Hessisches Staatstheater Wiesbaden • Schneeflöckchen Liebestod und Frühlingsopfer verschmelzen zu eindrucksvoller Klimawandelparabel
Die Neuproduktion von Nikolai Rimsky-Korsakows Märchenoper „Schneeflöckchen“ bietet wunderbare Musik und beeindruckende Bilder, während die Ausarbeitung der eigentlichen Geschichte nicht restlos plausibel gelingt. Diese geht so: Vater Frost und Mutter Frühling haben die Tochter Schneeflöckchen gezeugt. Das hat den Sonnengott erzürnt, der seit ihrer Geburt Wärme und Licht verweigert und die Welt zu fortdauerndem Winter verdammt. Mit 16 Jahren zieht es Schneeflöckchen zu den Menschen, weil sie sich nach Liebe sehnt. Ihre Eltern wissen, dass die Wärme der Liebe sie zum Schmelzen bringen wird. Der von ihr begehrte Lel verschmäht sie, nicht aber Misgir, der ihretwegen seine Braut Kupawa verlässt. Diese wendet sich an den Zaren, der einen Wettbewerb um die Gunst Schneeflöckchens ausruft. Schließlich entscheidet diese sich für Misgir, schmilzt und besänftigt mit ihrem Liebestod den Sonnengott, der nun den Dauerfrost beendet.
Das Produktionsteam um Maxim Didenko deutet diese Geschichte als Parabel über den Klimawandel: Die andauernde Kälte wird auf eine Ökokatastrophe zurückgeführt. Die allegorischen Gestalten Frost und Frühling sind nun Klimaforscher. Dass die Inszenierung diese aufgepfropfte Idee nicht mit letzter Konsequenz verfolgt und am Ende dem Märchenhaften den Vorzug gibt, gerät ihr zum Vorteil. Der visuelle Eindruck wird von beeindruckenden Videoprojektionen (Oleg Mikhailov) bestimmt, die auf dem Rückprospekt eine verschneite Gebirgslandschaft im Wandel der Tageszeiten zeigen, mit Sonnenuntergängen, Sternenhimmel, aufziehendem Nebel und Wolkentreiben. Die räumliche Tiefe simulierenden Projektionen gehen in Felskulissen über. In sie hinein hat Galya Solodovnikova ein archaisches Zeltdorf gesetzt und seine Bewohner mit fantasievollen Kostümen ausgestattet, die russisch-sibirische Trachten zitieren und mit moderner Winterkleidung mischen. Heidnische Riten bestimmen den Alltag dieses Volkes. Das passt gut zu den Elementen volkstümlicher russischer Musik in der Partitur, die vom Hessischen Staatsorchester unter Leo MacFall in farbiger Pracht entfaltet wird. Locker und duftig gelingen die vielen Soli, kraftvoll die Choreinsätze.
Die Besetzung zeigt die Leistungsfähigkeit des hauseigenen Ensembles: In der Titelpartie bezaubert Josefine Mindus mit ihrem glockenhellen Sopran. Alyona Rostovskaya setzt dazu als ihre Rivalin Kupawa mit jugendlich-dramatischem Ton den passenden Kontrast. Als mythisches Elternpaar überzeugen Camille Sherman mit frischem Mezzo als Frühling und Young Doo Park bass-sonor als Frost. Wunderbar nutzt Fleuranne Brockway ihren klangsatten Mezzosopran für die strophenreichen Lieder des Lel, und auch Jaeyoung Ha ist mit kernigem Bariton rollendeckend als Misgir eingesetzt. Allein der etwas scharfe Charaktertenor von Richard Trey Smagur in der Rolle des Zaren irritiert mit einer Neigung zu krähenden Höhen.
Mag die Inszenierung als Klimawandelparabel undeutlich bleiben, so lassen musikalische Qualität und visuelle Reize die dramaturgischen Leerstellen in den Hintergrund treten.
Dr. Michael Demel
„Schneeflöckchen“ (1882) // Oper von Nikolai Rimski-Korsakow
Infos und Termine auf der Seite des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
