Komische Oper Berlin • Lady Macbeth von Mzensk Schostakowitschs Oper packt emotional
Die Partitur zu Dmitri Schostakowitschs zweiter und letzter Oper ist in mehrfacher Hinsicht heikel. Zum einen kann die Musik dröhnend laut sein. Josef Stalin hatte bei einer Aufführung im Jahr 1936 von dem „Lärm“ auf der Bühne derart der Schädel gebrummt, dass er den Komponisten mit einem wütenden Verriss in der Parteizeitung „Prawda“ in Todesangst versetzte. Zum anderen ist sie stellenweise sehr leise, regelrecht ausgedünnt.
In der Neuproduktion der Komischen Oper dröhnt der „Lärm“ nicht, er bleibt Musik, bleibt in seiner Form, seiner Struktur, vor allem seiner Klangfarbe erlebbar. Das Derbe wird zwar plastisch ausgespielt, die grotesken Wendungen haben Biss. Mehr aber prägt in den vielen leiseren Passagen ein geradezu warmer Ton den von James Gaffigan mit seinen vorzüglichen Musikern geformten Orchesterklang, der gegenüber der auf der Bühne ausgestellten menschlichen Rohheit oft einen melancholisch-tröstlichen Kontrapunkt setzt.
Zum kargen Bühnenbild lässt sich nicht mehr sagen, als Barrie Kosky im Vorfeld zu dieser Produktion angekündigt hat. Es solle keinen Unterschied zwischen Innen und Außen geben, keine Wände, keine Fenster, keine Möbel: „Die schlichte Bühne ist bei uns eine Mischung aus Parkplatz und Betonhof.“ Trotzdem gelingt es dem Regisseur, die Handlung mit einem spielfreudigen Ensemble derart plastisch darzustellen, dass man eine realistische Ausstattung zu keiner Zeit vermisst. Ein paar Möbel gibt es indes doch, nämlich Stühle und Tische, welche wie so oft vor allem dazu dienen, umgestoßen oder geworfen zu werden. Auch gibt es ein Bett, in dem die Titelfigur ausgiebig dem Ehebruch frönen kann. Kosky wäre aber nicht Kosky, wenn er nicht die Vorgaben des Librettos zuspitzen würde. Das Groteske wird schrill bis zur Lächerlichkeit getrieben, etwa bei der Rolle des bigotten Popen (Dimitry Ivashchenko mit abgrundtiefer Bass-Schwärze), der als schmuddeliger Trunkenbold überzeichnet wird; das Brutale bis zur Grenze des Erträglichen, etwa mit der Ausstellung des blutig zerschundenen Rückens von Sergej nach dessen Auspeitschung.
Getragen wird das Regiekonzept von ausgezeichneten Singschauspielern. Ambur Braid in der Titelpartie beglaubigt ihr intensives Spiel mit farbenreicher vokaler Gestaltung, die so überwältigend ist, dass man über manche Intonationstrübung in der Höhe hinwegsieht. Unter Casting-Gesichtspunkten ist auch Sean Panikkar ideal für die Rolle des Verführers Sergej. Schlank und durchtrainiert zeigt er einen virilen Schürzenjäger wie aus dem Bilderbuch. Dabei setzt er auf die Stimmfarben eines Charaktertenors, was zu einigen Schärfen führt. Dmitry Ulyanov gibt Katerinas soziopathischen Schwiegervater glaubhaft als sadistischen Tyrannen, lässt jedoch mit seinem etwas spröden Bariton einiges an Schwärze vermissen. Eine Wucht ist der Chor, der sowohl mit seiner homogenen Klangfülle als auch in wunderbar schwebenden Piani überzeugt.
Insgesamt eine trotz pointierter Regiehandschrift werkadäquate Produktion, die ihr Publikum nicht schont, am Ende aber tief berührt entlässt.
Dr. Michael Demel
„Леди Макбет Мценского уезда“ („Lady Macbeth von Mzensk“) (1934) // Oper von Dmitri D. Schostakowitsch
