Die Vorstellung ist weit fortgeschritten schon, bis zur Entbindung von Marguerite, da entfaltet sie szenisch plötzlich Dringlichkeit und Beklemmung: Nach drei Akten, die Regisseurin Lotte de Beer mit allerhand Bühnenkonventionen füllt, geht nun die Tragik Marguerites an die Nieren. Wie sie von Méphistophélès verdammt wird, in Wahnsinn verfällt, ihr Neugeborenes erst wäscht, dann ersäuft, wie sie als ‚gefallenes Mädchen‘ vom Bruder bespuckt und von der Gesellschaft an den Pranger gestellt, beschimpft, gequält und geschoren wird – wie sie nicht mehr aus noch ein weiß vor Verzweiflung, während der Teufel aufs Schafott verweist.

Lotte de Beer denkt da offensichtlich – wie einst auch Goethe beim Verfassen seines „Faust“ – an den öffentlichen Leidensweg der Frankfurterin Susanna Margaretha Brandt, die 1772 nach unehelicher Geburt und Kindsmord hingerichtet wurde. Jetzt erst nimmt – mitleidend – jener böse Lauf der Dinge gefangen, den Méphistophélès immer mal wieder als Strippenzieher und als eine Art Abendspielleiter regelrecht anstößt: Wenn er nämlich mit einem Stock die Drehbühne der Bayerischen Staatsoper in Bewegung setzt, wenn er Requisiten reicht und entzieht, wenn er in seiner Willkürherrschaft die Handelnden mal betäubt, mal belebt.

Zwischen abstrahierender Stilisierung und Kostümhistorismus bewegt sich dazu die Ausstattung von Christof Hetzer und Jorine van Beek; es ist ein enormer Spagat zwischen Modernismen und Geschichtlichkeit. Hier eine äußerst schlichte Holzklause für Marguerite, da Latzhose für Siebel, dort französische Soldatenuniform des frühen 19. Jahrhunderts. Hier Visionen via animierte Projektionen auf bühnenhoher Stellwand, da drastische Schlachtfeld- und Kriegsversehrten-Realistik. Auf dass das Auge gereizt werde, purzelt vieles höchst wunderlich durcheinander.

Nicht so in den Ohren: Vokal ist diese Produktion ein Sängerfest, auch ob der klangmächtigen Chöre. Und orchestral versteht es Nathalie Stutzmann am Pult vor dem Bayerischen Staatsorchester, den musikalischen Geist aus Gounods „Faust“-Partitur trefflich zu beleben: Das Romanzenhafte, das Sakrale, das Hymnische, das Pathos verschränken sich nicht zuletzt dank wunderbar organisch dirigierter Übergänge. (Dass Inszenierung wie musikalische Leitung in Frauenhand liegen – hier wird es Tat.)

Das Auditorium spannte natürlich vor allem auf Jonathan Tetelmann in der Titelrolle, doch hob er sich – trotz ausgestellter, kraftvoller Tenorhöhe, trotz betörend-tragender Mezzopiano-Phrasen – gar nicht groß ab von den insgesamt starken Stimm-leistungen der Premierenbesetzung. Florian Sempey verausgabt sich durchaus vergleichbar als Valentin; Olga Kulchynska bezaubert mit einem jugendlichen, weichen, leuchtenden Sopran, der weite Bögen ziehen kann; Kyle Ketelsen steht als Méphistophélès und hervorragendem Sängerdarsteller ein Bass zur Verfügung, der so schlank wie nachdrücklich seine Gefährlichkeit, seine zunehmend zynische, höhnische, eben dämonische Agitation beglaubigt. Derart viel Vokalglanz kam beim Publikum besser an als die Regie.    

Rüdiger Heinze

„Faust“ (1859) // Oper von Charles Gounod

Infos und Termine auf der Website der Bayerischen Staatsoper