Bayerische Staatsoper • Siegfried Wagners Oper auf popkulturellen Pfaden
Wagnerianer lieben ihre Slogans: vom „Jahrhundert-Ring“ anno 1976, über den „KI-Ring“ des letzten Sommers, bis hin zu Otto Schenks putzigem „Märchen-Ring“, der auf DVD für Traditionsbewusste noch immer erste Wahl ist. Wie könnte man nach drei von vier Premieren wohl die Neuinszenierung der Bayerischen Staatsoper knackig betiteln?
Am ehesten würde wohl das Prädikat vom „Netflix-Ring“ passen, das man ursprünglich der Bayreuther Produktion von Valentin Schwarz verliehen hatte. Denn was popkulturelle Referenzen betrifft, läuft Regisseur Tobias Kratzer seinem Kollegen eindeutig den Rang ab. Im Nationaltheater zappt er sich auch auf der dritten Etappe munter durch die TV-Ästhetik der letzten 20 Jahre. Und weil „Siegfried“ bekanntlich das heitere Intermezzo der Tetralogie ist, finden wir uns diesmal in der grell ausgeleuchteten Welt der Vorabend-Soaps. Dort, wo die Siegfrieds von nebenan in der Lindenstraße gute Zeiten, vor allem aber schlechte Zeiten durchleben. Was unter uns gesagt nicht ohne Witz ist, aber in aller Freundschaft hin und wieder auch etwas beliebig wirkt.
Immerhin läuft die Wagner-Soap live ohne Werbeunterbrechung. Allerdings nicht ganz ohne Product placement, wenn Mime etwa eine „Wagner-Steinofenpizza“ in den Herd schiebt oder eine Schachtel „Weißer Riese“ angeschleppt wird. Den echten Märchen-Elementen verweigert man sich dabei konsequent: Drachen, Riesen oder sprechende Vögel gibt es nicht, dafür gleich zwei Siegfriede.
Die erste Stunde wird der Titelheld nämlich von einem Kinderstatisten gedoubelt, dem Benjamin Bruns vom Bühnenrand seine Stimme leiht. Ins Geschehen eingreifen darf er erst in der Schmiedeszene, wo unter Zuhilfenahme von Käsereibe, Mikrowelle und Aquarium jenes magische Schwert zu neuem Leben erweckt wird, das Kratzer in der „Walküre“ eigentlich komplett entzaubert hatte. In solchen Momenten zeigen sich bei diesem „Ring“ dann doch kleine logische Schlaglöcher.
Was Kratzer kann, merkt man vor allem im dritten Aufzug. Wenn Siegfried auf dem Walküren-Felsen endlich das Fürchten lernt und dafür sein jugendliches Alter Ego auf die Bühne zurückkehrt, ist das ein unglaublich poetisches Bild. Ebenso wie das Erwachen Brünnhildes, für das der schüchtern gewordene Held sein Kinderzimmer-Nachtlicht auspackt.
Pathos hat da keinen Platz. Auch nicht im Graben, wo Vladimir Jurowski einen sinfonisch farbenreichen, dabei aber stets transparenten Zugriff auf die Partitur präsentiert. In dieses Konzept fügen sich auch die Solisten bestens ein, allen voran Rollendebütant Benjamin Bruns. Er ist kein Hau-Drauf-Siegfried, sondern ein Held, der die Partie, wann immer es geht, lyrisch angeht und dadurch genug Reserven fürs Finale hat. So kraftvoll und dennoch kultiviert hat man das lang nicht mehr gehört. Auch dank Simone Schneider, die als höhensichere Brünnhilde ideal mit Bruns harmoniert. Etwas mehr kämpft da schon Matthias Klink als Mime, wobei er mit Nicholas Brownlee einen Wotan gegenüber hat, der jeden seiner Auftritte mit raumgreifendem Bassbariton harmoniert. Auch er ist ein Rollendebütant, der in den kommenden Jahren wenig Konkurrenz zu fürchten haben dürfte.
In vokaler Hinsicht bleiben bei diesem „Ring“ bislang kaum Wünsche offen. Ob er sich szenisch rundet, wird die „Götterdämmerung“ zeigen.
Tobias Hell
„Siegfried“ (1876) // Zweiter Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner
Infos und Termine auf der Website der Bayerischen Staatsoper
