Tamerlan oder Timur Lenk, wie die Geschichtsschreibung ihn zumeist nennt, gilt nicht nur als einer der grausamsten Herrscher und Eroberer seiner Zeit. Er war auch ein bedeutender Kunstmäzen. Nun bildet er das thematische Zentrum der diesjährigen Karlsruher Händel-Festspiele. Neben einer Neuinzenierung von Händels 1724 uraufgeführter Oper „Tamerlano“ beschäftigt sich auch der Festvortrag des Historikers Prof. Dr. Markus Koller mit dem zentralasiatischen Militärführer. In weiterer Ergänzung erarbeitet die Händel-Akademie ein Pasticcio unter dem Titel „Bajazet e Tamerlano“ mit Musik von Ariost, Bononcini, Hasse und anderen Barockgrößen.

Die Leitung der „Tamerlano“-Produktion wurde Kobie van Rensburg übertragen, der nicht nur für Video und Regie, sondern auch für die Ausstattung verantwortlich zeichnete. Dass das Videokonzept hier als erstes genannt wird, ist durchaus beabsichtigt: Van Rensburg, früher selbst ein renommierter Tenor, arbeitet als Regisseur gerne mit Videos und virtuellen Räumen – so auch in Karlsruhe, wo man ein technisch virtuoses Konzept mit einer zweigeteilten Bühne erleben kann, bei dem die Sängerinnen und Sänger vor einem Bluescreen agieren und dann auf einer großen Leinwand in eine virtuelle Szenerie eingefügt werden. Das funktioniert bemerkenswert gut – ein ganz großes Kompliment an die Sängerinnen und Sänger für ihre fortwährende Konzentration: Zum einen ist ihre Mimik in Großaufnahme zu sehen, zum anderen gelingt es ihnen auch, stets die richtige Position für die Kameras einzunehmen. Das Konzept erlaubt über das rein Darstellende hinaus auch verblüffende spielerische Effekte. So gelingt beispielsweise der Flug Irenes auf einem fliegenden Teppich über die Dächer einer orientalischen Stadt. Zwischen ironischer Brechung und ernster Auslegung: Die Lesart van Rensburgs ist stets klar und nur wenige Male gelingt ihm keine klare Auslegung eine Arie. Das filmische Moment ist jedoch derart präsent in dieser Produktion, dass mehr als einmal die Frage im Raum steht, warum man nicht gleich einen richtigen Opernfilm gedreht hat.

Musikalisch sind René Jacobs und das Freiburger Barockorchester schon die halbe Miete: So spritzig, so detailversessen und doch stets mit Blick auf das große Ganze erlebt man Händel-Opern selten. Die Sänger der viereinhalbstündigen (!) Aufführung sind durchweg überzeugend, ohne jedoch Referenzstatus zu erreichen. Zwei gute Countertenöre (Christophe Dumaux als Tamerlano, Alexander Chance als Andronico), die hervorragende Mari Eriksmoen als Asteria und Thomas Walker als Bajazet tragen die Aufführung und auch Kristina Hammarström (Irene) und Matthias Winckhler (Leone) lassen kaum Wünsche offen.

Erwähnenswert ist, dass diese Produktion im kommenden Jahr keine Wiederaufnahme erleben wird. Stattdessen stehen „Faramondo“ und „Floridante“ auf dem Programm, Letztere als Koproduktion mit Bayreuth Baroque, wo die Inszenierung bereits in diesem September zur Aufführung kommen wird.

Manfred Kraft

„Tamerlano“ (1724) // Oper von Georg Friedrich Händel

Infos und Termine auf der Website des Badischen Staatstheaters Karlsruhe