretation Kontur und schafft es zudem, auch der herzzerreißenden Verwandlung der geschändeten Tochter im zweiten Teil des Abends eine Stimme zu geben. Die Norddeutsche Philharmonie Rostock unter Svetlomir Zlatkov untermauert das Geschehen auf der Bühne mit scharfem Schwung. Hervorragende Akzente setzen am Premierenabend die Soli. Der Opernchor überzeugt sängerisch und spielerisch als grausam geifernde Meute, das Ensemble wird ergänzt durch Mitglieder der Singakademie.

Die Dekonstruktion einer zynischen Männerwelt, in der nur Mitläufer – und Mitläuferinnen – bestehen können, gelingt. Die Frage nach Selbstbestimmung richtet sich hier endlich einmal nicht an die Frau, sondern an Rigoletto: Ist der Stinkefinger zu Beginn wirklich alles an Widerstand, der diesem Mann und Vater möglich ist?

Gildas Weg führt indes ausweglos in die Ausweglosigkeit. Und nein, ihr Freitod, ein Opfer für den Herzog, für den sie nach der Schändung, so will es der Opernplot, eine verheerende Liebe entwickelt, ist hier dankenswerterweise eben kein operntypisches Bild für die ihr einzig verbleibende Möglichkeit zur Selbstbestimmung. Es ist die folgerichtige Konsequenz des erlebten Schreckens in einer Welt, in der für die Frau einfach kein Platz ist.

Maria Häfer

„Rigoletto“ (1851) // Melodramma von Giuseppe Verdi

Diese Premierenkritik ist eine Übernahme vom Nordkurier – wir bedanken uns herzlich für die freundliche Genehmigung. Hier der Link zum Originalartikel.

Infos und Termine auf der Website des Volkstheaters Rostock